Ausgabe: 09 / 2009

Spiel mir das Lied vom Tod

Tiere sterben in der Galerie, Menschen werden bei Kunstaktionen gefoltert oder gedemütigt - grausame Kunst ist geradezu in Mode gekommen. Die Künstler sehen sich als Mahner und wollen der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Ist so viel moralische Anmaßung gerechtfertigt?

WIEBKE GRONEMEYER

Auf dem kalten Galerieboden liegt angekettet ein magerer Hund und schaut aus traurigen, müden Augen. Von Zeit zu Zeit schlurft er schlapp von einer weißen Wand zur anderen. Über ihm steht in großen Buchstaben aus Hundefutter geschrieben: "Du bist, was du liest." Versucht der Hund an das Futter zu gelangen, dann zieht sich das Seil straff um seinen Hals und würgt ihn. Verharrt er still in seiner Position, droht er zu verhungern.

Keiner der Besucher oder Galerieangestellten kommt auf die Idee, dem Hund das lebensnotwendige Futter zu reichen. Binnen weniger Tage stirbt er - im Namen der Kunst.

Dieses grausame Schicksal hat der costaricanische Künstler Guillermo "Habacuc" Vargas dem Tier 2007 in Nicaragua zugedacht.

Ein paar Kinder schickte er los, ein verwahrlostes Tier auf der Straße zu fangen und in die Galerie in Managua zu verschleppen.

Er gab Anweisung, es unter keinen Umständen zu füttern. "Ich will auf die fehlende gesellschaftliche Verantwortung aufmerksam machen", sagt er, "denn hier sterben jeden Tag Hunde auf der Straße, die kein Fressen finden." Meint der Künstler, wenn jetzt ein Tier in der Galerie sterbe, dann stürben weniger auf der Straße? Kann Kunst die Welt retten? Sollte sie das?

Das Spiel mit Leben und Tod, mit Kunst und Moral, treibt derzeit eine ganze Reihe von Künstlern - es scheint, als sei grausame Kunst geradezu in Mode. Der in Chile geborene Däne Marco Evaristti löste mit seiner Installation "Helena" schon im Jahr 2000 eine Welle der Empörung aus: In mehreren Saftmixern ließ er Goldfische schwimmen - solange, bis einer der Besucher der Ausstellung auf den Knopf drückte und sie geräuschvoll in unendlich viele Stücke zerhackt wurden. In Deutschland sorgte Gregor Schneider zuletzt im Jahr 2008 für heftige Diskussionen, als er in einem in seinem Studio nachgebauten Raum des Museums Haus Lange in Krefeld das Sterben eines Menschen als Kunstwerk öffentlich zeigen wollte.

Der Aufschrei in den Medien war groß, und die Aktion kam nicht zustande.

Natürlich geht es auch um Aufmerksamkeit, die vielleicht härteste Währung in der Medienwelt. Eine grausige Performance des amerikanischen Künstlers Steve Powers sorgte im Jahr 2008 für Furore: In einem New Yorker Vergnügungspark führte er die Praktiken des "Waterboarding" vor. Bei dieser in der Bush-Ära praktizierten US-amerikanischen Verhörmethode werden Gesicht und Mund des Opfers unentwegt mit Wasser übergossen, um den Zustand des Ertrinkens zu simulieren. Der in London arbeitende Chilene Jorge Cabieses Valdés interessiert sich eher für die Qualen von Neugeborenen: "Ideal Rationalization is Our Goal" (2007) ist eine Foltermaschine für Babys, die mit Haushaltsgeräten betrieben wird: ein stählerner Käfig, in den man ein Baby hineinlegen könnte, dessen Hände dann langsam unterm Bügeleisen verbrennen oder im Toaster verkohlen. Die minuziös verkabelten Geräte münden in einem Mehrfachstecker, der vor der Steckdose liegt. Im Rahmen einer Ausstellung zur Brüssel-Biennale verleitete dieser Anblick einen Besucher dazu, den Stromkreislauf zu schließen, um auszuprobieren, ob die Installation eigentlich funktioniert: Es zischte, Funken sprühten in alle Richtungen.

Dem Künstler war diese plötzliche Überschreitung der Grenze von Vorstellung zur Realität zwar etwas unheimlich, doch er sah seine Mission erfüllt: "Jetzt wird dieser Besucher jedes Mal, wenn er zu Hause den Toaster betätigt, an diesen Moment denken." Kunst als Erziehungsmaßnahme? Auf die Frage hin, ob er sich als Mahner versteht, der auf häusliche Gewalt an Kindern hinweisen will, sagt Cabieses Valdés: "Auf der einen Seite schon, doch bin ich selbst gefangen und aktiver Teil des moralischen Problems, dass man auf Gewalt nur aufmerksam machen kann, indem man sie ausführt." Vorbild vieler Künstler, die Gewalt mit Gewalt zum Thema machen, ist der Spanier Santiago Sierra, der mit seinen leidvollen Aktionen in der Kunstwelt gefeiert wird und der sein Land 2003 auf der Biennale in Venedig vertrat. Seine Foto- und Videoarbeiten dokumentieren menschliches Leid, das er mit seinen Aktionen selbst erzeugt. Im Jahr 2000 bezahlte er mit einem Schuss Heroin vier drogensüchtige Prostituierte dafür, sich eine Linie auf ihre Rücken tätowieren zu lassen; etliche Aktionen, in denen er arme Menschen für demütigende Tätigkeiten extrem niedrig entlohnte, folgten. 2007 stellte er in London 21 rechteckige Blöcke getrockneter Fäkalien aus, die arme indische Frauen per Hand aus den Latrinen gefischt und in löchrigen Körben auf dem Kopf abtransportiert hatten. In der indischen Kaste der Unberührbaren ist das eine normale Praxis: Meistens werden diese Frauen nicht älter als 30, sie sterben an schweren bakteriellen Infektionen. Je makaberer, dramatischer und tragischer, desto besser: Sierra interessiert sich für das Leid der Ärmsten der Armen - und schlägt daraus Kapital.

