Digitales Museum

Google Art Project

Das Kunstspielzeug
Für die Aufnahmen in den Museen entwickelte Google eigens einen speziellen Handwagen. Hier wird die Reina Sofia in Madrid abfotografiert. (© Google)

DAS KUNSTSPIELZEUG

Mit dem Art Project, einer Art Street View für Museen, ging Anfang Februar Googles neuestes Prestigeprojekt online. 17 renommierte Museen wurden für das Projekt gewonnen: von der Tate über die Uffizien bis zur Gemäldegalerie.
// CHRISTINA GREVENBROCK

Einmal durch die Uffizien spazieren, ohne nach Florenz zu fliegen. Seit Dienstag abend ist dies möglich, dank des "Google Art Projects", das virtuelle Rundgänge in hoher Qualität ermöglicht. 17 renommierte Museen aus aller Welt sind dabei, unter anderem die National Gallery in London, das MoMA in New York, die Uffizien in Florenz und die Eremitage in St. Petersburg. Deutschland ist mit der Alten Nationalgalerie und der Gemäldegalerie Berlin vertreten. Weitere Museumsauftritte sind geplant.

Das Google Art Project ist aus einem Liebhaberstück einzelner Mitarbeiter erwachsen: Alle Google-Angestellten haben 20 Prozent ihrer Arbeitszeit zur freien Verfügung, um eigene Projekte zu verfolgen. Einige Kunstliebhaber unter ihnen überzeugten den Konzern, ihr 20-Prozent-Projekt in ein 100-Prozent-Projekt umzuwandeln und analog zu Google-Books dem Internetnutzer Kunst zugänglich zu machen. Die Idee ist, eine nichtkommerzielle Plattform zu bieten, auf der Kunst in hoher Qualität der Öffentlichkeit zugänglich ist. In gewohnter Google-Manier kann der Internet Flaneur sich durch ausgewählte Museumsräume klicken und über 1000 Bilder in brillanter Qualität bestaunen. Dazu werden Informationen über das Museum, die Künstler und Werke geliefert. Jedes der Museen hat zudem ein Bild ausgewählt, das von Google in schwindelerregender "Gigapixel"-Qualität abfotografiert und mit je rund sieben Milliarden Pixeln ins Netz gestellt wurde.

Das bedeutet konkret, dass man so nah an die Bilder herankommt, wie selbst vor dem Original nicht. Man müsste schon mit dem Vergrößerungsglas kommen und würde riskieren, die Alarmanlage auszulösen, wollte man sich dieser Ansicht annähern. In Berlin fiel die Wahl für die privilegierte Ansicht auf Hans Holbeins d. J. "Der Kaufmann von Gisze" von 1532 und Edouard Manets "Im Wintergarten" von 1879. Der Betrachter sieht Details, die zuvor nur einige wenige Konservatoren mit ihren Lupen gesehen haben. Man kann bis in die Risse der Oberfläche sehen und die darunter liegenden Malschichten ausmachen – ein Traum für jeden, der sich mit Kunst beschäftigt. Es macht Spaß, dem Detailreichtum von Holbein und den Duktus von Manet ganz nahe zu kommen und in den Bildern förmlich spazieren zu gehen.

Die restlichen Abbildungen, allein in Berlin etwa 170, steuerten die Museen selbst bei. Auch hier wird nicht mit Bildqualität gegeizt. So ist etwa Jan van Eycks im Original winzige "Madonna in der Kirche", um 1438, die in einem kleinen, abgedunkelten Kabinett der Gemäldegalerie hängt, in vielfacher Vergrößerung zu sehen. Man kann jeden einzelnen Pinselstrich ausmachen – dabei hat van Eyck teilweise mit einzelnen Haaren gemalt.

Es ist kaum zu glauben, dass diese Leistung in so kurzer Zeit geleistet wurde. Bei Google sind von der ersten Idee bis zum Launch der Seite am 2. Februar nur 18 Monate vergangen. In den Museen selbst wurden in nur einer Nacht pro Gemälde die Aufnahmen für die hochauflösenden Abbildungen gemacht. Eine weitere Nacht je Museum sind die Google-Mitarbeiter mit kleinen Kamerawägen die Rundgänge abgefahren. Für diese Aufgabe wurde eigens ein handgeschobener Kamerawagen entwickelt.

Als Google an die staatlichen Museen zu Berlin herangetreten ist, hat es dort die Herzen im Sturm erobert – nur zwei Monate dauerten die Verhandlungen. Der stellvertretende Generaldirektor, Günther Schauerte, ist hoch zufrieden über den Ablauf: "Google ist auf alle unsere Forderungen eingegangen." Es sind keine Nutzungsrechte abgegeben worden, die über die Ansicht im Internet hinausgehen, es gibt keine Downloadmöglichkeiten, und alle technisch machbaren Sicherheitsvorkehrungen seien ausgereizt worden. Deshalb macht er sich auch keine Sorgen über einen Missbrauch der hochauflösenden Bilder. Auch Lena Wagner, Pressesprecherin bei Google, sieht kein erhöhtes Risiko im Vergleich zu den Internetauftritten der einzelnen Museen, die ja durchaus schon vorher ihre Werke im Internet präsentiert haben. Ob das wirklich dasselbe ist, wird sich zeigen.

Der Nutzen liegt für Günther Schauerte zum Teil im Werbeeffekt, andererseits sieht er darin eine wunderbare Möglichkeit, dem Bildungsauftrag der Staatlichen Museen nachzukommen: "Es gibt weltweit mehr Menschen, die nicht zu uns kommen, als solche, die die Chance haben, zu uns zu kommen." Deshalb liege in der detaillierten Ansicht auch eine einmalige Gelegenheit für die internationale Forschung. Das Angebot sei kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zum normalen Museumsbesuch. Das Art Project biete die Gelegenheit, den realen Besuch vor- und nachzubereiten oder Bilder zu betrachten, zu denen man nicht eigens anreisen kann.

Das Google Art Project ist eine herrliche Spielwiese für jeden Kunstinteressierten. Wie bei Street View muss man nicht mehr das Wohnzimmer verlassen, um einen Eindruck von fernen Museen zu bekommen. Der virtuelle Besuch ersetzt allerdings nicht den realen, es sind keine Komplettrundgänge möglich, und nur ein Teil der Bilder kann einzeln betrachtet werden. Die mit Street-View-Technik aufgenommenen Rundgänge sind etwas holprig und pixelig, man bekommt zum Teil kaum mehr als einen groben Eindruck. Die Rundgänge leisten eine Orientierung im Raum, geben einen Eindruck vom Kontext und leiten den User zu den besseren Aufnahmen hin. Schauerte betont den Spaßfaktor des Art Projects: Ein "hoher visueller Reiz“ verführe dazu, die Kunst konzentriert zu betrachten. Letztlich ist es ein gigantisches Kunstspielzeug und in der Tat: Es macht einfach Spaß, die zahlreichen Details zu erkunden, und man verbringt schnell Stunden damit, sich mit den Bildern zu beschäftigen!

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1 Leserkommentar vorhanden

Gudrun Moll

18:35

05 / 02 / 11 // 

Auf der Suche nach Münchner Museen

Es gibt keine Möglichkeit, auf die Museen einer bestimmten Stadt zu klicken! Oder es ist so versteckt, dass man es nicht finden kann. Schlimm!

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