Ausgabe: 05 / 2012

Parzival im Raumanzug

Der polnische Künstler Pawel Althamer kämpft mit den Mitteln der Kunst für die Schwachen und Ausgegrenzten dieser Welt. Dazu baut er Weltraumstationen und Denkmäler für Vorstadtbewohner. In diesem Frühjahr hebt er mit Ausstellungen in München und Bozen endgültig ab

Birgit Sonna

Bródno an der Peripherie von Warschau ist nicht unbedingt der Ort, wo man das Aufkeimen einer künstlerischen Utopie vermuten würde. Wohnsilos in Plattenbauweise säumen den Asphaltdschungel, stecken wenig trostspendende Grünflächen ab. Es ist eine typische sozialistische Retortenstadt, die naturgemäß eine gewisse Verwahrlosung nach sich zieht. Just in diesem Vorort hat der polnische Künstlerstar Pawel Althamer eine silbrig glänzende Raumstation im Erdgeschoss eines Wohnblocks installiert. Quasi einen Science-Fiction-Kokon als sozialen Treffpunkt, aber auch als Projektionsfläche für Film- und Diavorführungen und andere künstlerische Programme. Tatendurstig durchquert Althamer mit orangegreller Arbeiterhose das seit seiner Kindheit vertraute Areal. Als Zehnjähriger ist er mit seiner Familie hierhergezogen und empfand diese Transplantation von einer eher dörflichen Einfamilienhausgegend, wie er sagt, als "traumatisch". An einem sonnigen Tag führt uns nun Althamer seine bereits ziemlich demolierte Raumstation vor: Der Vandalismus rührt teils von den gleichen gelangweilten Jugendlichen des Distrikts her, mit denen Althamer bei seinen Kollektivarbeiten in ständigem Austausch ist. "Wir hatten das Entree einem Redesign unterzogen, es war Teil einer futuristischen Vision, die allerdings mit der Realität der hiesigen Nachbarschaft und der Anwohner verkoppelt sein sollte", sagt Althamer. Der Rückschlag entmutigt ihn nicht: "Ich werde die Jugendlichen nach der Berlin-Biennale zusammentrommeln und mit ihnen etwas unternehmen - wer weiß, vielleicht eine gemeinsame Reise." Pawel Althamer, ein alter Mitstreiter des polnischen Leiters der 7. Berlin-Biennale Artur Zmijewski (siehe Bericht Seite 32), ist bei der Ende April startenden Schau mit einer zentralen Arbeit vertreten: In der St. Elisabeth-Kirche hält er einen sogenannten "Kongress der Zeichner" für beruflich einschlägig Vorbelastete und absolute Laien ab. Generell bezieht der 1967 geborene Künstler nicht nur das übliche Kunstpublikum ein, sondern arbeitet seit Mitte der neunziger Jahre vorzugsweise mit gesellschaftlichen Randgruppen, mit Kranken, Obdachlosen, Straftätern, Problemkindern, aber auch mit Freunden, Nachbarn, Kollegen. Nicht etwa unter dem Deckmäntelchen der Political Correctness, sondern weil er überzeugt ist, dass "Grenzen nichts als Illusionen sind und dringend verändert werden müssen". Mal von sich selbst belustigt, mal bierernst spricht der 45-Jährige über seine höhere Mission: "Es ist, als erneuere man seine Ego-Position, die in der westlichen Kultur sehr stark ist, zugunsten eines viel weiteren Spektrums, das der Kindheit gegenüber offen ist und eine Fülle von Optionen birgt." Neben der Performance gehört die heute als hoffnungslos anachronistisch verschriene figurative Bildhauerei zu Althamers Domäne. Doch von wegen akademisch! Althamer spielt zwar mit einem bis ins Detail nuancierten Realismus, wendet die Figuren aber ins Surreale, um nicht zu sagen Metaphysische. Seine oft im silbernen und goldenen Gewand daherkommenden figürlichen Skulpturen sind gerade unter vermögenden Privatsammlern ausgesprochen gesucht. Obwohl oder gerade weil hinter ihrer prätentiösen Hülle eine geradezu drastische Lebenswahrheit lauert, so wie etwa bei der grotesken Figurengruppe der "Bródno People" von 2010. Man wird von dem wie schockgefrosteten Einbruch des Realen hinterrücks überwältigt.

