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Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal mit Orten wie aus dem Baukasten, der Wiedererrichtung von Mauern, dem Kampf zwischen Skulptur und Museum, psychedelischen Farben und Mustern und einer neuen Balkangeschichtsschreibung.
// KATHARINA SIEGEL
Hamburg: Julian Faulhaber – Studio

Die von Julian Faulhaber fotografierte "Wand" braucht nichts als einen Eingang, einen Lüftungsschacht und die dem Fluchtpunkt zulaufenden Geraden des oberen und unteren Abschlusses. Alles an ihr ist rechtwinklig oder vollwinklig. Ihre Farbgebung ist ein seltsam künstliches Türkis.

Menschen sind nicht im Bild. Und die Außenwand wirkt wie ihr Vorplatz merkwürdig unberührt, als hätte nie jemand den Raum hinter dem Eingang betreten. Die Architekturen und Objekte in Julian Faulhabers Fotografien haben ein klares Design. Auch die widernatürliche Farbe ist typisch. Faulhaber kreiert Welten, die unecht wirken, wie in 3D-Animationen. Besonders deutlich wird das an seiner "Tankstelle". Deren einzelnen Tanksäulen, Müllbehälter oder Säuberungsstationen scheinen wie die zusammengesetzten Teile eines Baukastens. Doch der Eindruck, den auch der Ausstellungstitel "Studio" suggeriert, täuscht. Die fotografierten Orte sind nicht das Ergebnis von Studioarbeit und digitaler Verfälschung: Die "Wand" ist der real existierende Außenbereich eines Eisstadions in Dresden. Und auch die Tankstelle kann leibhaftig in der Firma Mr. Wash in Dortmund betreten werden. Julian Faulhaber beeinflusst die Wirkung der Szenerien allenfalls durch den Zeitpunkt: Meist fotografiert er neue Baukörper, die noch niemand betreten und bevölkert hat. Daher sind die Plätze und Fassaden so unbeschmutzt und die Farben so frisch. Das Durchkonstruierte dieser Architekturen und Objekte der Jetztzeit folgt vor allem den ästhetischen Idealen, der menschliche Nutzen steht hinten an. An diese Ästhetik knüpft Faulhaber in seinen Fotografien an: Sie sind kompositorisch durchgeplant. Jenseits aller menschlichen Spuren trifft Makelloses auf Makelloses – die Genesis ganz neuer Welten.

Die Ausstellung ist vom 7. Juni bis zum 17. August 2012 in der Freelens Galerie zu sehen.

Berlin: Andreas Slominski – Walls

Man kann etwas untermauern oder sich einmauern, gegen Mauern laufen oder Mauern im Kopf haben. Warum allerdings Andreas Slominski seit dem 29. April bis heute im Garten der Potsdamer Villa Schöningen mauert, weiß niemand so recht, nur seine Anspielung, dass die Geschichtsträchtigkeit des Orts mit hineinspiele, steht im Raum. Wo die Mauer fiel, zieht Slominski wieder neue Mauern hoch. Er baut sie nur wenige Meter westlich von der Glienicker Brücke, deren östliche Hälfte einst Westberlin und westliche der DDR angehörte. Slominskis fünf Mauern der Installation "Walls" stehen jedoch frei im Grünen. Sie ziehen keine Grenzen, sondern sind beliebig umgehbar. Und jede Mauer steht für sich, wird nach eigenen Plänen und mit verschiedenen Materialien errichtet. In Gelb, Rot oder Weiß, mit Schalungs-, Beton-, oder rotem Klosterstein. "Mauer 1" wird "primitiv" von unten nach oben gebaut, "Mauer 2" von außen nach innen, "Mauer 4" nach Archimedes' Pfeilern und Hebelwirkung. "Mauer 3" wird mit Hilfe einer Rahmenkonstruktion auf den Kopf gestellt. Und "Mauer 5" dürfte es eigentlich gar nicht geben. Denn mit Hilfe eines aus dem mittelalterlichen Gewölbebau abgeleiteten Konzepts soll sie von oben nach unten entstehen. Man wird das Gefühl nicht los, dass es auch um das Mauern an sich und – wie bei dem "Fallensteller" Slominski üblich – um viel Rätselraten geht. Die Ausstellung der Installation "Walls" beginnt zwar erst, die Performance des in weißem Anzug durch den Park zwischen Maurern der Baudenkmalpflege Roland Schulze GmbH laufenden Bauherren läuft jedoch schon seit Ende April und dauert bis heute an. Denn was noch fehlt und während der Ausstellung fertig gestellt wird, ist die von oben nach unten errichtete "Mauer 5".

Die Ausstellung ist vom 3. Juni bis zum 1. Oktober 2012 in der Villa Schöningen zu sehen.

