Ausgabe: 01 / 2012

Droht jetzt eine Warhol-Flut?

KUNSTMARKT Das "Andy Warhol Art Authentication Board" entschied 16 Jahre darüber, was ein echter Warhol ist und was nicht. Jetzt wird die Kommission aufgelöst und Sammler befürchten einen Preisverfall

CLAUDIA BODIN

Der amerikanische Sammler Jose Mugrabi, der mit 800 Arbeiten Warhols als der weltweit größte Käufer des Künstlers gilt, musste sich angeblich vor Schreck erst einmal hinsetzen, als er vom Ende des "Andy Warhol Art Authentication Board" erfuhr.

Denn 100 Werke aus der Mugrabi- Sammlung liegen noch bei der Kommission zur Überprüfung vor. Anfragen, die bis Oktober 2011 eingegangen sind, werden noch bearbeitet. Für weitere Echtheitsprüfungen fühlt sich die Stiftung nicht mehr zuständig.

Die zur Warhol Foundation gehörende, in New York ansässige Kommission hat die Macht, aus einer Arbeit ein millionenschweres Werk zu machen - oder es mit dem roten Stempel und dem Wort "abgelehnt" in ein wertloses Stück Leinwand zu verwandeln.

Seit 1995 überprüften die Experten 6600 Arbeiten, von denen 20 Prozent abgelehnt wurden. Darunter auch ein signiertes, frühes Selbstporträt, das von Warhols Nachlassverwalter Fred Hughes als echt eingestuft wurde und dem Sammler Joe Simon- Whelan gehört. Der klagte und beschuldigte die Stiftung, ein korruptes Unternehmen zu sein, das den Markt für den Künstler künstlich klein halten will. Weil die Kosten überhand nahmen, ließ Simon-Whelan den Fall schließlich fallen. Sieben Millionen Dollar (rund 5,1 Millionen Euro) soll allein dieses Verfahren die Warhol-Stiftung gekostet haben. Eine weitere Million an juristischen Kosten musste für andere Fälle aufgebracht werden. Für Aufsehen sorgte die Kommission zudem, als sie 100 hölzerne Brillo-Boxen, die der schwedische Kurator und Warhol- Freund Pontus Hulten nach Warhols Tod hatte fertigen lassen, zeitweilig für echt erklärte.

Doch mit solch folgenschweren Entscheidungen soll jetzt Schluss sein. Die Warhol- Stiftung, die sich mit ihrer Versicherung in einem Rechtsstreit um die Erstattung der millionenfachen juristischen Kosten befindet, will künftig wieder mehr für die Unterstützung von Ausstellungen und für Künstlerstipendien ausgeben, statt Anwaltskosten zu begleichen, und sie will verstärkt in die Arbeit am Werkverzeichnis des Pop-Art-Meisters investieren.

Warhol-Werke zu beglaubigen ist eine schwierige Angelegenheit. Schließlich hatte der Künstler bewusst die Grenzen zwischen alleiniger Autorschaft und Produktion durch ein Team von Factory-Arbeitern verschwimmen lassen. Mit dem Ende des "Warhol Authentication Bord", so befürchten Sammler, könnte der Markt nun mit noch mehr Warhols überflutet werden und die astronomischen Preise sinken lassen. Der Popkünstler dominiert den Handel: 2010 machten Warhols 17 Prozent der Verkäufe bei den zeitgenössischen Auktionen aus. Der Wert der Arbeiten ist seit Warhols Tod 1987 ständig gestiegen. Und ein Werk wie "Green Car Crash" (1963) sorgte 2007 für eine Rekordsumme von 71,7 Millionen Dollar. Ganz ohne Echtheitszertifikat.

Bildunterschrift:

Andy Warhol, aufgenommen 1966 inmitten seiner Brillo-Boxen - auch nach seinem Tod angefertigte hölzerne Boxen wurden vom Authentication Board zeitweilig für echt erklärt

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