Marcel Breuer

Dessau



"KEIN IPHONE OHNE MARCEL BREUER"

Mit dem Eintritt Marcel Breuers in die Möbelwerkstatt des Bauhauses begann eine außergewöhnliche Gestalterlaufbahn. Eine Retrospektive in Dessau unterstreicht, wie zeitgemäß Breuers Designklassiker immer noch sind. Weniger jedoch als Ausweis einer avantgardistisch-revolutionären Haltung, denn als bürgerliches Distinktionsmoment.
// KITO NEDO, BERLIN

Auf etwas mehr Aufruhr hatte der junge Bauhausgestalter Marcel Breuer (1902 bis 1981) wohl schon gehofft, als er Mitte der Zwanziger Jahre der Welt seinen neuartigen Stahlrohrsessel schenkte. So klingt es jedenfalls aus der ersten Bilanz, die der gebürtige Ungar im November 1927 für eine Werkbund-Publikation ablieferte: "Als ich vor zwei Jahren meinen ersten Stahlklubsessel fertig sah, dachte ich, daß dieses Stück unter meinen sämtlichen Arbeiten mir am meisten Kritik einbringen würde. Es ist in seiner äußeren Erscheinung sowie im Materialausdruck am Extremsten; es ist am wenigsten künstlerisch, am meisten maschinenmäßig."

Doch, so musste Breuer erfahren, das Gegenteil des eigentlich Erwarteten trat ein: Das Publikum war einfach nur begeistert vom "B3" – der Interpretation eines klassischen Clubsessels als verschlankte Sitzmaschine. Unter dem Namen "Wassily" startete Breuers Stahlklubsessel in den Sechzigern als Neuauflage seine bis heute andauernde Karriere als internationale Design-Ikone und metallisch-geschwungenes Geschmackssymptom.

Allein dieses eine Möbel würde schon eine umfassende Untersuchung des Phänomens Breuer rechtfertigen, wie es derzeit im Dessauer Bauhaus in Form einer großen monografischen Ausstellung stattfindet. Auch wenn heute wohl vor allem Architektenlofts und Ärzte-Anwesen mit ihnen zugestellt sind – zu Breuers Lebzeiten galten Stahlrohrmöbel wie der "B3" als der letzte Schrei unter den sich avantgardistisch verstehenden Weltbürgern der Zeit. Sie hatten noch den Ruch des Radikalen und Revolutionären – das geschmacksbürgerliche Distinktionsmoment dominierte erst später. So sind in der Ausstellung etwa Fotografien der Wohnung des finnischen Architekten Alvar Aalto und seiner Frau Aino in Turku zu sehen, die um 1927 ihre Modernität nicht nur mit einem foxtrottspielenden Grammophon demonstrierten, sondern auch mit Breuer-Möbeln aus Deutschland. Auch der Berliner Avantgarde-Theaterstar Erwin Piscator ließ sich seine Berliner Adresse um die gleiche Zeit von Breuer einrichten. Für Vollständigkeit der Innenansichten aus dem Breuer-Fanclub sorgt eine auf 1953 datierte Interieuraufnahme des Ateliers von Henri Matisse im Hotel Régina in Nizza. Matisse ruhte sich auf Breuer-Aluminiumliege plus Polstern in Zebramusteroptik aus.

Mit dem Eintritt Breuers 1920 in die Möbelwerkstatt von Walter Gropius am Weimarer Bauhaus begann also eine außergewöhnliche Gestalter-Laufbahn. "Im Bereich des Designs [...]" so Mathias Remmele, der Kurator der Dessauer Schau, die vor ein paar Jahren schon im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein zu sehn war, "hatte Breuer das Glück, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Ausgestattet mit großem Talent und von Walter Gropius entschieden gefördert, fand er am Bauhaus in jeder Hinsicht ideale Bedingungen für die Entwicklung und Umsetzung seiner revolutionären Entwürfe." Der Biografie und Werkchronologie Breuers folgend, unterteilt sich die Ausstellung grob in zwei Komplexe: Zum einen wird die Zeit beleuchtet, in der er sich am Dessauer Bauhaus und in der Folge vorwiegend mit der Gestaltung von Möbeln und Inneneinrichtungen befasste. Dieser erste große Abschnitt lässt sich wiederum durch die intensive gestalterische Beschäftigung mit vier verschiedenen Materialien strukturieren: Massivholz, Stahlrohr, Aluminium und Schichtholz. Der zweite Teil der Ausstellung befasst sich mit Breuers zweiter großer Karriere als Architekt, die im amerikanischen Exil ab Mitte der Vierzigerjahre an Fahrt aufnahm.

Weil der Bauhaus-Stil so tief in die Gegenwartsästhetik eingesickert ist, fällt es schwer, eine Distanz aufzubauen zu diesen Breuer-Möbeln und Modellen, wie sie nun in der großen Dessauer Schau präsentiert werden. Da helfen auch die didaktisch-großen roten Kreise wenig, mit deren Hilfe Breuers Gestaltungsevolutionen nachvollziehbar gemacht werden sollen. "Das ästhetische Erbe des Bauhauses reicht bis in die Gegenwart, kein iPhone ohne Marcel Breuer." schreibt der Design-Philosoph Friedrich von Borries völlig zutreffend in der dritten Ausgabe des gerade erschienenen Bauhaus-Magazins. So staunt man also weniger über die Geschichtlichkeit der Exponate, als über deren anhaltende Zeitgenossenschaft, welche aus ihrer Material- und Formästhetik spricht. Am Bauhaus wurde nicht einfach nur entworfen. Am Bauhaus wurde der ästhetische Code des modernen Menschen entschlüsselt.

Marcel Breuer: Design und Architektur

bis 31. Oktober 2012 im Bauhaus Dessau

http://www.bauhaus-dessau.de

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