Radar

Tobias Glaser

Tobias Glaser über Peter Naumann
Peter Naumann: "Figuren", 2009 – Arbeiten im Rahmen der Ausstellung "Design vor dem Produkt" in der Galerie Filser und Gräf (© Naumann Design, München)

TOBIAS GLASER ÜBER PETER NAUMANN

Für unsere Serie "Radar" fragen wir Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Tobias Glaser, Kurator und Designexperte aus München, über den Designer Peter Naumann.
// TOBIAS GLASER, MÜNCHEN

Peter Naumann habe ich 2004 in Zeiten gemeinsamer Lehrtätigkeit an der Hochschule München kennen gelernt. Gerade seine freien Arbeiten beschäftigen sich mit der Rolle des Designers, Bilder für den Alltag zu generieren. Peter Naumann ist Industriedesigner. Seine Produktpalette ist außerordentlich breit gefächert und reicht vom Tesafilm-Abroller bis zum Automobil. Nach dem Studium in München, Offenbach und am Royal College of Art in London schloss er als "Best student of RCA 1991" sowie als "Best student of the year 1991" ab. Seither betreibt er ein eigenes Büro in München. 2006 wurde er an die Hochschule München als Professor für Industrial Design berufen und ist dort Dekan der Fakultät Gestaltung. Zuletzt wurde er mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2008 ausgezeichnet.

"Dragon"

Zwei Augen blicken den Betrachter an, leuchtend, sprungbereit, untermalt von Windflattern: "Dragon" hieß die Arbeit. Ein raumgroßes Ungeheuer, das Peter Naumann zusammen mit dem Filmer Klaus Naumann und dem Fashion-Designers Eltje Rick auf dem Designparcours München 2004 ausstellte. Wie bei Jim Knopf aus der Augsburger Puppenkiste entpuppte sich das Ungeheuer bei näherer Betrachtung als Mobile, das aus einzelnen Karosserie-Teilen eines Motorrades an Nylon-Fäden von der Decke baumelt. Eine 1000-Kubik-Maschine der Marke MZ musste dafür Federn lassen. Diese Maschine stammt aus der Feder von Peter Naumann selbst. Doch warum nur zieht ein Industrie-Designer ein Produkt aus, das er zuvor selbst eingekleidet hat? Schließlich beschäftigt sich ein Designer mit Produkten industrieller Serien-Herstellung für einen anonymen Massenmarkt, laut einer Definition von Uta Brandes, und bezieht seinen Erfolg aus Zweckdienlichkeit und Zielgruppen-Konformität. Ein Motorrad ist ein Transportmittel, dient Geschwindigkeitsrausch an und fungiert als Statussymbol. Arbeiten von Peter Naumann lassen sich jedoch nicht ausschließlich über Zweckdienlichkeit und kaum mit der klassischen Werteskala von schön bis gut dechiffrieren.

Ikongraphisch durchziehen Naumanns Arbeiten figurative und entomologe Motive, deren Wurzeln bei Charakteren zeitgenössischer Comic-Welten zu suchen sind. So fremd oder befremdlich solche Charaktere anmuten mögen, so wirklich sind sie heute im Alltag. Sie zu entkleiden, karikiert und reflektiert ihre ästhetischen Funktionen. Darin liegt die Kraft, die Naumanns Arbeiten auslösen können.

"B 52"

B 52 ist ein Interkontinental-Bomber. Und, "B 52" ist ein Vogelhaus von Peter Naumann, entstanden für meine Ausstellung in der Galerie für Angewandte Kunst zur Vierten Architekturwoche München 2008. "B 52" ist nicht aus Wänden gezimmert, sondern formt aus einem gebogenen Gummi-Lappen einen Hohlraum. Als hungriger Schlund ließe sich´s lesen oder als Triebwerksöffnung oder als Sportkappe ob der grafischen Notation oben auf. Auch hier wird eine scheinbar funktionelle Frage zu einem Spiel mit Symbolträgern ausgeweitet: Konnotationen von Ur-Ängsten eingebettet in eine Symbolsprache der Mode.

"Miami in Aspik"

Die jüngste Arbeit von Peter Naumann formuliert seine Haltung noch plakativer: eine Pistole. Überzogen mit einer gallertartigen, rosa-transparenten Haut. Wie ein Mieder zugeschnürt mit einer rosafarbenen Kunststoff-Schnur. Gender-Farben mit Gummibären-Haptik. Darunter: blanker Stahl mit applizierten schwarzen Griffschalen. Auf dem Lauf eingraviert "Miami Mod.92F". Miami ist eine Schreckschusspistole. Sie ahmt die legendäre Beretta 92F nach, die Standard-Bewaffnung der US-Army. Sie hat wie die jetzt 90-jährige Kalaschnikow AK47 zweifelhafte Berühmtheit erlangt und bewegt Künstler und Designer gleichermaßen. Philippe Starck etwa entwarf 2005 seine "Gun-Series" in 18 Karat Gold für FLOS. Lesley Craze Gallery London zeigte 2008 die Ausstellung "Paper Wars", basierend auf Martin Postlers Serie "Paper AK-47" von 2007. Selbst eingefleischten Pazifisten dürfte der Anblick dieser Waffen vertraut sein. Das Modell 92F ist spätestens durch Hollywood zum Symbol avanciert. Eine ganze Generation kennt TV-Serien wie "Magnum" oder "Miami Vice". "Miami in Aspik" ist geladen mit der Frage, welche Rolle Designer in und für die Gesellschaft einnehmen. Es gibt meines Erachtens nur wenige Designer, die das wagen. Die Arbeit von Peter Naumann balanciert treffsicher an den Untiefen der Gestaltung und deren Rezeption. "Miami in Aspik" ist bis zum 8. Januar 2010 bei Filser & Gräf, Galerie für Kunst und Design in München ausgestellt. Am 8. Dezember 2009 findet hier ein Tischgespräch statt, zu dem Peter Naumann mit weiteren Designern aus der Ausstellung Fragen zu seiner Arbeit erläutern wird.

"Miami in Aspik"

Termin: bis 8. Januar 2010, Filser & Gräf, Galerie für Kunst und Design in München

http://www.filserundgraef.de

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