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Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Diesmal mit dunklen Fensterbildern, floralen Abgründen und gefühlter Gegenwartsbeschreibung
// ANGELIKA KINDERMANN, MIRJA ROSENAU, UTE THON, ERIK STEIN
Hamburg: Giovanni Castell

Bedrohliche Landschaften und gelangweilte Nackte sind die Schlüsselelemente von Giovanni Castells neuester Bilderserie "Willkommen im Paradies". Der 1962 in München geborene Fotograf nennt seine digital zusammengesetzten Fototablaus "Fensterbilder".

Tatsächlich besteht der Reiz der großformatigen, schwarz-weißen Bildcollagen im Kontrast zwischen kühl komponierten Innenräumen – meist mit zentral platziertem Aktmodell – und dem Blick durchs Fenster auf eine dramatische Außenwelt. Mal starrt eine blonde Frau mit Whiskyglas in der Hand und Rücken zum Betrachter durch ein riesiges Panoramafenster auf eine Dünenlandschaft, über der eine gefährliche Rauchsäule aufsteigt. Eine andere Frau hockt mit zwei Windhunden vorm brennenden Kamin, während hinter ihr ein gespenstischer Wald ins Zimmer zu wachsen scheint. Castell will mit diesen Bildern "schönes Unbehagen" erzeugen: "Das Dunkle fasziniert mich, das Unlicht in meinen Bildern." Gleichzeitig zitiert er mit seinen düster-romantischen Fenstermotiven Klassiker der Kunstgeschichte von Caspar David Friedrich bis Edward Hopper. Die Fotoserie, die mit Hilfe spezieller 3D-Programme am Computer entstand, bedeutet für den Künstler eine bewusste Abkehr von traditionelleren Gestaltungsprozessen, wie er sie noch bei früheren Werkzyklen anwendete. Bislang war Castell vor allem für seine magisch illuminierten Pflanzenbilder bekannt, für die er echte Blüten und Gräser bei Nacht fotografierte. Die Ausstellung im Kunsthaus Hamburg zeigt Arbeiten der letzten vier Jahre, neben den neuen Fensterbildern auch einige Blumenmotive sowie Fotos aus seiner von Renaissancegemälden inspirierten "Free Fights"-Serie, für die er Martial-Arts-Kämpfer im schummerigen Rotlicht-Milieu ablichtete.

Kunsthaus: 8. bis 12. August 2012

Berlin: Handlungsbereitschaft

"Unsere Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellieren?", fragt sich die Chemnitzer Band Kraftklub in einem ihrer Songs, die man derzeit im Radio rauf und runter spielt. Das junge Kuratorenkollektiv Bublitz, bestehend aus Mona El-Bira, Julian Malte Schindele und Madlen Stange, hat sich dieselbe Frage gestellt und in dem Gefühl "alles sei bereits da gewesen" eine lähmende Grundstimmung ihrer Generation erkannt. Die Ausstellung "Handlungsbereitschaft" hat also tatsächlich das Fehlen einer solchen zum Thema, den Umstand, "dass es keine große politische Empörung gibt, die uns in Rage bringt", wie sie in ihrem Konzept schreiben. Antworten auf das Rätsel, dass ihnen die eigene Generation (die der Zwanzig- bis Dreißigjährigen) aufgibt, suchen sie in der Kunst ihrer Altersgenossen. Neben Mikka Wellner (*1976) oder Martin Kohout (*1984) ist auch der bereits bekanntere Julius von Bismarck (*1983) mit dabei. Bei der ersten Ausstellung der "Handlungsbereitschaft"-Reihe lies er einen echten VW Polo ziellos im Kreis drehen. Der technikaffine Künstler hatte bereits im vergangenen Jahr mit einer interaktiven Installation für Aufsehen gesorgt, die die Emotionen der Besucher aus ihren Gesichtern las und sie auf ein riesiges, leuchtendes Emoticon übertrug. Wie sieht eigentlich das Emoticon für politische Empörung aus?