Wien: Hans Schabus – Vertikale Anstrengung

Scheinbar willkürlich sind diagonal übereinander gelegte Baumstämme in einem musealen Raum verteilt. Teilweise weisen sie kurvenförmige Einschnitte auf oder in sie gedrehte Bolzen. Wie aus einer Laune der Natur heraus scheinen sie ihren Platz im Raum gefunden zu haben. Diese Beliebigkeit nimmt keine Rücksicht auf die geometrischen Muster im Inneren des neuen 21er-Hauses in Wien. Doch das scheinbare Chaos im Erdgeschoss folgt einer Ordnung: Vom ersten Obergeschoss aus ist erkennbar, dass die Baumstämme das Wort "Museum" bilden. Hans Schabus' Arbeit wirft viele Fragen auf: Kann eine Skulptur gestalterisch der Gegner des Raums sein, der sie birgt? Zumindest ist es, wie der Ausstellungstitel verrät, anstrengend, Vertikalen gegeneinander auszuspielen. Sagt die Installation etwas über Museen aus? Vielleicht, dass ihre Basis, das Depot, im Erdgeschoss bedroht ist und neue Zeiten anstehen. Hans Schabus (lebt und arbeitet in Wien) studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und erfährt spätestens seit seiner Gestaltung des österreichischen Pavillons für die 40. Biennale di Venezia im Jahr 2005 internationale Anerkennung.

Die Ausstellung ist vom 1. Juni bis 16. September im 21er Haus zu sehen.

Münster: Olaf Nicolai

Sind wir hier in den sechziger und siebziger Jahren? Das dürften sich die Besucher der Ausstellung von Olaf Nicolai fragen. Stoffbahnen aus Seide und Baumwolle mit einem hypnotisierend rhythmischen Schwarz-Weiß-Muster umschweben die Ausstellungsgäste und gliedern die Räumlichkeiten. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall streuen oder schlucken sie das Licht auf eine je einzigartige Art. Auf dem Boden liegt ein dicker Teppich, und überall leuchten neonbunte Ausstellungsführer zwischen den Vorhängen. Damit die Besucher ihren Weg durch die Baumwoll- und Seidetücher finden, hat der Künstler die Guides mit dem Grundriss seiner Installation versehen. Er nutzte für den Einband und das Innere der Bücher das in den sechziger und siebziger Jahren beliebte Verfahren des Irisdrucks, das Farben mit psychedelischer Intensität erzeugt und ineinander verlaufen lässt. Wie sich Gelb, Magenta und Cyan dabei mischen, ist unvorhersehbar. Daher ist jeder Ausstellungsführer ein Unikat. Der Künstler nennt seine Stoffkreationen "Yeux de Paon", zu Deutsch: Pfauenaugen. Denn die Ornamente sind schwarz-weiße Pfauenfedermuster. Deren Farbpracht beruht naturwissenschaftlich auf Illusionen, auf einem speziellen Gitteraufbau im Gefieder, der Licht in verschiedenen Winkeln reflektiert oder filtert. Die umherlaufenden Besucher mit den bunten Guides ergeben also, gemeinsam mit dem Schwarz-Weiß-Gerüst auf den Stoffbahnen eine "Gesamtpfauenfeder". Um Schein und Sein geht es auch in Nicolais Film "À la cantonade". In diesem ist der Bildschirm, bis auf einen eingeblendeten englischen Übersetzungstext und eine Audiodeskription für Blinde schwarz. Der Betrachter muss den kritischen Film über die ungarischen Revolutionsereignisse von 1919 mit inneren Bildern ergänzen.

Die Ausstellung ist vom 9. Juni bis zum 30. September 2012 in der Kunsthalle Münster zu sehen.

Chemnitz: A Balkan Tale

Auf Ivan Blazhevs Fotografie der "Aladza Moschee in Tetovo" sieht man farbprächtige Wandmalereien im Inneren der Moschee. Die "bunte Moschee", so die deutsche Übersetzung, ist bekannt für diese bunten Arabesken der islamischen Kunst im Interieur, aber auch außen. Schon seit 1495 steht sie, genauer: ihr Minarett. Den restlichen Bau gestaltete einer der bekanntesten Paschas im Ort 1833 neu, und 1991 renovierte ihn die muslimische Gemeinschaft. Auch Jutta Benzenbergs aus Vogelperspektive abgelichtete "Festung von Elbasan" hätte, könnte sie reden, viel zu erzählen. Ihre Geschichte reicht weit zurück, genauer bis zum Anfang des 4. Jahrhunderts, als Römer mit ihr den Ort Scampa abmauerten. Als Sultan Mehmet II – wegen seiner zahlreichen Eroberungen gilt er neben Osman I. als Gründer des Osmanischen Reichs – das Gebiet im 15. Jahrhundert eroberte, benannte er es nach der wiedererrichteten Festung, für das "Elbasan" das türkische Wort ist. Wie die Fotografie zeigt, steht die Mauer bis heute, weil 26 Türme sie stärken. Die Fotoarbeit verankert den Bau und dessen geschichtlichen Hintergrund neu im Bewusstsein. Genau so funktioniert "A Balkan Tale": Durch Fotografien von ausgewählten Gebäuden und Orten wird die osmanische Geschichte des Balkans vom 14. bis ins 20. Jahrhundert erzählt. In welchem Zustand auch immer zeugen die Bauten der osmanischen Zeit von einer 600 Jahre langen, gemeinsamen Geschichte der Balkanvölker. Fünf Künstler aus der Region, Jutta Benzenberg (Albanien), Ivan Blazhev (Mazedonien), Samir Karahora (Kosovo), Kamilo Nollas (Griechenland) und Ivan Petrovic (Serbien), fotografierten 50 Bauwerke aus osmanischer Zeit. Die Ausstellung ist ein Projekt des Goethe-Institutes, realisiert mit finanzieller Unterstützung der EU und in Zusammenarbeit mit ANEMON Production.

Die Ausstellung ist vom 10. Juni bis zum 2. September 2012 in den Kunstsammlungen Chemnitz sehen.

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