Vilhelm Hammershøi

Kopenhagen



MEDITATIVER ALS MALEWITSCH

Der Däne Vilhelm Hammershøi gilt als Meister des stillen Interieurs, Stadtansichten sind ebenso seine Stärke. Die dänische Nationalgalerie setzt ihn jetzt in Kontext zu europäischen Zeitgenossen, doch leider widerspricht der Ausstellungsaufbau Hammershøis Qualitäten.
// CLEMENS BOMSDORF, KOPENHAGEN

Gläserne Flügeltüren geben den Weg zur Ausstellung "Hammershøi und Europa" frei, dahinter sitzt ein Wärter, der höflich "velkommen" sagt – auf den ersten Metern durch die Schau breitet sich Kaufhausatmosphäre aus. Das Gefühl, in einem Museum zu sein, kommt leider nicht auf.

Und das obwohl Hammershøis Arbeiten eigentlich mehr meditative Stille verbreiten als Kasimir Malewitschs Quadrate. Hammershoj war kein abstrakter Maler, dennoch nehmen fast monotone Flächen wie kahle Außen- und Innenwände, Kleider, Tischdecken den meisten Platz ein in seinen Bildern. Vielfach sind weibliche Rückenansichten (häufig von seiner Frau Ida) in den Räumen Hammershøis zu sehen. Die spärlich möblierten Interieurs mit Fenster und Frau sind seine bekanntesten Motive. Gleich drei davon hängen nebeneinander im ersten, schlauchförmigen Saal der Kopenhagener Ausstellung.

Doch den Werken wird nicht genug Raum gegeben, stattdessen wirkt es, als komme es hier vor allem darauf an zu zeigen, wie viele dieser phänomenalen Bilder die Nationalgalerie besorgen konnte. Protzgehabe wie im bekannten Banken-Reklamefilm, wo ein Emporkömmling den anderen mit Bildern von "mein Haus, mein Auto, mein Boot" beeindrucken muss. Ähnlich schnell wie in dem Werbespot die Fotos auf den Tisch geknallt werden, wechseln die Fotografien auf dem Bildschirm in der Hammershøi-Ausstellung. Es sind Abzüge aus der Sammlung des Künstlers, doch weil jedes Motiv nur einen Augenblick zu sehen ist, ergibt sich gar nicht die Chance diese zumindest im Geiste mit den gemalten Motiven Hammershøis zu vergleichen.

Der erste Teil der Ausstellung widmet sich ausschließlich Vilhelm Hammershøi. Teil Zwei hat der Ausstellung den Titel verliehen: "Hammarshøi und Europa". Hier werden Arbeiten Hammershøis zusammen mit denen seiner europäischen Zeitgenossen gezeigt. Doch bleibt unklar, wieso. Geht es darum, auf Einflüsse hinzuweisen oder nur zu zeigen, wie unterschiedliche Maler zur ungefähr selben Zeit die gleichen Motive abgebildet haben? Weil Hinweistexte fast komplett fehlen, erfährt der Besucher nur wenig von den Intentionen der Ausstellungsmacher. Denen ist es gelungen Whistler’s Mutter ("Arrangement in Grey and Black", 1871) vom Musée d’Orsay auszuleihen. Doch was hängt daneben? Hammershøis Porträts mehrerer Frauen. Die Mutter des dänischen Künstlers in ähnlicher Positur und ähnlich abgebildet wie die von Whistler, ist auf der gegenüberliegenden Wand zu sehen, wo sie zwischen diversen anderen Malereien beinahe untergeht und ein direkter Vergleich kaum möglich ist. Anscheinend war hier die Ähnlichkeit im Format (Whistler’s Mutter misst wie das Gruppenportrait ca. 150 cm x 150 cm während die Mutter von Hammershøi nicht einmal auf 50 cm 50 cm kommen dürfte) wichtiger als die im Motiv. Noch abstruser mutet der Wandabschnitt an, der nackte Frauen von Gauguin ("Badende Tahitianerinnen", 1892) und Chavannes ("Junge Frauen am Meer", 1879) mit zwei Bildern des Dänen zusammenbringt ("Artemis", 1893/94 und "Stehende nackte Frau", 1909/10), die ebenfalls Nackte zeigen, ohne dass ein über das reine Motiv hinausgehender Zusammenhang deutlich wird. Zu allem Überfluss sind diese vier Bilder auch noch von zwei hohen lilafarbenen Rechtecken eingerahmt. Hatte da der Ausstellungsarchitekt noch zwei große Sperrholzplatten übrig, die keinen Platz im Lager hatten und deshalb kurzerhand in der Ausstellung untergebracht werden mussten?

Dabei können die Ausstellungsmacher der Kopenhagener Hammershøi-Schau eigentlich ihr Handwerk und zwar wirklich gut. Das beweisen sie im Übergang zwischen Ausstellungsteil eins und zwei. Dort wird ein simpler Film (es ist eigentlich mehr eine Diaschau mit Kommentarspur) geschickt auf zwei über Eck angebrachte Leinwände gesplittet gezeigt – mit einfachen Mitteln wird die gewohnte Frontalaufführung wie im Fernsehen hier aufgebrochen. Das die Tonspur im ganzen zweiten Saal zu hören ist, stört überhaupt nicht. Im Gegenteil: Das Dänische gibt einen passenden Klang-Hintergrund zu Hammershøis Bildern ab.

Bonnard, Khnopff, Munch, Carrière – die Nationalgalerie konnte Arbeiten von sehr bedeutenden Zeitgenossen leihen. Doch weil der Gedanke der Ausstellung nicht klar wird, wirkt diese Zusammenstellung wie name-dropping. Dabei könnten schon kurze Hinweise manchmal ausreichen, um die Ausstellungsbesucher nicht im Unklaren zu lassen. Glücklich konnte sich schätzen, wer in Kopenhagen am Seminar zur Hammershøi-Ausstellung teilnahm und dort Vorträgen von Frances Fowl, Felix Krämer vom Städel und Anne Hemkendreis hören konnte. Letztere erläuterte Gemeinsamkeiten der farblichen Harmonie bei Whistler und Hammershøi – Hinweise, die der Ausstellung auch gut getan hätten. Ebenso wie ein Bild von Hammershøis Lehrer P.S. Krøyer, auf dessen Fehlen in der Schau Krämer hinwies – da zeitgleich im der benachbarten Hirschsprung-Museum eine Krøyer-Ausstellung stattfindet, kann der Vergleich immerhin ohne viel Aufwand selbst unternommen werden. So bleibt der Besucher enttäuscht zurück: Die Hammershøi-Ausstellung in der dänischen Nationalgalerie ist sehenswert, aber vor allem wegen der Werke, die gezeigt werden und kaum deswegen, wie diese gezeigt werden. Durch bessere Hängung und mehr Vermittlungsarbeit hätte die aufwendige Schau viel gewonnen.

Hammarshøi und Europa

bis 20. Mai ab dem 15. Juni bis zum 16. September ist die Ausstellung in der Hypo Kunsthalle in München zu sehen

http://www.smk.dk

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo