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Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal mit einem Spielzeug-Sammler, einer inszenierten Hochzeit, vollgestopften Messie-Wohnungen, der Befreiung von einem Octopus und Wanderungen über Leinwände
// KATHARINA SIEGEL
Berlin: Collection Selim Varol

Selim Varol war 13, als er den Schock seines Lebens erlitt: Hinterrücks hatte seine Mutter all seine Spielfiguren verkauft, weil sie ihn als zu alt dafür einstufte. Von da an packte Varol die Sammelwut. Der Galerist lässt keinen Internetanbieter und Flohmarkt aus, um seine stolze Sammlung von derzeit 15 000 Toys stetig auszubauen.

Zumeist sind das asiatische Plastik- und Vinylfiguren, die nach Helden oder Bewohnern zweidimensionaler Comic-, Manga- und Filmwelten modelliert wurden. Manchmal entstammen sie aber auch der Realwelt, es gibt zum Beispiel Hitler-, oder Andy Warhol-Figuren. Das Künstlerpaar Daniel und Geo Fuchs hat die Figuren auf ihren Fotografien gekonnt in Szene gesetzt. Etwa auf einem Gruppenbild von Varols "Familie", als die er seine Sammlung selbst bezeichnet. Der Betrachter des Fotos "Selim’s Family Groupshot" kann sich gar nicht satt sehen an den wild zusammengemixten C3PO-Robotern und Pokémon-Figuren oder an zu Mickey-Mouse-Köpfen geformten Brüsten einer Marilyn-Monroe-Puppe. Denn Daniel und Geo Fuchs’ "Toygiants" sind schließlich auch bunte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, die wieder zum Leben erweckt werden. Ergänzt werden sie in der Sammlung durch pop-surrealistische Arbeiten und Street Art. Zum Beispiel durch eine USA-Flagge auf Leinwand, in der sich ständig der Slogan "Sex and Violence" in Comicschrift wiederholt, oder ein aus Comic und Modefotografie kombiniertes Plakat des New Yorker Künstlers "Kaws", das ein von einem grünen Monster umschlängeltes Modell für Calvin-Klein-Unterwäsche zeigt. Insgesamt sind Arbeiten von mehr als 200 Künstlern und Designern aus über 20 Ländern zu sehen.

Die Ausstellung ist vom 26. Mai – 6. September 2012 im "me Collectors Room" zu sehen

Linz: Gil & Moti

Das Künstlerduo Gil & Moti lebt für Kunst. Genauer: Es arrangiert es sein Leben zu Performances. So inszenierte und filmte das Liebespaar etwa in "The Gil & Moti Wedding Project", wie es 2001 als eine der Ersten Gebrauch von der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe machte. Auf Plakaten luden sie ganz Rotterdam dazu ein, ihrer Hochzeit beizuwohnen. Sie trugen an diesem Tag lange, weiße Umhänge, die ansonsten aber nur das Nötigste verdeckten. Zusätzlich bestanden die Beiden darauf, dass sie der Bürgermeister persönlich auf dem Königinnen-Balkon des Rathauses traute. Was wie Provokation wirkt, ist ein Plädoyer für Gleichberechtigung – und das soll so öffentlich wie möglich sein. Gil & Moti machen Reales zu Kunst und entlarven zugleich, dass auch das, was als normal gilt, nur auf gesellschaftlichen Entwürfen beruht, die oft defizitär sind. So thematisiert das Duo in aktuelleren Projekten die Diskrepanzen zwischen Israelis und Arabern. "Dating Gil & Moti (2003-2008)" ist ein Internetprojekt, in dem sich die beiden jüdischen Israeliten in Chatrooms für Schwule auf die Suche nach Arabern machten, woraus mehr als 100 Freundschaften und eine Liebesbeziehung mit einem Libanesen entstanden. „Available for You (2008-2011)“ zeigt, wie Gil & Moti 24 Stunden am Tag in Süd-Rotterdam, einem von vielen Immigranten bewohnten Bezirk, erreichbar waren, um Dienstleistungen für Araber auszuführen. Ihr Arbeitstag ist in Videotagebüchern dokumentiert. Ihr jüngstes Projekt entsteht noch während ihres Aufenthalts in Linz und beschäftigt sich mit der Emo-, Visual-Kei- und Gothic-Szene. Das Lentos im österreichischen Linz ist die fünfte und letzte Station der Ausstellung „Totally Devoted To You“, die durch Kopenhagen, Stavanger/Norwegen, Bochum und Stockholm zog. Sie beinhaltet alle wichtigen Arbeiten des Performanceduos und wird durch das noch laufende Projekt stetig erweitert.

