Ausgabe: 01 / 2012

Lucian Freud - Der Ringer

Lucian Freud (1922 bis 2011) war ein Sonderfall: Konträr zu allen Trends und Moden der Kunst verfolgte er ein Malerleben lang sein Projekt, den Menschen zu ergründen. Jetzt zeigt eine Londoner Ausstellung seine grandiosen Porträts. Wir sprachen mit Martin Gayford, der ein wunderbares Buch über seine Qualen und Erkenntnisse als Modell von Lucian Freud geschrieben hat

HANS PIETSCH

Mehr als sieben Monate lang saß Martin Gayford, Kunstkritiker und Autor von Büchern über Constable und van Gogh, seinem Freund Lucian Freud Modell. Die beiden kannten sich seit fast zehn Jahren, gingen zusammen essen, besuchten zusammen Ausstellungen. Der Wunsch, sich von Freud malen zu lassen, war bei Gayford im Laufe der Zeit immer stärker geworden, und eines Tages, bei einer Tasse Tee, stellte er wie beiläufig die Frage. Statt der erwarteten vagen Antwort sagte Freud: "Was haben Sie nächsten Dienstag vor?" Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit ist das Porträt "Mann mit blauem Schal". Über die langen Sitzungen, bei denen nicht nur der Maler sein Modell, sondern dieses auch ihn genauestens beobachtete, und über die Gespräche hat Gayford ein einfühlsames Buch geschrieben, in dem auch Freud selbst ausgiebig zu Wort kommt - ein Buch über die Suche nach Wahrheit und die Kraft des Sehens. art: Herr Gayford, nach welchen Kriterien suchte sich Freud seine Modelle aus?

Gayford: Er hatte darauf immer die eine Antwort: Impuls. Wenn er den Wunsch oder den Drang hatte, jemanden zu malen.

Aus welchem Grund?

Er sagte: Ich denke nicht viel über mich selbst nach, deshalb ist das schwer zu beantworten.

Es gab interessante Menschen, die er gut kannte, und die vorschlugen, ihm Modell zu sitzen. Nichts passierte. Und andere, die er malte, wo es schiefging. Der Maler R.B. Kitaj etwa. Lucian begann zwei Porträts von ihm, gab aber beide auf. Eines von ihnen lehnte bei meinen Sitzungen an der Wand, in der Mitte der Leinwand klaffte ein Loch.

Und die Kriterien?

Eines konnte er nicht ausstehen: wenn Menschen unscheinbar waren. Menschen mit einer lebendigen Präsenz, das war es. Langweiler gingen ihm auf die Nerven. Doch das war natürlich nicht alles. Ich kenne Leute aus der Kunstwelt, die alles andere als langweilig sind, und die er trotzdem ablehnte.

Eine Überlegung war sicher, dass er sehr viel Zeit in ihrer Gegenwart verbringen musste.

Richtig, wegen seiner langsamen Arbeitsweise.

Er wollte sichergehen, dass er in ihrer Gegenwart entspannt arbeiten konnte.

"Mann mit blauem Schal" ist ein Schulterporträt.

War es ihm wichtig, wie Sie saßen?

Ich schlug automatisch die Beine übereinander.

Muss ich die immer in gleicher Weise übereinanderschlagen, fragte ich ihn? "Selbstverständlich", antwortete er, Schwere und Gleichgewicht des Körpers würden durch die Stellung der Beine beeinflusst.

Die Atmosphäre im Atelier - war sie Furcht einflößend?

Für mich nicht, aber ich empfand auch Lucian nie als Furcht einflößend, wie das andere taten. Fordernd ja, auch schwierig, aber ich akzeptierte das.

Herrschte Stille während der Sitzungen oder unterhielten Sie sich?

Wir unterhielten uns meist nur in den regelmäßigen Pausen, die er einlegte. Wenn er ganz konzentriert arbeitete, murmelte er vor sich hin: "Ja, so ist es gut", "Nein, so geht's natürlich nicht", "Ein bisschen aufhellen" und so weiter. Viele Pinselstriche begann er mit einem Seufzer.

Stand er still beim Malen?

Oh nein, vorwärts und rückwärts, ganz nah an die Leinwand heran, dann wieder zurücktretend, um den Effekt zu begutachten.

