Adolph Menzel

Auktion



SEISMOGRAFISCHER SCHATZ

Eine Sammlung von Zeichnungen von Adolph Menzel wird bei Neumeister in München versteigert.
// BIRGIT SONNA

Seine prominentesten Bilder haben zugleich den Blick auf das forsch orchestrierte Gesamtwerk verstellt. Adolph Menzel ist mehr als nur der koloristisch hochbegabte Stimmungs- und Milieumaler des friderizianischen "Flötenkonzerts von Sanssouci" oder des höllischen "Eisenwalzwerks". Der große deutsche Maler und Zeichner des 19. Jahrhunderts hat mit kühnen Perspektiven, kuriosen Ausschnitten und frei gesetzter Liniendynamik wichtige Parameter der Moderne vorweggenommen.

Wenn nun eine vor allem aus Zeichnungen bestehende Privatsammlung mit Menzel-Arbeiten unter den Hammer kommt, so kann man gerade an diesem Konvolut die für seine Umwelt hochsensible, seismosgrafische Auffassungs- und Wiedergabekraft des Berliner Künstlers (1815 bis 1905) studieren. Das Münchner Auktionshaus Neumeister versteigert 21 Lose, darunter auch das kleine Ölgemälde eines bärtigen Arbeiters von 1867 (Taxe 20 000–30 000 Euro). Die Blätter sind bis auf einige Ausnahmen in einem guten Erhaltungszustand. Und selbst die leicht fleckige Studie "Frauenkopf und zwei Kinderköpfe" vermittelt wie beiläufig hingeworfen noch den besonderen Esprit Menzels (Schätzpreis 1 500–2 000 Euro).

Diese ungewöhnlich abgerundete Privatsammlung ist weitgehend unter Beratung von Seniorchef Rudolf Neumeister über vier Jahrzehnte auch aus auktionsfremden Quellen erworben worden. Die Abendversteigerung heute in München könnte neue Maßstäbe in der preislichen Bewertung von Zeichnungen Adolph Menzels setzen. Da Gemälde des prä-impressionistischen Realisten kaum mehr zu haben sind, verlegen sich Menzel-Liebhaber unweigerlich auf das Ergattern von exquisiten Papierarbeiten. Die Offerte reicht vom gewagten Logenblick über die Schulter einer mit roten Seidenbändern und Opernglas ausstaffierten Besucherin des Opernballs in Pastell (25 000–30 000 Euro)) aus dem Jahre 1853 bis zu der Gouache eines orthodox Gläubigen am jüdischen Festtag Jom Kippur, die die Lichteffekte in einer Synagoge düster kontrastiert (1901, 20 000–25 000 Euro). Ein Highlight nicht nur im Hinblick auf die Taxe ist die geradezu malerisch durchgearbeitete, mit Weiß gehöhte Tuschezeichnung "Marktszene in Verona" (40 000–60 000 Euro) von 1886. Anekdotische Einzelbeobachtungen zu vornehmen Kundinnen und abgerissenen Händlern, Frugalem und Animalischem verschränken sich bis in den diffusen Hintergrund zu einer Bühne des südländischen Markttreibens. Menzel reiste von 1881 an mehrere Male begeistert nach Verona. Die Halbfigur eines reichlich zerzausten, alten Italieners mit Bart repräsentiert meisterhaft den für Menzel typisch generös mit weichem Zimmermannsbleistift über das Blatt streichenden und wirbelnden Stil (12 000–15 000 Euro). Ein anderes Blatt zeigt in dicht gelagerten Skizzen ein bäuchlings auf dem Boden des Piazza d'Erbe ausgestrecktes Mädchen (4 000–5 000 Euro). Menzels Blick verfängt sich hier fasziniert vor allem in der Flechtfrisur des Mädchens.

Mit dem gestürzten Mädchen aber auch der "Modellstudie nach einem stehenden jungen Mann" von 1854 bereitete Menzel Bildkompositionen einige seiner heute bekanntesten Gemälde vor. Der junge Mann stammt aus der Entourage von "Friedrich der Große auf Reisen", einem im Krieg stark beschädigten Gemälde der Nationalgalerie Berlin. Und eigentlich kann Menzels Zeichnung des perückenlosen Jünglings im bürgerlichen Gesellschaftsanzug (12 000–15 000 Euro) intensiver als die Gemäldeausführung die aus der Körperhaltung sprechende Lebensneugier eines Heranwachsenden vermitteln. Mit einer Gesamtschätzsumme von rund 250 000 Euro ist dieser Berliner Nachlass eher niedrig bewertet. Der mit viel Sachverstand konsequent erworbene Menzel-Schatz besitzt bis auf wenige Ausreißer tatsächlich Museumsqualität. Das 19. Jahrhundert dürfte über diese Versteigerung von Werken des zeichnerisch begnadeten deutschen Kündstlerchronisten langsam, aber sicher seinen Aufwärtstrend in der preislichen Bewertung fortsetzen.

"Adolph Menzel – 21 Arbeiten aus einer Privatsammlung"

Abendauktion am 28. März um 17.30 Uhr

http://katalog.neumeister.com

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