Ausgabe: 09 / 2009

Der Fluch der Schönheit

KRITIK Zwischen Perfektion und Großmannssucht - Frankreichs Supersammler Pinault zeigt seine Schätze jetzt in zwei spektakulären Häusern in Venedig

Mapping the Studio - Künstler aus der Sammlung François Pinault Punta della Dogana und Palazzo Grassi, Venedig

UTE THON

Neunmal Nazihöllenqualen im Terrarium von Jake & Dinos Chapman, 100 bunte Kunstharzblöcke von Rachel Whiteread, 21 leuchtende Fantasy-Türme von Mike Kelley, sieben Monumentalbilder von Sigmar Polke - François Pinault liebt nicht nur Kunst im XXL-Format, er kauft sie auch gern im Familienpack. Nun hat der französische Supersammler mit der Punta della Dogana, dem ehemaligen Zollhaus direkt gegenüber vom Dogenpalast, einen weiteren spektakulären Ort in Venedig erobert, um seine Schätze zu präsentieren - den Palazzo Grassi bespielt er seit 2006 (art 6/2009).

Im edelrustikalen Ambiente mit freigelegten Backsteinwänden, alter Holzdeckenkonstruktion und seidig-grauem Sichtbeton (Architekt: Tadao Ando) wird die Kunst inszeniert wie auf einer Theaterbühne: Jedes Stück ist dramatisch beleuchtet, jede Platzierung auf maximalen Showeffekt angelegt.

In einzelnen Räumen haben die Kuratoren (Francesco Bonami, Alison Gingeras; Katalog:

Verlag Electa, 50 Euro, im Buchhandel 60 Euro) spannende Paarungen vorgenommen.

Da umringen Cindy Shermans Selbstporträts als verlebtes Partygirl Jeff Koons kitschige Marmorbüste "Bourgeois Bust - Jeff and Ilona", der Kunststoffabguss eines Baumstumpfs von Fischli & Weiss korrespondiert mit Mark Grotjahns schwarzen Reliefbildern und Lee Lozanos zweideutige Zeichnungen hängen ganz unschuldig auf einer Penistapete von Robert Gober. Häufiger jedoch verlieren starke Werke in dem allzu weihevoll- musealen Umfeld an Kraft. So wir ken Maurizio Cattelans verhüllte Leichname aus weißem Marmor wie eine Stilübung in Sachen Faltenwurf, besonders in Kombination mit Hiroshi Sugimotos kühlen Modefotos ringsherum. Pinault mag sich hier schon zu Lebzeiten ein prächtiges Mausoleum geschaffen haben, lebendige Kunst wird durch zuviel Schönheitswillen erstickt.

Bildunterschrift:

Jeff Koons "Bourgeois Bust - Jeff and Ilona" (1991) vor Cindy Shermans Foto ohne Titel (2007)

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