Erstaunlich unangetastet von den üblichen Zerstörungsakten im öffentlichen Raum blieb bislang Althamers phänomenaler Skulpturenpark in Bródno, zu dem jedes Jahr eine neue Arbeit hinzugefügt werden soll. Die gemeinschaftsstiftende Saat dieser 2009 zusammen mit dem Museum für moderne Kunst in Warschau gestarteten Fiktion ist jedenfalls schon aufgegangen. Der Park und seine verblüffenden Skulpturen werden von der Nachbarschaft geliebt und geschützt. Bestimmt auch, weil man auch ohne künstlerisches Vorwissen instinktiv spürt, welche Perlen sich hier versteckt halten, angefangen von dem zur Teeküche aufklappbaren Minimalwürfel von Rirkrit Tiravanija über Skulpturen von Monika Sosnowska und Olafur Eliasson bis hin zu einer in kristallinen Klanginstallation der Turner-Preisträgerin Susan Philipsz. Und als sei ein Ufo aus Mali gelandet, sieht man gleich eingangs des Parks eine aus Baumstämmen konstruierte und geschnitzte Hütte von Youssouf Dara. Althamer hat den aus einem Lehmdorf in Mali stammenden Bildhauer auf einer seiner Touren kennengelernt und ihn nach Bródno eingeladen: "Entstanden ist eine sehr traditionelle Palaverhütte, wie sie eigentlich in jedem Ort in Mali von den Dogon gebaut wird. Man muss sich hierzu die erstaunliche Ursprungslegende der Volksgruppe oder vielmehr ihre Kosmogonie vergegenwärtigen: Die Dogon glauben, dass sie aus dem All beziehungsweise von dem Planeten Sirius abstammen." Und Althamer lacht scheppernd: "Das glaube ich von mir übrigens auch!" Von dem Meister aus dem All selbst stammt inmitten des Skulpturenparks ein sogenannter "Paradiesgarten". Althamer hat ihn ausgehend von Kinderzeichnungen mit einem Springbrunnen, Baumreihen, Rabatten und seltenen Pflanzen sozusagen als idealisiertes Gegenbild zu dem unwirtlichen Bródno erschaffen: "Das Paradies bezieht sich ja auf die katholische Tradition. Ich dachte mir, es ist besser hier realiter etwas Paradiesisches zu kreieren, als auf ein himmlisches Versprechen zu warten." Und tatsächlich offenbart sich eine romantisch entrückte Welt: Unter einem Spalierbogen lassen sich gerne Liebespaare fotografieren, in der Ferne sieht man freundliche Polizisten auf schwarzen Rössern patrouillieren. Vielleicht ist Pawel Althamer tatsächlich ein mit einem höheren Wissen ausgestatteter Kunstheiliger. "Nicht heilig genug", befindet er dann doch selbst, als wir ihn bei einer Vogelfutterstelle unter einem Baum fotografieren wollen und sich die Vögel aus dem Staub machen. Von der auch den Tieren heiligen Aura des heiligen Franziskus ist Althamer eben noch etwas entfernt.

Und so ist das vollkommen unspektakuläre Bródno der Ausgangs- und Konzentrationspunkt für alle "extraterrestrischen" Guerillataten Althamers. Von hier zog er bereits 2008 mit einer Anhängerschaft aus Nachbarn und Familienmitgliedern los, um die Welt auf seiner fortlaufenden Missionierungsreise unter dem Label "Common Task" zu erobern. Allen voran schritt damals, von Kopf bis Fuß in Gold gehüllt, der Hohepriester Althamer mit einem Kinderwagen, seine ihm folgenden Jünger trugen dazu farbidentische Astronautenanzüge. Man hätte meinen können, ein paar verstörte Menschen seien gerade aus ihrem psychiatrischen Gewahrsam entrückt und machten die Gegend unsicher. Und um produktive Verunsicherung geht es Althamer letztlich auch: Seine Apostelschar verzerrt gesellschaftliche Grenzziehungen. Es sind also im wahrsten Sinne des Wortes Borderliner. Die goldene Kostümierung bezieht sich einerseits auf die in der christlichen Kunst symbolisierte göttliche Herrlichkeit und markiert andererseits Althamers ausdrückliche Verbundenheit mit der "Extrapower des Universums" - das darf man durchaus auch ironisch nehmen. Mittlerweile ist "Common Task" in ähnlicher Konstellation bis nach Brasilien, Belgien, Großbritannien, ja Mali gereist. Und weil Althamer Ende Mai zwei große Einzelausstellungen in europäischen Häusern hat, wird er seine energetisch strahlenden Gefährten wiederum in Bródno zu einem Kreuz- und Raumfahrerumzug im Mercedes-Bus sammeln, um über eine Station in Bozen schließlich vor dem Münchner Rathaus Position zu beziehen.

