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Auktionen

Giacometti bricht alle Rekorde
Weltrekord für Alberto Giacomettis Bronzestatue "L’homme qui marche I", 1961 (Foto: Sotheby’s)

GIACOMETTI BRICHT ALLE REKORDE

Soviel wie Alberto Giacomettis lebensgroße Bronzestatue "L’homme qui marche I" erreichte noch kein Kunstwerk auf einer Auktion: umgerechnet 74,18 Millionen Euro. Ist die Flaute des letzten Jahres also wirklich überwunden?
// HANS PIETSCH, LONDON

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt das Sprichwort. Doch nach dem spektakulären Ergebnis bei Sotheby’s ist die Versuchung groß, an den Ausbruch des Sommers zu glauben. Noch nie wurde auf einer Londoner Auktion ein solcher Erlös erzielt, nämlich 146,8 Millionen Pfund (167,5 Millionen Euro), inklusive der Käuferprämie.

Und soviel wie Alberto Giacomettis lebensgroße Bronzestatue "L’homme qui marche I" erreichte noch kein Kunstwerk auf einer Auktion: 65 Millionen Pfund (74,18 Millionen Euro/ 104 327 006 US-Dollar), bei einem Schätzwert von 12 bis 18 Millionen Pfund, also mehr als das Dreifache der oberen Taxe. Damit lag der Giacometti haarscharf über dem bisherigen Rekordhalter Pablo Picassos. Sein Gemälde "Junge mit Pfeife" wurde 2004 für 104,2 Millionen Dollar (damals rund 58 Millionen Pfund) versteigert.

Fünf Bieter am Telefon und zwei im Saal schaukelten sich gegenseitig hoch, manchmal in Schritten von drei bis fünf Millionen Pfund, bis der Hammer schließlich bei 58 Millionen Pfund fiel. Ein Milliardär, ohne Zweifel, wurde gemurmelt. Doch das Auktionshaus hielt sich noch mehr bedeckt als sonst üblich. Nicht einmal aus welcher Region der Käufer stammt, wurde preisgegeben.

Klimts "Kirche in Cassone" erzielte 30,7 Millionen Euro

Ein außergewöhnliches Werk, so war man sich einig, und Philip Hook, einer der Spezialisten des Hauses, meinte, einer der – erfolglosen – Bieter habe ihm gesagt, er warte seit 40 Jahren auf die Gelegenheit, einen noch zu Lebzeiten des Künstlers, nämlich 1961, entstandenen Abguss des "Schreitenden" zu erwerben. Die Commerzbank als Einlieferer, in deren Besitz sich die Statue seit dem Kauf der Dresdner Bank befand, wird zufrieden sein. Der Erlös soll, so hieß es, den Kulturstiftungen der Bank zugutekommen.

Bei einem solchen Ergebnis kamen die anderen Toplose des Abends fast ein wenig ins Hintertreffen. Allen voran Gustav Klimts "Kirche in Cassone" (1913), das mit 26,9 Millionen Pfund (30,7 Millionen Euro) zugeschlagen wurde, auch hier weit über dem oberen Schätzpreis von 18 Millionen Pfund, und der höchste Preis für eine Landschaft des Wiener Malers. Dass das Werk eingeliefert werden konnte, liegt an der vor kurzem erzielten Einigung zwischen dem Besitzer und den Erben der früheren Besitzer, des Wiener Ehepaars Zuckerkandl, die auf eine Restituierung des Gemäldes gedrungen hatten. Wie genau diese Einigung aussieht, ist nicht bekannt. Paul Cézannes Stilleben "Pichet et fruits sur une table" (1893-94) erzielte 11,8 Millionen Pfund (13,4 Millionen Euro) und eine Gouache von Egon Schiele,"Sitzende Frau mit violetten Strümpfen" (1917) 4,8 Millionen Pfund (5,5 Millionen Euro).

Ist die Krise wirklich überwunden?