Kunstsaele: 10. August bis 2. September 2012, Eröffnung: 10. August, 18 Uhr

Frankfurt am Main: Malerei der ungewissen Gegenden

Sie schrecken vor Figurationen nicht zurück, clustern ihre gegenständlichen Versatzstücke allerdings zu Bildwelten, die fiktiv und "unklar" sind: Auf "Malerei der ungewissen Gegenden" verlegt sich der eigentlich zuletzt vor allem auf politische und gesellschaftskritische Kunst fokussierte Frankfurter Kunstverein mit seiner aktuellen Ausstellung. Und hofft damit an den Erfolg der 2003 hier unter anderer Leitung ausgerichteten Malereischau "deutschemalerzweitausenddrei" anzuknüpfen. Eingeladen wurden mit Susanne Kühn (*1969) und Tilo Baumgärtel (*1972) zwei Vertreter der "Neuen Leipziger Schule"; beide haben in den neunziger Jahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Der Schwede Hannes Michanek (*1979) malt seit 2007 als Student der Frankfurter Städelschule. Antje Majewski (*1968) produziert neben fotorealistischer Malerei auch Installationen, Performances und Filme. Die Weltentwürfe der vier Künstler, die eher eine gefühlte als eine analytische Gegenwartsbeschreibung vorstellen sollen, nehmen die gesamte Ausstellungsfläche des Kunstvereins ein.

Frankfurter Kunstverein, bis 16. September 2012

Goslar: Paradise Lost

Als der chilenische Künstler und Fotograf Alfredo Jaar (*1956) von einer Reise nach Ruanda heimkehrte, die er unmittelbar nach den Gräueltaten des Bürgerkrieges angetreten hatte, ließ er seine belichteten Fotofilme eine Weile ruhen. Schließlich brachte er ein paar seiner Filme ins Labor und beschwerte sich kurz darauf, als er die Ergebnisse erhielt. Es müsse sich um eine Verwechslung handeln, es wären schließlich nur Blumen auf den Bildern zu sehen! Was er vergessen hatte: Um dem erschütternden Anblick des Krieges für Momente zu entkommen, hatte Jaar sich immer wieder in das Fotografieren von Blumen versenkt.

Die Anekdote führt zweierlei vor Augen: Sie zeugt von der Kraft floraler Schönheit, die alles Elend um sie herum vergessen machen kann. Sie offenbart aber auch die Funktion, die wir Blumenbildern gewöhnlich zuschreiben. Die fotografierte Blume soll uns den Sorgen des Daseins entreißen. Und insofern geht es ihr ein bisschen wie dem Schlager – beliebt bei den Massen, aber ohne Standing in der E-Kultur. Die Ausstellung "Lost Paradise" würde das gerne ändern und führt mit Hans-Peter Feldmann oder Fischli/Weiss namhafte Künstler der Gegenwart ins Feld. Die setzen in ihre blumigen Sehnsüchte deren Kehrseite oft gleich mit ins Bild, wie in den welken Blumen des Japaners Nobuyoshi Araki, der das Zusammenspiel von Eros und Thanatos thematisiert. Der Titel der Ausstellung zitiert ein Gedicht von John Milton. Es erzählt die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies.

Mönchehaus Museum: 12. August bis 23. September 2012, Eröffnung: 11. August, 18 Uhr

Hamburg: Kampnagel Sommerfestival

Es ist schon das fünfte Sommerfestival, das heute in der ehemaligen Maschinenfabrik Kampnagel in Hamburg-Winterhude startet. Und traditionell steht wieder das Tanztheater an erster Stelle des vielfältigen Kulturspektakels, das sich diesmal schwerpunktmäßig mit dem Thema „Wachstum“ auseinandersetzt: Unter anderem kommt der französische Choreograph Boris Charmatz mit 24 Tänzern nach Hamburg, und die belgische Ballettmeisterin Anne Teresa De Keersmaeker ist mit ihrer Kompanie Rosas mit von der Partie. Doch auch im Bereich der bildenden Kunst verspricht das Programm einige Höhepunkte: So wird der deutsch-britische Künstler Tino Seghal, der keine bleibenden Werke schafft sondern Situationen inszeniert, auf Kampnagel mit einer Arbeit vertreten sein. Angekündigt ist zudem eine Installation von Santiago Sierra, in dem er die Krisenländer der Eurozone symbolisch an Schweine verfüttern will. Denn der Spanier ist für seine provozierenden, gesellschaftskritischen Arbeiten bekannt.

Kampnagel Fabrik: 9. bis 25. August 2012

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