Pipilotti Rist

Mannheim



HUMORVOLL UND SUBVERSIV

Große Retrospektive mit 30 Werkgruppen der Schweizer Medienkünstlerin

// PETRA BOSETTI

Der Londoner "Guardian" sorgte sich auf seiner Website um das sittliche Empfinden seiner Leser. Die "Warnung: enthält Nacktheit" galt nicht etwa einem Porno­strei­f­en, sondern einem auf Video aufgezeichneten Interview des Kunstkritikers Adrian Searle mit der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist.

Da dies Gespräch inmitten der Rist-Ausstellung in der Hayward Gallery stattfand und die Künstlerin sich in ihren Filmen, Performances und Fotoarbeiten mit dem weiblichen Körper – häufig ihrem eigenen –, mit Sexualität und dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern befasst, ließ sich ein gelegentlicher Blick auf nacktes Fleisch kaum vermeiden. Im prüden London, wo 2008 das Poster einer nackten "Venus" von Lucas Cranach als unsittlich erklärt und kurzzeitig entfernt wurde, war die Reaktion des "Guardian" nur folgerichtig.

Dass die deutschen Museumsbesucher, die in der Mannheimer Kunsthalle die Ausstellung "Augapfelmassage" (so benannt nach einer Installation) besuchen werden, so empfindlich reagieren, ist wohl nicht zu erwarten. In der Ausstellung sind 30 Werkkomplexe aus den letzten 25 Jahren vereint – von frühen Videos ("I’m Not The Girl Who Misses Much", 1986) über Videoskulp­turen ("Eindrücke Verdauen", 1996) bis zu der neuesten, raumfüllenden Arbeit ("Administrating Eternity"), die 2011 eigens für die Ausstellungskooperation zwischen Hayward Gallery und Mannheimer Kunsthalle entstanden ist.

Stephanie Rosenthal, Kuratorin an der Hayward Gallery, stimmt im Katalog die Besucher auf eine "fremde Welt der Sinne ein". Rists Arbeiten "verknüpfen Kopf und Magen, Gedanken und Gefühl". Und die Künstlerin (Jahrgang 1962) selber sagt: "Meine Bilder erzählen von der unzivili-sierten Schönheit, der Hingabe an das Leben, sie sollen Energien verleihen." In "Administrating Eternity" (Verwaltung der Ewigkeit) können die Besucher sich einer Audio-Video-Installation hingeben – einem turbulenten Wirbel aus farbigen Projektionen und Geräuschen, den sie auf im Raum verteilten Stoffkissen erleben können.

Humor und Subversion stehen bei Pipilotti Rist oft dicht beieinander, wobei sich in einer zentralen Arbeit beides aufs Beste miteinander verbindet: "Massachusetts Chandelier". Der Kronleuchter besteht "aus Metallringen und kunststoffummanteltem Draht mit getragenen und gereinigten Unterhosen", so die sachliche Katalogbeschreibung. Pipilotti Rist erklärt das kuriose Objekt zugleich tiefsinnig: Unterhosen seien "der Tempel des Unterleibs". Dieser Teil des Körpers "ist sehr heilig, der Ort, durch den wir die Welt betreten, das Zentrum sexuellen Genusses und der Ausgang des körperlichen Mülls". Kritiker Adrian Searle notierte sarkastisch: "Marks & Spencer sollten es für ihre nächste Werbekampagne für Unterwäsche benutzen."

Pipilotti Rist – Augapfelmassage

Mannheim, Kunsthalle bis 24. Juni

Der Katalog zur Ausstellung ist im Prestel Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro

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