Auch beim Rivalen Christie’s herrschte Zufriedenheit, allerdings ging es dort am Vorabend entschieden bescheidener zu. Toplos war hier "Tete de femme (Jacqueline)", ein Porträt von Pablo Picassos zweiter Frau aus dem Jahr 1963. Mit 8,1 Millionen Pfund (9,3 Millionen Euro) erzielte es mehr als das doppelte seines Schätzpreises. Und "Espagnole" (um 1916) der russischen Konstruktivistin Natalia Gontscharowa übertraf mit 6,4 Millionen Pfund (7,3 Millionen Euro) den Höchstpreis, der je für ein Werk einer Künstlerin erzielt wurde.

Auch die deutschen Expressionisten schnitten bei Christie’s gut ab, allen voran ein doppelseitiges Gemälde von Ernst-Ludwig Kirchner. "Zwei nackte Mädchen in flacher Wanne" (Vorderseite) und "Elbkähne vor gelben Häusern, Dresden" (Rückseite) blieben mit 2,89 Millionen Pfund (3,3 Millionen Euro) deutlich über dem geschätzten Höchstpreis. Und "Badende" ( um 1927) von Otto Müller stellte mit 2,07 Millionen Pfund (3,3 Millionen Euro) einen neuen Rekord für Arbeiten des Künstlers auf.

Ist die Flaute des letzten Jahres also wirklich überwunden? In beiden Auktionshäusern war man sich einig: Der Markt hat wieder Vertrauen gefasst, vor allem haben es die Einlieferer. Die Nachfrage nach guter Ware hat eigentlich nicht nicht nachgelassen, so Philip Hook von Sotheby’s, doch bisher sei es schwer gewesen, Sammler zu überzeugen, sich von ihren Werken zu trennen. Das hat sich, nach ersten Anzeichen bei den Herbstauktionen in New York, nun geändert, wie die beiden Abende in London zeigten.

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1 Leserkommentar vorhanden

Werner Hahn

10:49

10 / 02 / 10 // 

COMMERZBANK: Bitte kunst-erneuerndes Innovatives fördern!

Aufklärung zum Fall GIACOMETTI-Verkauf: Der Einlieferer, die Commerzbank veräußerte - nach der Übernahme der Dresdner Bank - die A.G.-Skulptur. Begründung: damit die „Kulturförderung“ der Commerzbank sich auf „die Bildung im kulturellen Bereich“ konzentrieren kann. Das "von Moden und Zeitgeschmäckern relativ unabhängige“ Bronze-Kunstwerk eines „Großkünstlers“ – der laut FAZ (Rose-Maria Gropp) NICHT (!) als „Marktkünstler“ abqualifiziert werden sollte-, wurde durch „haltsuchendes“ Geld am „High End“ des Kunstmarkts als hochwertige „Blue Chips“-Trophäe ersteigert; Neu-Reiche ersteigerten möglicherweise die Skulptur (in Russland)? Die „Hochwertigkeit“ des Alberto-Giacometti-Mannes (von 1961) sollte durch Hochwertigkeit in der Kulturförderung nunmehr ausgeglichen werden. VORSCHLAG:Der der "verarmten" Commerzbank überreichte Auktionsgeldsegen fließe in Kunst-Ankauf, wie ich es nach „Leitbild-Kriterien“ in Kommentaren im WEB - zum Beispiel zu FAZ-Artikeln über MMK-Chefin GAENSHEIMER und KULTURPOLITK („Sammlungen sind kein Finanzpolster“; Net-Online ebenda) erläutert habe. Stichwort: „Aufspüren des kunst-erneuernden Innovativen“. „Indikatoren“ für KULTUR/KUNST-Qualitätssicherung seien „quantitative“ & „qualitative Kriterien“: z.B. Resonanz, Relevanz, Innovation, Originalität, u.a.m. Erkenntniskunst sollte man fördern. Dass der Erlös - wie in art zu lesen - "Kulturstiftungen der Bank" zugutekommen soll, ist eine vage Aussage.

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