Ausstellungshäuser und Sammler reißen sich um seine Werke: Die 21 Kotblöcke wurden sofort von einem Sammler gekauft.

Dass Künstler und Betrachter von Grausamkeit zugleich abgestoßen und fasziniert sind, ist nichts Neues: Die Darstellung von Gewalt zieht sich durch die Kunstgeschichte. Erst kürzlich wurde bei Sotheby's ein drastisches Bild aus dem 16. Jahrhundert, "Kindermord zu Bethlehem" von Pieter Brueghel dem Jüngeren, für die Rekordsumme von 4,6 Millionen Pfund versteigert. Der Maler hat den Kindermord von Bethlehem ins Flämische verlegt und zeigt ihn mit grausamer Genauigkeit. Heute gehen einige Künstler sehr viel weiter, indem sie die bloße Darstellung gegen die reale Ausübung von Gewalt eintauschen. Hier taucht das alte Muster der klassischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts noch einmal auf: Der Künstler muss Tabus brechen, muss weiter gehen als andere, um erst einen Schock und dann eine Veränderung zu bewirken. Aber was ist von der These zu halten, auf Gewalt lasse sich nur aufmerksam machen, indem man sie ausführt?

Die grausame Kunst findet in einer künstlichen Umgebung statt, in einem symbolischen Raum: Was in der Galerie passiert, hat kaum Auswirkungen auf die Wirklichkeit; wer im White Cube ausstellt, genießt erst einmal Narrenfreiheit. Das verleitet zu dem Gedanken, dass gesellschaftliche Regeln hier außer Kraft gesetzt werden können.

Es schaudert einen, mit welcher Selbstverständlichkeit die von ihrer eigenen Mission erfüllte Kunst moralischen Sonderstatus beansprucht. Die Menschen- (oder Tier-)Rechte, die doch universal gelten sollten, werden für einen höheren Zweck außer Kraft gesetzt. Zudem tun die Künstler so, als sei der Kunstraum der letzte Kanal, über den die Wahrheit transportiert werden könne - als gäbe es keine Medien, die über Folter und Missbrauch berichten, als gäbe es keine Romane, Filme, Fotografien, die das Grauen von Krieg und Unterdrückung bewusst machen.

Hinzu kommt die merkwürdige Vorstellung, die Wirkung von Bildern kontrollieren zu können. Das Kunstwerk soll zuletzt im Kopf des Betrachters stattfinden, womöglich eine Läuterung oder ein erhöhtes Bewusstsein hervorrufen. Die Konfrontation des Betrachters mit der Darstellung und Ausübung von Gewalt beschreibt der US-amerikanische Kunsthistoriker Stephen F. Eisenman als den "Abu-Ghraib-Effekt": Beim Betrachten der Folterbilder von Abu- Ghraib verschiebt sich die Täter-Opfer-Perspektive. Die Bilder sollen auf das Unrecht aufmerksam machen, tragen jedoch gleichzeitig den Gedanken der Folter in die Köpfe ihrer Betrachter. Ob die sich mit dem Opfer oder dem Täter identifizieren, bleibt ihnen überlassen. Ähnlich verhält es sich auch mit den Haushaltsgeräten, die Künstler wie Evaristti oder Cabieses Valdés für ihre Installationen umfunktionieren - frei nach dem Motto: Wer weiß, wofür so ein Toaster zu gebrauchen ist. Hoffentlich denkt sich das nicht der Vater in der heimischen Küche, nachdem er von seinem Ausstellungsbesuch heimgekehrt ist.

Künstler wie Sierra, Evaristti oder "Habacuc" Vargas scheitern an der Überschätzung ihrer eigenen Rolle. Ob Kunst Werte in einer Gesellschaft verändern oder gar etablieren kann - über diese Frage entscheidet eher der Betrachter und weniger der Künstler. Es bleibt das Bild einer Selbstanmaßung, die am Ende nur ein weiteres mediales Spektakel erzeugt.

Bildunterschrift:

Todesurteil für Goldfische: Marco Evaristtis Werk "Helena" (2000)

Die Bilder sollen auf ein Unrecht aufmerksam machen, tragen jedoch gleichzeitig den Ge danken der Folter in die Köpfe der Betrachter

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