Ausgabe: 09 / 2009

Ein raffinierter Nachzügler

VORSCHAU Der belgische Geheimtipp Raoul De Keyser wird in Deutschland erstmals in einer umfassenden Werkschau vorgestellt - ein bewusster Nachzügler in einer Welt, die sich auf das Neue fixiert hat

Raoul De Keyser Kunstmuseum, Bonn 20.8-18.10.2009

MICHAEL KOHLER

Kaum hatte sich das Publikum in den sechziger Jahren damit abgefunden, dass in der Kunst nun wirklich alles möglich ist, ging ein belgischer Sonntagsmaler den entgegengesetzten Weg. Raoul De Keyser kehrte auf seinen Bildern zu den Ursprüngen der modernen Malerei zurück, dorthin, wo die Gegenstände ihre Konturen verlieren und sich im Spiel der Farben und Formen auflösen. Um sicheren Halt zu finden, malte De Keyser Dinge, die er täglich sah: Fenster und Türklinken, Zimmerecken oder die Kreidelinien eines Fußballfelds. Sein berühmtestes frühes Gemälde "Slang" (1966) zeigt einen kopfüber baumelnden Gartenschlauch, den man an seinem schwarz umrandeten Sprühkopf erkennt. Ansonsten ist alles Abstraktion: Ein grüner Strich vor tiefblauem Hintergrund, der Rest der Welt versinkt in Grau.

Der Autodidakt Raoul De Keyser ist ein überaus behutsamer, ja demütiger Maler geblieben. Seine Welt ist klein, sein Stil aufs Wesentliche beschränkt, und doch wird er gerade von Malerkollegen wie Luc Tuymans hoch geschätzt. Sie bewundern ihn für seine subtile Farbgebung und für die Sicherheit, mit der er die Grenze zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei verwischt.

Im Laufe der Jahre hat De Keyser zudem immer neue Stilrichtungen der Kunstgeschichte aufgegriffen und sich ihren elementaren Fragestellungen gewidmet: Wie entsteht Tiefe auf einem abstrakten Bild?

Wie fügen sich Farben und Formen zu einer untrennbaren Einheit? Bis heute gilt der 69-jährige De Keyser als Geheimtipp, was sich schon daran zeigt, dass es in Deutschland - trotz seiner Teilnahme an der von Jan Hoet kuratierten Kasseler Documenta 9 - bislang keine einzige umfassende Werkschau gab. Diese Lücke schließt nun das Kunstmuseum Bonn mit seiner Ausstellung "Replay" (Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29 Euro). Gezeigt werden knapp 50 zwischen 1964 und 2007 entstandene Arbeiten, die auf den ersten Blick mal mehr und mal weniger naiv wirken, auf den zweiten Blick aber immer erstaunlich raffiniert. In einer Kunstwelt, die auf das Neue fixiert zu sein scheint, reiht sich Raoul De Keyser unter die bewussten Nachzügler ein. Wie vor ihm Nicolas de Staël oder Giorgio Morandi lotet er die Grenzen aus, die andere im Fortschrittstaumel achtlos hinter sich gelassen haben.

Weitere Bilder der Ausstellung finden Sie unter: www.art-magazin.de/de-keyser

Bildunterschrift:

"Schlauch" (1966, 68 x 52 cm), Ölfarbe auf Leinwand mit Reißverschluss

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