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Ausstellungstipps



DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal mit leuchtender Angst in Stuttgart, einer Nachtwanderung durch Thessaloniki, dem Formenspiel von Speisetellern und alternativen Wegen, einen Partner zu finden.
// KATHARINA SIEGEL, ERIK STEIN
Stuttgart: Oh, My Complex.

In geschwungener Schrift leuchtet die "Angst" jetzt an der Fassade des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart. Links neben dem neonfarbenen Schriftzug holt das Piktogramm eines Golfers zum Schlage aus, als wollte er den schwäbischen Wutbürgern das Fürchten lehren.

Das "Unbehagen beim Anblick der Stadt", so der Untertitel der am Donnerstag eröffnenden Ausstellung, wächst heute weniger aus tristen Betonburgen und größenwahnsinnigen Architekturutopien, sondern vielmehr aus dem Geist der Gentrifizierung, der sich schleichend bestehender Bausubstanz und Wohnverhältnisse bemächtigt, und für den die Figur des Golfers durchaus Pate stehen könnte. Die Neonschrift gehört jedoch zu einer Arbeit von Ludger Gerdes aus dem Jahr 1989 ("Angst"), als der Begriff Gentrifizierung noch nicht einmal im Lexikon zu finden war. Passend dazu ragt er für gewöhnlich auch über dem Rathaus der Stadt Marl, einer architektonischen Ikone der sechziger Jahre, als sich Architekten in erster Linie noch als gestaltende Soziologen betrachteten.

In der Gruppenausstellung "Oh, My Complex", für die der Schriftzug nun temporär nach Stuttgart siedelte, nehmen sich die künstlerischen Positionen vor allem des Städtebaus der vergangenen Jahrzehnte an, bis zurück in die dreißiger Jahre. Der Künstler Eiko Grimberg nimmt in seiner Installation "Future History" Bezug auf die Bauten des italienischen Rationalismus, in dem avantgardistische und faschistische Formensprache aufeinander treffen. Auch der 1971 geborene Brite Justin Hibbs untersucht in seiner Serie von Papierarbeiten Architekturvisionen des vergangenen Jahrhunderts. Im Zuge eines Schulreformprojekts wurden in den sechziger und siebziger Jahren hunderte Schulgebäude in Großbritannien im Stile des "New Brutalism" errichtet, deren Bauweise dem britischen Klima oft jedoch kaum standhielten. Hibbs übermalte nun Kopien einer Fotografie, die einen Jungen im Treppenhaus eines ebensolchen Schulgebäudes zeigen. Die zeitgenössische Kunst ist offenbar fasziniert von den architektonischen Verblendungen der jüngeren Vergangenheit. Eine Ausstellung dazu ist überfällig in einer Stadt, deren Bewohner sich so lautstark gegen die der Gegenwart zur Wehr setzten.

Die Ausstellung ist vom 17. Mai bis 29. Juli 2012 im Württembergischem Kunstverein zu sehen .

Magdeburg: Judith Joy Ross. Fotografien seit 1982

Eine Kirchgängerin nach der Messe in biederer Sonntagskleidung auf offener Straße, drei Packman-Eis am Stiel essende Mädchen in Badeanzügen und Sandalen im Park, ein die Arme verschränkender Mann im Business-Outfit in seinem Büro – eigentlich Bilder, die einem tagtäglich und überall begegnen können. Doch die Fotografin Judith Joy Ross hebt in Schwarz-Weiß-Porträts das Besondere, Individuelle solcher Typen hervor. Es sind Charakterstudien: Die Kirchgängerin blickt, das Predigtheftchen in ihren wie zum Gebet übereinander gelegten Händen, gutgelaunt und ein wenig, als schweife sie ins Jenseits ab, über die Linse hinweg. Die drei Kinder scheinen sich mehr auf ihr Eis als auf ihre Kamerawirkung zu konzentrieren, und der Herr in Hemd und Krawatte blickt ernst mit weit aufgerissenen, etwas traurigen Augen direkt in die Kamera. Der Titel definiert ihn als Abgeordneten des Repräsentantenhauses. Die Modelle laufen der Fotografin nicht ganz spontan auf den öffentlichen Plätzen ins Visier: Vor Judith Joy Ross' altmodischer 20x25-Zentimeter-Kamera müssen sie erst einen Moment innehalten, da das Scharfstellen bis zur Belichtung ein wenig Zeit erfordert. Das Kloster Unser Lieben Frauen zeigt die bisher umfangreichste Ausstellung der Fotografin.

Die Ausstellung ist vom 22. Mai bis zum 2. September 2012 im Kloster Unser Lieben Frauen zu sehen.

