Artigo

Spiel

Hund, Katze, Maus
Ein Screenshot der Eingabeseite von Artigo mit einem Paul Gauguins "Parau Api, Gibt's was Neues", 1892

HUND, KATZE, MAUS

Bei dem Onlinespiel "Artigo" müssen die Spieler Schlagworte für Kunstwerke finden – zu wissenschaftlichen Zwecken. Das Forschungsprojekt des Kunsthistorischen Instituts in München will damit das Crowdsourcing – also die Intelligenz der Masse - auch für die Kunst nutzbar machen.
// ADRIENNE BRAUN

Die Fliesen rechnen sich. Auch Boden und Gruft sind rentabel, jedes Schlagwort beschert immerhin stolze 25 Punkte. Mit der Frau am Klavier ist dagegen kein Stich zu machen: Ob Kleid oder Klavier – alle Begriffe, mit denen sich das Gemälde beschreiben lässt, bringen nur bescheidene fünf Punkte. Für Hubertus Kohle sind sie trotzdem wertvoll. Er ist Professor für Kunstgeschichte in München und hofft, dass möglichst viele Menschen ihre Zeit vor dem Computer verbringen. Kohle hat mit Kollegen ein Kunstspiel ins Internet gestellt: Artigo. Der Spieler bekommt Kunstwerke gezeigt und soll in 60 Sekunden möglichst viele treffende Begriffe dafür finden. Je häufiger ein Begriff von anderen Spielern bereits eingegeben wurde, desto mehr Punkte gibt es.

Es macht Spaß, möglichst schnell zu beschreiben, was zu sehen ist: Hund, Katze, Maus, rot, gelb, grün. Doch es ist ein Spiel mit Nutzwert. Denn die Begriffe werden in eine Datenbank eingespeist. "Crowdsourcing" nennt sich das – Intelligenz und Arbeitskraft der Masse im Netz werden genutzt. Bei Artigo liefern die spielenden Freizeitarbeiter die Schlagworte, unter denen man das Werk künftig recherchieren kann. "Eine Win-Win-Situation", sagt Hubertus Kohle, der keine Berührungsängste vor der digitalen Welt hat, im Gegenteil: Das Internet sei das Medium, um "junge Leute an die Kunst heranzuführen", meint er. "Wenn man eine Weile mit Artigo gespielt hat, baut man eine Art seelischen Kontakt zum Bestand auf".

Der Bildbestand bei Artigo stammt von der Datenbank Artemis, die Kunsthistorische Institute nutzen. Seit einigen Wochen ist auch die Kunsthalle Karlsruhe mit von der Partie. Es ist das erste deutsche Museum, das seinen Bestand für Artigo zur Verfügung stellt. Die Nutzer können ausschließlich mit Karlsruher Kunstwerken spielen. Wer am Ende des Monats die höchste Punktzahl erreicht hat, bekommt ein Buch der Kunsthalle geschenkt. Kohle ist überzeugt, dass die Spieler irgendwann auch Lust bekommen werden, die Kunsthalle Karlsruhe leibhaftig zu besuchen.

Im Moment ist er dabei, eine Verlängerung des Artigo-Projekts bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu beantragen, denn das Konzept muss noch reifen. So müsste eine Methode entwickelt werden, damit auch anspruchsvollere Schlagworte und spezifische kunsthistorische Termini eingespeist werden – und nicht nur allgemeine Begriffe wie Mann, Frau und Haus. Deshalb ist ein weiteres Spiel geplant, bei dem höherwertige Begriffe Punkte bringen. Ob die dann allerdings stimmen, ist nicht sicher, denn kontrolliert werden die Eingaben der Spieler nicht. Auch bei den Museen muss Kohle noch Überzeugungsarbeit leisten. Sie sähen sich als "Hort der Originale", meint der Kunsthistoriker, der aber sicher ist: "Wenn sie sich mit solchen modernen Medien nicht abgeben, werden sie absterben." Während andere Branchen das Verfahren des Crowdsourcings längst nutzen, hat Kohle mit Artigo Neuland in der Kunstwelt betreten. Aber es wäre unbezahlbar, digitale Bestände von Kunsthistorikern verschlagworten zu lassen.

35 000 Bilder stehen derzeit zur Verfügung, die meisten stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, deshalb müssten die Bestände noch ausgebaut werden. Derzeit haben 10 000 Nutzer einen Artigo-Account, weitere spielen anonym, aber auch das ist noch zu wenig, meint Kohle, "wir brauchen eine Million Nutzer oder besser noch eine Milliarde". Nur so ließe sich langfristig das Verfahren weiterentwickeln, damit es eines Tages auch für andere Kunstdatenbanken professionell nutzbar gemacht werden kann. Dann könnte Artigo sogar eine lukrative Angelegenheit werden. Aber Kohle winkt ab: Es ist ein Forschungsprojekt, das auf keinen Fall kommerzialisiert werden soll.

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