Ausgabe: 01 / 2012

Ganz einfach frei sein

Werkschau der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Feministin

Claudia Bodin

Mitte der siebziger Jahre paarte die Künstlerin in "Doppelleben" Bilder aus ihrem Fotoalbum mit Anzeigenmotiven, die sie in Frauenzeitschriften gefunden hatte.

Auf den Fotos setzte sie sich wie die Frauen in der Werbung in ähnlichen Posen, Umgebungen oder Situationen in Szene.

Allerdings waren die Bilder als Spiegelbild der aufpolierten Werbewelt in den meisten Fällen vor den Anzeigen entstanden. Geben die Massenmedien das Gefühl wieder, was es heißt, eine Frau zu sein, oder geben sie es vor? Imitieren sie das Leben oder haben sie die Kraft, Vorstellungen von Weiblichkeit und Identität zu formen?

Sanja Ivekovic, 62, eine der ersten feministischen Künstlerinnen im ehemaligen Jugoslawien und Mitstreiterin von Kolleginnen wie Marina Abramovic, Valie Export, Hannah Wilke und Joan Jonas, erforschte Fragen wie diese anhand von ihren Selbstporträts. Das Museum of Modern Art erwarb vier Arbeiten aus der "Doppelleben"- Serie. Sie stehen im Mittelpunkt der 100 Fotomontagen umfassenden Werkschau aus den vergangenen 40 Jahren. Auf der documenta, wo sie 2007 ein Mohnfeld erblühen ließ, war Ivekovic zwei Mal vertreten.

Die eigene Person ist für die Künstlerin der Ausgangspunkt ihrer Werke. Sie arbeitet mit Fotografie und Film, Installationen und Performances. Sie beschäftigte sich mit der Situation der Frau in der Gesellschaft, die zunächst einem kommunistischen System unterlag, und wie die Öffentlichkeit, das politische und soziale Gefüge die Konstruktion der eigenen Person beeinflusst. In späteren Jahren arbeitete sie zunehmend politisch motiviert. In ihrer bekannten Performance "Dreieck" von 1979 täuscht Ivekovic während des Besuchs von Präsident Tito vor, Whisky trinkend auf ihrem Balkon zu masturbieren, als sich der Festzug an ihrem Haus vorbei bewegt. Nach Minuten wird sie von einem Beamten des Sicherheitsdienstes vom Balkon entfernt. In "Sweet Violence" (1974), so auch der Titel der Ausstellung, stattete Ivekovic einen Fernsehbildschirm mit schwarzen Balken aus, um dahinter das Propagandaprogramm des jugoslawischen Staatsfernsehens laufen zu lassen und auf die süße, brutale Verführung durch die Medien aufmerksam zu machen. Der Film "Persönliche Schnitte" von 1982 zeigt, wie die Künstlerin Löcher in einen schwarzen Strumpf schneidet, der ihr Gesicht bedeckt. Auf jeden Schnitt folgt eine Sequenz aus einem Dokumentarfilm über die Geschichte ihres Landes. Ivekovic schneidet, bis sich ihre Tarnung aufgelöst hat, ihr Gesicht zu erkennen und sie ganz einfach frei ist.

Der vom MoMA herausgegebene Katalog kostet 50 US-Dollar

Kasten:

18.12.- 26.3.12 Sanja Ivekovic. Sweet Violence new York, Museum of Modern art

Bildunterschrift:

Privatfotos der Künstlerin, kombiniert mit Anzeigenmotiven.

Arbeit aus der Serie "Doppelleben" (1976, 41 x 58 cm)

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