Ausgabe: 01 / 2012

Radar

Neues aus der Kunstszene

Die Masse macht's Wie eine gigantische Molekülstruktur, die aus jeder Perspektive anders aussieht, hängen mehr als 1000 Fahrräder in Ai Weiweis Installation "Forever Bicycles" im Taipei Fine Arts Museum in Taiwan. Dort läuft noch bis 29. Januar die Ausstellung "Ai Weiwei absent", in der Arbeiten aus allen Werkphasen des aktuell wichtigsten chinesischen Künstlers zu sehen sind. Ai, der wegen seiner regierungskritischen Haltung in seiner Heimat Repressalien ausgesetzt ist, durfte nicht zur Eröffnung seiner Ausstellung reisen.

Zauberberg im Pott Fast meint man, das Rattern von Achterbahnwagen und das Kreischen von Fahrgästen zu hören. Doch hier herrscht Stille. Denn das, was sich da in furiosen Schnörkeln in den Duisburger Abendhimmel schwingt, ist keine Kirmesattraktion, sondern die Großskulptur "Tiger & Turtle - Magic Mountain" der Hamburger Künstler Heike Mutter und Ulrich Genth. Sie krönt seit kurzem die Heinrich- Hildebrand-Höhe, die aufgearbeitete Schlackenhalde einer ehemaligen Zinkhütte. Auf 249 Stufen können Besucher zu Fuß über das weithin sichtbare Bauwerk laufen und sind dabei zu Bedacht und Langsamkeit gezwungen - ganz anders, als sonst bei Achterbahnerlebnissen.

"Es geht um Be- und Entschleunigung", sagt dazu Heike Mutter, was sich auch in der Wahl der Titeltiere spiegelt:

Tiger und Schildkröte.

Mini -RepoRtage Wie dreist!

Hat da einfach jemand seinen alten Wohnwagen auf dem Frankfurter Roßmarkt abgestellt?! Seltsam sind allerdings das fehlende Nummernschild und das Ticken aus vier riesigen Trichterlautsprechern.

Eine Zeitbombe? Zur vollen Stunde erschallen ein brummendes Akkordeon und eine dröhnende Männerstimme. Das Gefährt ist die Skulptur "outside-here" der Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic für die Projektreihe "Rossmarkt³". Das von einer Jugendlichen-Jury ausgewählte Werk fungiert als Turmuhr, die jede Nacht ein Stück weiter im Kreis bewegt wird. Ein Polizist scheint davon nichts mitbekommen zu haben, denn auf der Scheibe klebte für kurze Zeit ein "Hinweis zur Entfernung eines nicht zugelassenen Fahrzeugs". Verschrottungskosten:

525 Euro! Ist dann aber nochmal gut gegangen.

MaRKeting Aufmerksamkeit garantiert Der Titel des ColePorterMusicals "Anything goes!" scheint sich neuerdings als Motto der deutschen MuseumsPR durchzusetzen. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast hält mehrere Bienenvölker auf dem Dach, die im Sommer 2011 60 Kilo Honig sammelten, die in 240 250- Gramm-Chargen im Shop verkauft wurden.

Die Kunsthalle Mannheim belohnt Finanzspritzen für den Neubau am Friedrichsplatz mit einer pinkfarbenen Gießkanne, und im Städel waren gelbe Gummistiefel das Markenzeichen der Spendenkampagne "Frankfurt baut das neue Städel".

Mal sehen, was 2012 alles noch geht. digitale Kunst Sammelst Du schon, oder telefonierst Du noch?

Sie wollten sich schon immer als stolzer Kunstbesitzer im Glanz einer Leuchtschrift von Tracey Emin oder eines Diamantenschädels von Damien Hirst spiegeln? Aber es fehlten das entsprechende Budget und die gesellschaftliche Präsentationsbühne? Dies dürfte nun kein Manko mehr sein, sofern man sich mit der rein digitalen Gestalt von Kunst auf seinem Smartphone, iPad, Laptop bescheidet. Eine womöglich revolutionäre Alternative für das herkömmliche Sammeln von Kunst bahnt sich an. Erstmals kann man nur digital existierende Kunstobjekte auf der Internetplattform "s[edition]" erwerben; und zwar als auflagenhohe Editionen von bekannten Künstlern wie Michael Craig-Martin, Mat Collishaw, Bill Viola oder Wim Wenders. Preise rangieren derzeit von 6 bis 600 Euro. Gründer des Londoner E-Com- merce-Unternehmens sind "Haunch of Venison"-Gründer Harry Blain und der ehemalige "Saatchi Online"-CEO Robert Norton. "Was man auf seinem Bildschirm wiederfindet, ist in der Tat ein echtes, von einem Künstler dafür geschaffenes Werk und nicht etwa eine Kopie", sagt Blain, "jede Arbeit hat ein Zertifikat und ist signiert." Sein Zukunftsszenario: "Wenn das Ganze ins Laufen gekommen ist, können wir uns vorstellen jeden Monat zwei Künstler hinzuzunehmen - auch jüngere und weniger etablierte." Mehr unter www.seditionart.com.