Ein fast athletisches Hüpfen. Bis zum Schluss arbeitete er ohne Brille, nur zum Radieren setzte er sich eine Lesebrille auf.

Er nannte, was er auf der Leinwand macht, "Anvisieren eines Ziels." Vorzeichnungen machte er keine?

Nein, das Zeichnen hatte er schon vor Jahrzehnten fast ganz aufgegeben und durch Radieren ersetzt. Bei der ersten Sitzung zeichnete er mit Kreide lediglich einen groben Umriss auf die Leinwand und ging dann sofort zu Pinsel und Farbe über.

Und das Mischen der Farbe?

Das nahm viel Zeit in Anspruch. Oft suchte er auch minutenlang nach der richtigen Farbtube unter den hunderten, die überall herumlagen. Das verschaffte ihm Zeit zum Nachdenken. In dieser Hinsicht war er ein fast konzeptueller Künstler, der immer lange über seinen nächsten Schritt nachdachte.

Wie sensibel sein Auge auf Farbe reagierte, zeigt der erste Versuch, den blauen Schal zu malen. Er mischte ein Königsblau zusammen, doch dann murmelte er: "So nicht", und nach einem erneuten Versuch: "Ich kann das heute nicht". Erst als ich wieder zuhause war, begriff ich sein Dilemma: Ich besaß zwei königsblaue Schals und hatte aus Versehen den um eine Nuance helleren umgehabt. Da er alle Farben auf der Leinwand auf dieses eine Blau abgestimmt hatte, war es ihm unmöglich, damit zurechtzukommen.

Arbeitete er manchmal alleine, ohne Sie?

Niemals. Eine Zeit lang beschäftigte er sich ausschließlich mit dem Grund hinter meinen Schultern - ich saß vor einem zerschlissenen Wandschirm. Ich musste dabei sein, "Es ist wichtig für mich, was der Schirm mit Ihrem Kopf macht", sagte er. Es wurde nichts gemalt, ohne dass das Modell anwesend war. Die englische Queen ist wohl eine der Ausnahmen dieser Regel, und das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass ihr Porträt nicht zu seinen besten Arbeiten zählt.

Es gibt ein unvollendetes Porträt von Francis Bacon, das aussieht, als sei es von innen nach außen gewachsen. Malte er so?

Mein Porträt begann mit einem kleinen dunklen Flecken in der Mitte meiner Stirn, und von da aus arbeitete er sich nach allen Seiten weiter. Am Ende blieben nur einige wenige kleine Stücke leerer Leinwand übrig, die er sich offenhielt, als wolle er sich sagen, dass es immer noch Änderungsmöglichkeiten gab. Ich glaube, diese recht ungewöhnliche Methode hatte er von dem Maler Cedric Morris, der ihn in den dreißiger Jahren unterrichtete.

Er arbeitete immer an mehreren Bildern gleichzeitig ...

Ja. Als ich für ihn saß, waren es fünf oder sechs. Zwei Pferdebilder waren dabei - der Kopf eines grauen Wallachs und das Hinterteil einer scheckigen Stute. Das erstere nannte er "ein Porträt" und das zweite "eine Art Akt". Das hieß wohl: Das erste ist ein Gesicht, das zweite ein Körper. Außerdem ein Akt, "Irische Frau auf einem Bett", mit Kirschen und einem Kissen, aus dem Federn quellen.

Da musste man aufpassen, um die Anordnung nicht zu verändern. Und das Doppelporträt "David und Eli", sein nackter Assistent David Dawson und dessen Hund Eli.

Sitzung folgte also auf Sitzung?

So ziemlich, auch am Wochenende und Weihnachten, solange die Modelle mitmachten.

Privatleben und Arbeit waren bei ihm völlig deckungsgleich, es gab keinen Unterschied zwischen beiden.

Gab es Fehlschläge, veränderte er Details?

Manchmal kratzte er Farbe ab oder tupfte sie mit Watte oder seinem Schürzentuch ab.

Eine Veränderung nahm er relativ früh vor:

Er verkleinerte meinen Kopf etwas, ohne Erklärung. Nichts Außergewöhnliches für ihn. Das Gefühl des Raums auf einem Bild war ihm sehr wichtig.

Was passierte am Ende der Sitzung?