Heilbronn: Sebastian Dacey

Sebastian Dacey handhabt Farben wie Ton oder Knete. Die Leinwände werden zu Reliefs. Mit seinen Händen oder direkt aus der Tube trägt er Ölfarben und Lack so pastös auf Leinwand auf, dass die Farben in den Raum ragen. Seine Arbeiten ohne Titel zeigen die kurvenförmigen oder geraden Bewegungen seiner Finger, die die Farben durchwühlen oder einzelne Linien ziehen. Verschiedene Farbschichten überlagern sich. Etwa weiße Längsstriche auf schwarz-grauem Hintergrund, in dem sich, kaum merklich, auch transparentere Querstriche befinden. Sind figurative Elemente involviert, wie aus Magazinen geschnittene Teller mit Essen aus der Vogelperspektive, entfremdet Dacey ihren Sinn. Statt dass er die Perspektive in seine Werke einbindet oder auf das Inhaltliche eingeht, nimmt er die Speiseteller als reine Formen, umrahmt sie mit dicken Farben und lässt sie ansonsten sinnlos im Format rumschweben. Auch auf eine andere Weise hinterfragt der Künstler die klassischen Gattungsgrenzen zwischen Malerei und Bildhauerei: Üblicherweise täuscht die Malerei durch perspektivische Tricks Raum auf zweidimensionaler Fläche vor. Dacey malt dagegen geometrische Formen auf ohnehin dreidimensionale Objekte und erzeugt somit Raum im Raum. So ergänzt er sein neonfarbiges Vieleck durch weitere Viel- und Rechtecke auf der Oberfläche. Dacey (geboren in London, lebt in Berlin) ist aktuell im Kunstverein Heilbronn zu sehen.

Die Ausstellung ist vom 20. Mai bis 1. Juli 2012 im Kunstverein Heilbronn zu sehen.

Kraichtal: Yorgos Sapountzis. Videos und Picknick

Es ist mitten in der Nacht. Eine in Goldfolien gepackte Person wandelt durch Thessaloniki. Nichts als das Knistern ihrer Folie ist hörbar. Unter dem starr von der Silhouette abstehenden Material verbirgt sich der athenische Künstler Yorgos Sapountzis. Seine Nachtwanderung richtet er nach allen Skulpturen und Denkmälern der zweitgrößten Stadt Griechenlands aus. Indem sich Sapountzis als ein die Straßenlichter reflektierender Goldhügel neben die historischen Monumente stellt oder sich an sie lehnt, verändert er ihre Wirkung. Die neu entstehenden Bilder hält der Künstler in seinem Film "Gold" fest. In einer anderen Arbeit – "The Heritage of its Architecture" – filmt eine Überwachungskamera, wie er nachts im Museum für Kykladische Kunst in Athen neben die Vitrinen fragile Skulpturen aus Aluminiumstangen und Stofftüchern baut. Untermalt wird das ganze durch den elektronischen Sound des Norwegers Oyvind Torvund. Die Ursula Blickle Stiftung widmet Yorgos Sapountzis nun seine erste Einzelausstellung.

Die Ausstellung ist vom 20. Mai bis 8. Juli 2012 in der Ursula Blickle Stiftung zu sehen.

Essen: Geschichten zeichnen. Erzählungen der zeitgenössischen Grafik

Drei gleich gekleidete Frauen stehen drei ebenso uniformen, auf einer Bank sitzenden Herren gegenüber. Die Gesichter der Frauen sind hinter Haaren verborgen, die Männer tragen Masken, die trichterförmig auf kleine Löcher zulaufen. Die Damen halten Vögel an Leinen, die in diese Löcher fliegen. "Alternative Ways of Finding a Mate", zu Deutsch "Alternative Wege, einen Partner zu finden", nennt Rachel Goldyear diese Grafik. Das ist, so die Künstlerin, satirisch gemeint: Paare finden sich willkürlich. Gegenseitiges Anbiedern können sie sich sparen. Ein einziges Blatt, das eine ganze Geschichte erzählt. Es ist neben Grafiken elf weiterer zeitgenössischer Künstler aus Deutschland und aller Welt nun im Museum Folkwang zu sehen. Ebenfalls gezeigt werden etwa auch Andreas Seltzers Illustrationen zu Jules Vernes "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde". Die Serie ist noch nicht abgeschlossen. Zurzeit besteht sie aus 167 Zeichnungen, die sich, meist auf Querformat und in den drei Grundfarben gehalten, am Roman entlang hangeln. Auch Animationsfilme, denen Zeichnungen als Grundlage dienen, werden gezeigt.

Die Ausstellung ist vom 19. Mai bis zum 15. Juli 2012 im Museum Folkwang zu sehen.

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