Gib mir Fünf!

Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche
Unser Tipp für das Wochenende in Oberhausen ist die Ausstellung "At Home. Der Blick durchs Schlüsselloch". Abbildung: Anna und Bernhard Blume, "Trautes Heim", 1986 (© Museum Ostwall im Dortmunder U, Dortmund / VG Bild-Kunst)

DIE FÜNF AUSSTELLUNGSTIPPS DER WOCHE

Diesmal mit "At Home", dem Gallery Weekend Hamburg, Michael Kalmbach, Sarah Pelikan und Hilary Lloyd
// UTE THON, KATHARINA SIEGEL
Oberhausen: At Home. Der Blick durchs Schlüsselloch

Wie durch ein Fernglas: In der Ludwiggalerie erhält man Einblicke in fremde Privaträume aus dem Ruhrgebiet. Was sonst nicht für alle Augen bestimmt ist, wird in der Ausstellung "At Home" in einen öffentlichen, musealen Raum gestellt und so den anonymen Betrachtern zugänglich gemacht.

Der Blick durchs Schlüsselloch erfolgt mittels Malerei, Fotografie, Neuen Medien und Installationen. In Sebastian Möllekens und Oliver Blobels Fotoserie "Nachbarschaft" begrüßt etwa ein Anwohner im Jogginganzug den Betrachter durch sein offenes Fenster. Man sieht das Interieur des Zimmers hinter dem Fenster. Zugleich kann man den Blick durch die in der hinteren Wand geöffnete Tür in einen zweiten kleinbürgerlichen Raum werfen. Das Künstlerpaar Anna und Bernhard Blume lässt sein "Trautes Heim" dagegen durch mutige Experimente aus den Fugen geraten. In einer Serie lichten sie eine die Wände hochgehende Hausfrau und ihre umherfliegende Einrichtung ab. Zu den gelüfteten Geheimnissen gehören auch Möbel oder Familienfotos, die realen Haushalten entstammen. Noch bis zum August sammelt die Galerie unter dem Aufruf "Mein bestes Stück" weitere Exemplare von Einheimischen und erweitert stetig ihre Installation. Auch Elisabeth Neudörfls Fotografien lassen sich mitgestalten – die Besucher können beliebig in sie hineinzoomen.

Ludwiggalerie. 13. Mai – 16. September 2012

Gallery Weekend Hamburg

Jetzt wo sich nach wochenlanger Dauerbeschallung der Kunstrummel in Berlin wieder gelegt hat, kann man den Blick ruhig mal wieder auf andere spannende Kunstszenen werfen. Zum Beispiel Hamburg. Auch hier organisieren die wichtigsten Galerien seit zwei Jahren regelmäßig "Gallery Weekends" mit gemeinsamen Vernissagen und verlängerten Öffnungszeiten. An diesem Wochenende ist es wieder so weit: Rund 30 innerstädtische Galerien und Schauräume rund um die Fleetinsel und das Kontorhausviertel (Galerien im Kontorhausviertel) präsentieren neue Ausstellungen, darunter auch ein paar alte Bekannte aus Berlin.

So zeigt die Galerie Holger Priess unter dem Titel "Ähnlichkeit und Differenz" eine unterhaltsame Installation mit Objekten, Zeichnungen, Klängen und Daumenkinos von Wolfgang Müller, dem Mitbegründer der Berliner Kultband "Die Tödliche Doris". Müller beschäftigt sich bei seinem "Gesangsrekonstruktionsprojekt" mit den Lautäußerungen ausgestorbener Vogelarten, deren Gezwitscher er von bekannten Musikerfreunden wie Annette Humpe und Frieder Butzmann nachahmen lässt.

Wer durch die Galerien in der Admiralitätsstraße streift, sollte unbedingt Andrea Tippel Referenz erweisen. Die Berliner Künstlerin war von 1997 bis 2011 Professorin an der Hamburger Kunsthochschule und hat mit ihren zarten, messerscharfen Zeichnungen und Objektcollagen eine ganze Studentengeneration beeinflusst. Die Ausstellung mit Zeichnungen wie "Ich Fliege" aus den siebziger Jahren bei Melike Bilir hat sie vor ihrem Tod noch selbst konzipiert, Andrea Tippel starb am 5. April im Alter von 66 Jahren – viel zu früh!

Bei White Trash Contemporary, einer der Galerien im Kontorhausviertel, geht es diesmal richtig museal zu. Zu sehen gibt es klassische Steinbildhauerei, oder wie der Titel verheißt: "New Classics from Another World". Die cremeweißen Skulpturen von Ingrid Scherr, organische Formen, anthropomorphe Fragmente und archaische Objekte, werden auf dunklen Sockeln vor dunkelgrauem Hintergrund präsentiert. Erst beim zweiten Hinschauen wird klar, dass es sich bei den Material nicht um kostbaren Marmor handelt, sondern um recycelte Gasbetonsteine aus Abbruchhäusern. Und die Gebrauchsspuren dieses universellen Baustoffs arbeitet die in München geborene Künstlerin ganz lässig in die Plastiken mit ein.