Die Ausstellung ist vom 25. Mai – 12. August 2012 im Lentos Kunstmuseum zu sehen

Freiburg: Rob Pruitt. History of the World

Rob Pruitt setzt sich in seiner Serie "Hoarder Landscapes", zu Deutsch: "Messie-Landschaften", mit Räumen wie einem längst nicht mehr nutzbaren Badezimmer auseinander. In der Wanne schwimmen leere Konservendosen und Pflegeprodukte in verdrecktem Abwasser, die Toilette ist verstopft, der Spiegel erblindet. Der Betrachter kann auch auf den zweiten Blick nicht fassen, was da alles den Raum vermüllt – leere Schokoladencremegläser, alte Zeitungen, benutzte Teller, eine halbgegessene Pizza oder ein Toaster. Die komplette Serie fotorealistischer Gemälde von Messie-Zimmern stellte der amerikanische Künstler bei chinesischen Malern in Auftrag, die Kennzeichnung "Made in China" teilten sie so vermutlich mit vielen der abgebildeten Konsumprodukte. Die Messies sind die Fetischisten und Opfer der heutigen Konsumgesellschaft und im Kontext von Pruitts Ausstellung zusätzlich Archäologen, die in dem Schutt unserer Kultur nach verborgenen Hinweisen suchen: Eine zweite Werkgruppe menschengroßer, schwarzer, über den Raum verteilter Dinosaurierskulpturen aus Fiberglas, die ein Zulieferer für Naturkundemuseen herstellte, steht wie ein Scherenschnitt vor den Bildern. Die archäologischen Landschaften aus Malerei und Skulptur machen die "History of the World" zur Geschichte oder Fallgeschichte des Konsums.

Die Ausstellung ist vom 25. Mai – 29. Juli 2012 im Kunstverein Freiburg zu sehen

Offenbach: Neue Welten

Autonomwerden. Das konnten acht Akteure der Eröffnungsperformance "Octopus-Klangrohrsystem" zum Auftakt der Ausstellung "Neue Welten" in Offenbach. Sie hingen als Tentakel mit Kopfhörern an der Maske eines Manns im blauen Anzug, ihres Kommandeurs. Durch die Gummischläuche empfingen sie Musik und den Befehl, wie sie dazu tanzen sollten. Schließlich befreiten die Zuschauer die acht "Fangarme", indem sie sie von ihrer Zentrale abschnitten. Die Darbietung thematisiert wie die gesamte Ausstellung Fremdeinflüsse, die heute den Menschen prägen. Stetig entstehen neue Welten, der Fortschritt in Technik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft ist unbremsbar. Da fällt es schwer, einen Überblick und seine Autonomie zu bewahren. Mitunter ist das auch Thema der Porträts von Klaus Schneider-Grimm, die gemeinsam mit vier ausgewählten Werken von Barbara Klemm gezeigt werden. Mit einem Minimum an Staffagen und Requisiten lichtete er Schüler ab, die er dazu ermutigte, eigene Rollen einzunehmen. Neben einer Nachahmung von Vermeers "Mädchen mit Perlenohrring" entstanden so auch Werke wie "Liquid Reality", in dem sich ein Kind dazu entschied, sich mit schwarzem Tuch und Klebeband Mund und Augen zuzukleben. In Tobias Rehbergers Projekt "Ohne Moos nix los" spekulieren Studenten der Frankfurt School of Finance mit 10 000 Euro Startkapital an der Börse. Von dem Gewinn kaufen sie Pflanzen; verspekulieren sie sich, bleiben die kleinen runden Beete leer. Die Scheinwelt der Börse wird enttarnt, indem sie sich real manifestiert. Insgesamt 18 zeitgenössische Künstler setzen sich in Gemälden, Fotografien, Skulpturen, Installationen und Performances mit "Neuen Welten" auseinander. Kurz vor ihrem Abriss hauchen sie der alten Industriehalle in der Christian-Pless-Straße, die sie mietfrei und mit nur wenigen Reparaturen nutzen, noch einmal Leben ein und belegen das künstlerische Potential der verarmten Stadt.

Die Ausstellung ist vom 13. Mai – 24. Juni 2012 in den ehemaligen MAN-Roland-Hallen in der Christian-Pless-Straße zu sehen

Nürnberg: Bernd Zimmer. Zweite Natur

Die Farbe hat sich in Bernd Zimmers Werken scheinbar verselbstständigt. Sein "Drachensee-Wasserfall" verläuft als weißes Acryl direkt aus dem Topf mit viel Wasser verdünnt dem unteren Bildrand entgegen. Der Künstler räumt der Farbe die Freiheit ein, in alle Richtungen zu spritzen. So entsteht eine reale und dennoch abstrakte Wirkung von hart auf dem grünen See aufschlagendem Wasser. Auch in seinen üppigen Wäldern und Lichtungen, die er als "Kristalllandschaften" bezeichnet, wirken die Grüntöne und gelben Lichtflecken, als fänden sie sich von allein zu "zweiten Naturen" zusammen. In Wahrheit durchwandert der Maler aber gezielt seine auf dem Boden liegenden Leinwände, was bei deren Formaten auch nahe liegt – manche Leinwände haben ein Format von rund zwei mal vier Metern. Fußspuren bleiben dabei nicht aus. Bernd Zimmers jüngste Werkgruppe "Kristallwelt" ist nun in der aktuellen Ausstellung im "H2" zu sehen.

Die Ausstellung ist vom 16. Mai – 8. Juli 2012 im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst zu sehen

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