Kunst? Zufall (17)

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Dieses entfernt an Christian Boltanski erinnernde BriefkastenArrangement entdeckte Klaus Stemcke im südfranzösischen MittelmeerOrt Agde. Haben auch Sie Kunst im Alltag entdeckt? Jedes gedruckte Bild wird mit 50 Euro belohnt: photo@art-magazin.de

Plakatkunst Startschuss In London finden in diesem Sommer die Olympischen und Paralympischen Spiele statt. Die Athleten beginnen mit der Vorbereitung, andere haben ihre Leistung schon abgeliefert: Zwölf prominente englische Künstler sind an der obligatorischen Plakat-Edition zum Thema beteiligt. Es gibt grob gesagt drei Ansätze: Einige Plakate nehmen eindeutige Olympia-Motive wie das Siegertreppchen oder die Stoppuhr auf - siehe rechts.

Andere, wie Bridget Riley, legen abstrakte Bilder vor, in die man aber schön Themen wie "Vielfalt" hineininterpretieren kann. Schließlich gibt es die Verweigerer des Olympia-Bezugs:Tracey Emin etwa malte zwei verliebte Vögel.

Geht's noch?! art-Redakteurin Barbara Hein wundert sich über einen WC-Wasserfall in China Gerade wurde in China eine Stadt gegründet namens Parma. Das ist praktisch - besonders für Händler, die ihren Schinken gern mit dem Prädikat "Original Parma" versehen möchten, aber leider in China ansässig sind. Angesichts der Tatsache, dass mittlerweile ganze Städte raubkopiert werden, ist dieser Toilettenturm in der Stadt Foshan in der Provinz Guangdong vielleicht auch nur halb so wild. Immerhin ist er ja auch kein billig produziertes 1:1-Fake von Marcel Duchamps revolutionärem Pissoir, sondern beinhaltet ja schon irgendwie einen eigenen Umgang mit der Kloschüssel-Thematik.

Es hat zwei Monate gedauert, die 10 000 Toiletten zu sammeln und auf 100 Metern fünf Meter in die Höhe zu stapeln. Darüber hinaus spritzt und spült aus allen Becken Wasser, so als ob es einen gigantischen Rohrbruch gegeben hätte. Der Künstler Shu Yong (*1974) möchte damit sagen, dass Kreativität das Leben verändern kann. Außerdem soll der Wasserfluss die Besucher entspannen. Angesichts 10 000 überlaufender Toiletten wären auch andere Reaktionen denkbar. Es könnte einem auch übel werden - so in etwa als hätte man zu viel gefälschten Schinken gegessen.

kunstaktion Rasen-Branding Kalender, die Firmen zum Jahresbeginn an ihre Kunden verteilen, wirken auf Außenstehende oft etwas skurril. Nicht so das aktuelle Exemplar der Stahlhammer Bommern GmbH!

Fotograf Roman Mensing hielt fest, wie das Künstlerduo Winter/ Hörbelt eine Woche lang nach Lust und Laune in der Schwerindustrie- Schmiede unter anderem mit glühend heißen HakenÜberständen herumexperimentierte: Winter/Hörbelt brannten mit ihnen einen Riesenanker in die Firmenwiese.

aktionskunst Wer sagt eigentlich, ... ... dass man Kunst nie anfassen darf? In der Werkschau des Stockholmer Künstlers Carsten Höller im New Museum in New York können die Besucher bis 15. Januar vom 4. in den 2. Stock rutschen, Karussell fahren, in einer Lichtinstallation ihre Sinne täuschen lassen und sogar in einem Pool baden! Na also.

EinE ListE Sexy Ausstellungstitel 2011/12 1. Hot Touch Kunstverein Hannover 2. See Yourself As Lovers See You Galerie Klaus Gerrit Friese, Stuttgart 3. Satt und verliebt Feldbuschwiesner, Berlin 4. Great Love Will Come Again Galerie Ralph Schriever, Köln 5. Vergangenes Begehren Galerie im Taxispalais, Innsbruck 6. Lust und Kalkül Museum Küppersmühle, Duisburg 7. How to Love Cartoonmuseum Basel 8. Venus was her name Kunsthalle Krems 9. Personal Body Galerie Saloon SU DE COUCOU, Berlin 10. Naked Beauty Kestnergesellschaft Hannover 11. HIDE/SEEK: Difference and Desire in American Portraiture Brooklyn Museum, New York

Bildunterschrift:

Sieht so etwa eine falsch parkende Zeitbombe aus?

Geht ganz gut:

Düsseldorfer Museumshonig und Mannheimer SpenderGießkanne

Zu verkaufen: Tracey Emins Arbeit

"I Promise to Love You" und Shepard Faireys "Peace Guard"

Siegertreppchen in olympischen Farben: Plakat von Martin Creed

Optisches Signal: Michael

Craig-Martin löst die Aufgabe gewohnt poppig

WC-Kunst: Mauer aus 10 000 Kloschüsseln in China

Genau wie auf dem Spielplatz: Wer rutschen will, muss sich hinten anstellen

Winter/Hörbelt bei der Arbeit am Stahlhammer-Kalender 2012

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