Wer sich einen Überblick über die skulpturalen Initialzündungen Pawel Althamers bis hin zu seinem letzten Abenteuer verschaffen will, ist mit seiner Ausstellung in der Münchner Sammlung Goetz gut beraten. Die Retrospektive dort geht zurück bis zu unter anderem "Matea" (2006/08), einem von Aluminium überzogenen und damit kurios veredelten Abbild seines überschaubaren Warschauer Bildhauerstudios, und endet in der maskierten skulpturalen Parade der "Bródno People". Im Museion in Bozen ist zeitgleich ein Großteil von Althamers "Almech"-Figuren von 2011/12 zu sehen. In einer Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin hatte Althamer die gleichnamige Warschauer Kunststofffabrik seines Vaters in die Bankinstitution einziehen lassen. Hergestellt wurden meist zwei Skulpturen pro Tag: Erst wurde freiwilligen Modellen eine "Totenmaske" aus Silikon abgenommen, dann modellierten Althamer und Helfer die fantastischen Körper aus Streifen heißen Kunststoffs, den die Almech-Maschinen seines Vaters ausspuckten. Mit jedem Tag im Guggenheim wuchs nicht nur Althamers kleine Gemeinde, sondern auch der gespenstische Zug der scheinbar aus einem Niemandsland zwischen Leben und Tod Entsprungenen.

Manchmal könnte man denken, dass Althamer komplett von der Realität abdreht. Aber je länger man ihm zuhört und zusieht, um so mehr filtert sich die Botschaft hinter seinen sozialen Plastiken und Performances heraus. "Die Kunst ist für mich ein wunderbares Werkzeug, um zu kommunizieren. Ich finde, dass das Instrument des sprachlichen Ausdrucks manchmal etwas überstrapaziert ist. Und so habe ich in der Kunstaktivität eine Parallele gefunden, an die ich mehr glaube: Sie verhilft zu einer viel freundlicheren und weiterreichenden Kommunikation, weil sie die Menschen kreativ werden lässt." Das sagt einer, der sich trotz des Hypes um seine Kunst kaum um den eigenen Ruhm schert. Sammler berichten, dass sich Althamer bei Dinnerabenden bald aus jedem Smalltalk verabschiedet und stattdessen zeichnet. Wahres Sendungsbewusstsein duldet keine Zeitvergeudung. Und auch unser Team stürzte Althamer am Ende der Bródno-Reise noch in eine unerwartete Aktion. Wir wurden an einen geheimen Ort geschleust. In ein Warschauer Tonstudio, wo Althamer für die weißrussische Rock-Band N.R.M. eine Bühne aufgebaut hatte, um dort Teile eines Videoclips zu drehen. Den wegen ihrer Regimekritik immer wieder mit Auftrittsverbot belegten Musikern wurden natürlich goldene Raumanzüge verpasst. Als Signal, dass es auch al-te politische Bollwerke wie das Lukaschenko-Regime weiter anzugreifen gilt. Althamer hat etwas von einem astronautischen Parzival an sich. Er mag den heiligen Gral noch nicht gefunden haben, aber er kommt ihm schon verdammt nahe.

Bildunterschrift:

Althamer 2012 in seiner "Raumstation", die er in einem Wohnblock im Warschauer Bezirk Bródno installiert hat

Kollektivarbeit mit Nachbarn: Mit "Bródno People" (2010, 252 x 600 x 165 cm) zitiert Althamer Rodins berühmte Figurengruppe "Die Bürger von Calais"

Für seine Performance-Reihe "Common Task" (2008 bis heute) lässt Althamer Leute aus Bródno in goldenen Kostümen durch die Welt wandern

Althamer spielt mit einem bis ins Detail nuancierten Realismus, wendet die Figuren aber ins Surreale, um nicht zu sagen Metaphysische

Zur Eröffnung seiner Ausstellung in London landete Althamer im Dezember 2009 mit seinen "Common Task"-Team im goldenen Flugzeug in Heathrow

Für sein "Almech"-Projekt verwandelte der Künstler das Deutsche Guggenheim Ende 2011 in einen Skulpturen-Workshop

Die goldene Kostümierung bezieht sich auf die göttliche Herrlichkeit und markiert die Verbundenheit mit der "Extrapower des Universums"

Lebensgroße "Josef"-Figur aus Kunststoff, Metall und Draht (2010, 194 x 94 x 70 cm)

"Nomo" mit Metallhelm, hölzernem Speer und goldenem Skianzug (2009, 220 x 59 x 62 cm)

Ausstellungen: Berlin-Biennale: 27. April bis 1. Juli; Museion, Bozen: 26. Mai bis 26. August; Sammlung Goetz, München 29. Mai bis 6. Oktober

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