In der Galerie Conradi gibt es ein Wiedersehen mit einem Hamburger Künstler. Stefan Panhans zeigt sein Video "SORRY", ein acht-minütiger Loop, der immer wieder eine absurde Alltagsszene mit Polizist, Lockenwicklern und Netzstrumpfmodel im Hochgeschwindigkeitszug wiederholt. Laut Panhans "kollidieren hier gesellschaftliche und mediale Realitäten, gehen Wirklichkeit und Fiktion ineinander über."

Wer danach noch Lust auf eine echte Sause hat, kann sich zur Aftershow-Party im Club Zentrale einfinden, der Lounge im Thalia Theater – einer heißen Adresse für Nachtschwärmer.

Mainz: Michael Kalmbach

Wirft man einen flüchtigen Blick hinein, wirkt Michael Kalmbachs "Kinderzimmer" in bester Ordnung. Doch an dem runden Esstisch der Installation wäre Einer von Zweien klar im Nachteil: Sein Hocker ist unter ein Loch in der Tischplatte gerückt. Im Gegensatz zu seinem Gegenüber soll er also statt am Tisch, im Tisch Platz nehmen. Stuhlkippeln wird da schwierig. Auch der erste Eindruck von der Tapete täuscht. Es halten sich nicht umherfliegende barocke Putten an ihren Händen, sondern, wie in dem gleichnamigen Bild "Spirale", Frauen mit Mündern an ihren Brüsten fest, Mütter und Väter ziehen ihren Kindern die Ohren lang und halten sie so davon ab, in einen Abgrund zu fallen. Genau solche brutalen Sex- und Gewaltszenarien, die aus wie zufällig zart ineinanderlaufenden Aquarell- und Tuschfarben entstehen, machten Michael Kalmbach (Jahrgang 1962, lebt in Berlin) bekannt. Michael Kalmbach studierte an der Frankfurter Städelschule Bildhauerei. Die Kunsthalle Mainz widmet Kalmbachs Werk, durch das sich das Thema Abhängigkeit zieht, nun eine umfangreiche Einzelausstellung. In diese bezieht sie seine Bilder und Skulpturen aus den letzten zehn Jahren und für die Ausstellung neu entstandene Installationen und Werke ein. Im Zentrum steht die mit 50 Aquarellen illustrierte Geschichte "Der kleine und der große Paul", in der sich der Kleinere aus seiner Unterdrückung befreit.

Kunsthalle Mainz. 11. Mai – 5. August

Lingen: Sarah Pelikan

Die reinen Farben spüren. Wie das ist, erfährt, wer Sarah Pelikans leuchtenden Farbfeldraum betritt. Diesen durchqueren die Besucher über ein reines Rot unter einer monochrom blauen Decke – neben sich das ungemischte Grün auf der rechten- und das reine Gelb auf der linken Wand. Die Besucher erleben die großen Farbflächen in drei Dimensionen. Sie nehmen sie visuell wahr und können sie, indem sie körperlich in ihnen stehen, praktisch atmen. Eine kaum merkliche Schräge führt sie zu einer Öffnung hinauf. In dem zweiten Raum dahinter treffen die vier Farbflächen in einer neuen Kombination aufeinander. Er ist etwas enger und neigt sich wieder hinab aus der Installation hinaus. Dieses Farberleben im unteren Geschoss der Kunsthalle Lingen ergänzen Pelikans Bilder zwischen 2007 und 2011 im oberen Bereich.

Kunsthalle Lingen. 12. Mai – 26. August 2012

Basel: Hilary Lloyd

Ihrer Kamera entgeht nichts: Mit sezierendem Blick nimmt Hilary Lloyd das Thema Großstadt auseinander. Anhand des Beispiels Basel zoomt die Londoner Künstlerin auf Details, eine Sonnenbrille oder eine Juwelenkette. Aber auch Gebäude, Werbung oder die Autobahn geraten ins Visier ihrer Kamera. Oft sind ihre Videos und Dias auch umfangreiche Studien zu bestimmten Städtern – sie begleiten Handwerker, Clubgänger, DJ's, Kellner oder Skater durch ihren Alltag. Manchmal verfließt all dies zu Abstraktionen. Mit dem fertigen Bildmaterial ist Lloyds Arbeit noch nicht vollendet: Monitore, Projektoren und Flachbildschirme stellt sie zu Installationen zusammen. Die Bilder sind, von der Technik umrahmt, zugleich Skulpturen. So zeigen etwa in "Sunglasses" zwei übereinander montierte Monitore verschiedene Ausschnitte desselben Sonnenbrillenträgers zur gleichen Zeit und in "Motorway" oder "Man" werfen mehrere Projektoren verschiedene Momentaufnahmen desselben Motivs zeitgleich über- oder nebeneinander. Wie in der Stadt wirken mehrere Eindrücke zugleich auf den Betrachter. Beschäftigt er sich mit einem Element, etwa dem Sonnenbrillenträger, länger, erhält er dank Lloyds Aufnahmen einen umfassenden Eindruck.

Museum für Gegenwartskunst. 12. April – 16. September

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo