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Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal mit Gestalten aus der Unterwelt, kritischen Zeichnungen und einer Streetparade der Götter
// PETRA BOSETTI, STEFFI PARLOW

Salzburg: Einmal Unterwelt und zurück

Wohl jeder Mensch befasst sich irgendwann einmal im Leben mit der Frage: Was passiert nach dem Tod? Gute Christen rechnen mit ewiger Glückseligkeit im Kreise der himmlischen Heerscharen, Anhänger des Islam freuen sich, sofern sie Männer sind, auf 72 Jungfrauen im Jenseits, Atheisten finden den Gedanken beruhigend, dass irgendwann einfach Schluss ist.

Wo allerdings dieses Jenseits anzusiedeln ist – in der Unterwelt, im Himmel oder in einer Parallelwelt zu der unsrigen – und was dort los ist, hat nicht nur Theologen und Naturwissenschaftler beschäftigt, sondern auch Künstler. Die Residenzgalerie Salzburg hat diesem Thema nun die Ausstellung "Einmal Unterwelt und zurück. Die Erfindung des Jenseits" gewidmet. Ein beeindruckendes Defilee von 130 Objekten umfasst die Zeit der Antike (römische Grabbeigaben, griechische farbig bemalte Vasen, ägpyptische Objekte wie eine Stele des Meri-ptah und Kanopendeckel), über die alten Meister Europas (etwa den Renaissancemaler Luca Giordano oder die flämische Barockmalerdynastie Francken), die Fantasten des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts (William Blake, Anselm Feuerbach, James Ensor) bis hin zu Künstlern der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart von Oskar Kokoschka bis Fabrizio Plessi, Gunter Damisch oder Hans Schabus. Ob Hades oder Hölle: Die apokalyptische Vision vom schaurigen Jenseits, das auf die Sündigen wartet, hat die Künstler aller Generationen wohl stärker beeindruckt und zu Höchstleistungen angespornt als die ewige Glückseligkeit. Der Katalog ist im Eigenverlag der Residenzgalerie, Salzburg erschienen und kostet 24.90 Euro.

Die Ausstellung ist bis zum 4. November 2012 in der Residenzgalerie Salzburg zu sehen.

Mannheim: Deltabeben. Regionale 2012

Über 400 Künstler haben sich beim diesjährigen Wettbewerb "Deltabeben. Regionale 2012" beworben. Ab dem 22. Juli 2012 wird nun mit 45 Teilnehmern ein breites Spektrum der Region Rhein-Neckar präsentiert. Sie verteilen sich auf drei Institutionen Mannheims: die Stadtgalerie, den Kunstverein und die Kunsthalle. Die Schau in der Kunsthalle wird unter dem Motto "abstrakt, konkret oder dekonstruktivitisch" zusammengefasst – gezeigt werden Skulpturen, Malerei und Videoinstallationen. Künstler bearbeiten die Idee des Seriellen und Motive der Zerteilung, dabei ist die Formensprache oft stark vereinfacht und geometrisch. In der Stadtgalerie Mannheim finden sich 15 "abstrakte Positionen". Verfremdungs- und Abstraktionsstrategien werden auf die reale Welt angewandt, teils sind Rückschlüsse möglich, teils kann die Wirklichkeit nur erahnt werden. Der dritte Ausstellungsort, der Mannheimer Kunstverein, hat sich auf "realistische und figurative Tendenzen" konzentriert, die durch 16 Künstler vertreten werden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. September 2012 in der Kunsthalle Mannheim, im Kunstverein Mannheim und in der Stadtgalerie Mannheim zu sehen.

Zürich: Streetparade der Götter. Bronzekunst aus Indiens Dörfern

Sie selbst nennen sich stolz "Adivasi", "erste Siedler" – 8,2 Prozent (rund 90 Millionen) der Einwohner Indiens zählen sich zu Nachfahren der indischen Ureinwohner. Von der Regierung wurden sie einst als "rückständige Stämme" geschmäht. Wie krass diese Fehleinschätzung ist, lässt sich jetzt in der Ausstellung "Streetparade der Götter" im Zürcher Museum Rietberg bestaunen: Etwa 300 faszinierende Metallarbeiten für rituelle Zwecke stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und wurden im ehemaligen Fürstentum Bastar im zentralen Bundesstaat Chhattisgarh gefertigt. Bis heute hat sich die Stammeskultur mit ihrer einzigartigen Lebensweise und Kunst erhalten. Berühmt ist die Region für ihre handwerkliche Metallbearbeitung, die immer noch nach alter Tradition durchgeführt wird. Die feingliedrigen Figuren sind mit aufwendigen Ornamenten überzogen und sind in einer dynamischen, äußerst expressiven Bildsprache Ausdruck der Frömmigkeit der Stammesmitglieder. In dieser Region wird eine nahezu unüberschaubare Zahl von Göttern angebetet. Um den Hausgott zu ehren, gab der Familienvater einem Metallgießer die Figur der Gottheit in Auftrag und überließ dem erfahrenen Künstler die Wahl der Attribute und der Dekoration. Der Katalog "Elefanten, schaukelnde Götter und Tänzer in Trance: Bronzekunst aus dem heutigen Indien" ist im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen und kostet 38 Euro.

Die Ausstellung ist bis zum 11. November 2012 im Museum Rietberg zu sehen.

Stuttgart: Solo für... Dan und Lia Perjovschi

Die ifa-Galerie Stuttgart zeigt in der Reihe "Solo für..." das rumänische Künstlerehepaar Lia und Dan Perjovschi mit eigenständigen Arbeiten beider Künstler. Seit vielen Jahren eignen sie sich durch Zeichnung, Installation oder Performance Wissen an und kommentieren mit ihrer Arbeit politisch brisante, soziale und kulturelle Ereignisse. Lia Perjovschis Installation "Knowledge Museum Kit" ist ein imaginäres Museum, das sich auf widerständiges Denken gründet. Es versammelt Objekte, welche die Künstlerin seit 1999 in Museumsshops in Europa und den USA erworben hat. In einer Mind-Map verbindet sie Bild und Text und lässt den Besucher in einer "Werkstatt" selbst aktiv werden. "Daily, Weekly, Monthly" ist ein Rückblick auf Dan Perjovschis Arbeiten, die sich mit dem Medium Zeitung beschäftigen. Die in Bukarest unabhängig erscheinende Wochenzeitschrift "Revista 22" ist als komplettes Archiv in der Ausstellung zu sehen. Sie entstand 1991 während der Revolution und wurde von Perjovschi mitgegründet. Außerdem wird die vollständige Sammlung seiner Künstlerzeitungen (1992 bis 2011) gezeigt. Perjovschi, dessen kritische wie humorvolle Zeichnungen an Cartoon, Graffiti und Kritzeleien erinnern, kommentierte für art von Juli 2009 bis Mai 2010 jeden Monat ein Thema aus dem Kunst- und Kulturbetrieb.

Die Ausstellung ist bis zum 23. September 2012 in der ifa-Galerie Stuttgart zu sehen.

Sankt Gallen: Petrit Halilaj

Petrit Halilajs lässt die eigene Geschichte nicht los, sie ist der Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens. Das bringt zum Ausdruck, was immer wieder aufs Neue zu verarbeiten ist: Die Erfahrung des Krieges. Die Arbeiten des jungen Künstlers kreisen um die eigene Biografie, die vom Kosovo-Krieg und von Heimatflucht geprägt ist. In seinen komplexen Installationen verarbeitet er zum einen einfache Materialien, wie Holz, Erde und Stahl, und zum anderen auch mal lebendige Hühner, außerdem zeigt er Erinnerungstücke aus der Kindheit, sowie Archivfunde aus dem Kosovo. Parallel zu den Installationen entstehen zarte und humorvolle Zeichnungen. Ein wiederkehrendes Element in seiner Arbeit ist das im Krieg zerstörte Elternhaus. Die Suche nach Heimat und Identität deckt Verlorengegangenes auf und lässt Räume der Erinnerung wachsen. In der Ausstellung "Who does the earth belong to while painting the wind?!" sind "Rekonstruktionen" von Schmuckstücken seiner Mutter zu sehen. Halilaj stellt Schmuckskulpturen aus Ruinenteilen seines Elternhauses her. Andere Fragmente des Hauses dienen in Sankt Gallen als Sitzmöglichkeit in der Ausstellung. Die mit Erinnerung aufgeladenen Materialien werden dem Ursprungsort entzogen, sie werden wiederbelebt und zeigen die hoffnungsvolle Haltung des Künstlers, der nun nach vielen Jahren im Ausland wieder in seiner Heimat lebt.

Die Ausstellung ist bis zum 23. September 2012 in der Kunsthalle Sankt Gallen zu sehen.

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