Wir gingen zum Essen, fast jedesmal. Er begründete das damit, dass er nach der Arbeit an den Stimmungen und Gefühlen seiner Modelle teilhaben möchte. "Ich will nicht, dass das mein Bild wird, sondern ihres", sagte er. Er wollte seine Modelle in anderen Umgebungen als dem Atelier beobachten.

Was schwebte ihm vor, was sollten seine Porträts darstellen?

Er sagte etwas kryptisch, er wolle, dass sie die Person sind. Seine Erklärung, warum sein Lieblingsbild, Tizians "Diana und Aktaion", so viel besser ist als beinahe alles Andere, fasst es zusammen: "Weil wir ihm mehr glauben", sagte er. Überzeugung, Realität, darum ging es ihm. Er hasste, was er "Kunstwerk", "Komposition" nannte.

Ging er jedes Thema - Mensch, Tier, Landschaft - ähnlich an oder gab es da Unterschiede?

Seine Vorstellung war, dass alles Porträt ist.

Wenn er fünf Eier malte, bemerkte er nach ein oder zwei Monaten Arbeit, dass jedes ein Individuum war, eine Persönlichkeit besaß.

Dasselbe galt für die Dielen in seinem Atelier, die er oft malte, oder für den Schmetterlingsflieder im Garten.

Als er die Arbeit an Ihrem Porträt für beendet erklärte, war es offensichtlich, warum er das Bild für fertig hielt?

Für mich war es schon früher fertig als für ihn, bei ihm spielten, sagen wir, innere Zeichen eine größere Rolle. Ein Bild sei fertig, sagte er, "wenn es mir vorkommt, als male ich das Bild eines anderen".

Bildunterschrift:

Nachtschicht in Notting Hill: Schier endlos konnte sich die Arbeit an einem Bild dehnen, jeden Tag kamen mehrere Modelle zu festgesetzten Zeiten

"Ich möchte, dass meine Porträts die Menschen zeigen, statt ihnen zu ähneln. Es geht nicht darum, wie das Modell auszusehen, sondern das Modell zu sein"

Malerkollege David Hockney sagte über sein kleinformatiges Porträt (2003, 41 x 31 cm), es enthalte über 100 "hineingeschichtete" Stunden

Modell im Parallelogramm: Das Porträt der schwangeren Kate Moss (rechts: "Naked Portrait") malte Lucian Freud 2002

INTERVIEW: HANS PIETScH ATELIERFoToS: DAVID DAWSoN

Den blauen Schal anzubehalten, war Gayfords Idee.

Mehr als sieben Monate saß er fast jeden Abend in genau dieser Pose und schrieb über diese Zeit ein Tagebuch

"Es zeigt mich, wie ich Lucian Freud anschaue, der mich anschaut", sagt Martin Gayford über sein Porträt "Mann mit blauem Schal" (2003/04, 66 x 51 cm)

"Die Entscheidung, ob ich etwas mache oder etwas nicht mache, fälle ich ganz impulsiv, auch wenn diese Entscheidung unklug oder unbequem ist. Es wäre einfach gegen meine Natur, es anders zu machen"

Sue Tilley arbeitet in einem Londoner Arbeitsamt. Ihr Porträt "Benefits Supervisor Sleeping" von 1995 (151 x 219 cm) ersteigerte der russische oligarch Roman Abramowitsch

"Ich interessiere mich nur für Kunst, die sich in irgendeiner Form mit Wahrheit beschäftigt.

Es ist mir völlig egal, ob sie abstrakt ist oder welche Form auch immer sie annimmt"

Der junge Freud galt als der "Ingres des Existenzialismus":

Das Bild "Girl with a White Dog" von 1950/51 (76 x 102 cm) zeigt seine erste Frau Kitty Garman

Der Verkleidungskünstler und Rollenbrecher Leigh Bowery ganz nackt: "Naked Man, Back View" (1991/92, 183 x 137 cm)

"Wenn ich überhaupt ein Geheimnis habe, dann ist es Konzentration - und das ist etwas, das man niemandem beibringen kann"

Die Sitzungen für das Porträt der Queen fanden von Mai 2000 bis Dezember 2001 statt - ausnahmsweise im Saint James's Palace

Nur 20 Malsitzungen brauchte Freud 2003 für den "Grauen Wallach" (71 x 61 cm), "was unglaublich schnell ist"

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