Apple

Hamburg

Abgebissen
Michael Tompert, aus der Seriet 12LVE, "Caltrain Fatalities: Left Track / Right Track" (Diptych), 2010 iPod Nanos, 8GB. Die ipods wurden von einer Diesellokomotive der amerikanischen Bahngesellschaft Caltrain zerstört (Photography/Scanography Digital Composite )

ABGEBISSEN

iPod, iPhone, iPad: Die praktisch-coolen Geräte der Computerfirma Apple gelten als Nonplusultra heutigen Industriedesigns. In Hamburg wird dem Hausdesigner Jonathan Ive nun eine Museumsscha­u gewidmet. Dabei ist der Brite weniger genialer Erfinder als geschickter Adept.
// TILL BRIEGLEB

Es hat etwas Einlullendes, wie die Welt sich einig ist, dass Apple "geil" ist. U-Bahnen wirken wie ein absurder Streichelzoo, wo jeder Zweite gebannt über die kleinen oder großen Glasplatten der i-Produkte streicht.

Angestellte schämen sich für ihre staubgrauen Plastik-PCs und bringen lieber ihr eigenes MacBook mit zur Arbeit. Konkurrenten klonen Apples Design so schnell, dass ihre Kopien wie digitale Ost-Jeans aussehen. Und selbst in Apple-Hasser-Foren, wo sich die letzten Pro­grammzeilen-Freaks zusammenrotten, ist der Ton in Richtung Apple kleinlaut geworden.

Dass der Konzern aus Kalifornien jetzt der Branchengoliath ist wie einst IBM – gegen den Steve Jobs und Steve Wozniak 1976 als Davidchen antraten – verdankt das Unternehmen neben Jobs strategischem Gespür vor allem dem Chefdesigner Jonathan Ive. Seit der 1967 geborene Brite 1997 die Gestaltung der ersten iMacs und aller folgenden Apple-Produkte übernahm (bis heute rund 100 Objekte), hat sich der angebissene Apfel der Erkenntnis von einem Kultlogo für Grafiker, Künstler und Journalisten zur wertvollsten Marke der Welt – vor Google und McDonald’s – vergrößert. Im zweiten Quartal meldete der Konzern einen Rekordgewinn von 7,3 Milliarden Dollar. Vielleicht ist deswegen die Frage endlich erlaubt, ob Apple wirklich noch so "geil" ist, ohne dass man gleich angesehen wird wie ein Schrat, der noch immer kein Handy besitzt.

Viel diskutiert wurde in den letzten Jahren die Originalität von Ives Design. Seit im Internet frappierende Fotovergleiche zwischen Braun-Elektronik-Produkten von Dieter Rams aus den Sechzigern und Siebzigern und Ives Gestaltungsideen für den iPod, den iMac und das iPhone kursieren, steht Apples Chef-Designer am Plagiats­pranger. Zu Unrecht, versteht sich. Denn der scheue Brite hat nie ein Hehl daraus ge­­macht, dass er Rams verehrt, seit er als Kind in London Brauns weiße Zitronenpresse „MPZ 2 Citromatic“ benutzen durfte. Zwar klingt es wie ein Plagiatsgeständnis, wenn Ive sagt: "In vieler Hinsicht ist die Arbeit von Dieter Rams nicht verbesserbar." Aber natürlich ist das britisches Understatement. Ive hat Rams’ Formensprache unter den Ansprüchen erhöhter Komplexität noch einmal vereinfacht.

Deswegen erklärt sich sein Rückgriff auf den deutschen Funktionalismus auch nicht als cleveres Stilzitat. Vielmehr zeigt er Ives Fähigkeit, den Geist der reduzierten Form zu verstehen und neu zu formulieren. Der bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten eher schüchtern wirkende Designstar mit seinen unterschiedlich abstehenden Ohren hat in den strikten Prinzipien der berühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung – von der auch Dieter Rams beeinflusst war – die Lösung für sein Problem erkannt: Wie senke ich die Hemmschwelle vor dem Computer mit den Mitteln des Industriedesigns? Make it simple!

Tatsächlich hat ihm die Branche die Antwort leicht gemacht. Obwohl der PC 1997 – als Ive die bunten Kompakt-Macs mit dem ausgestreckten Hinterteil entwarf – bereits 25 Jahre alt war, sah er im Prinzip immer noch aus wie ein Finger-Weg!-Tool für Spezialisten: eine vergilbte Plastikhundehütte für unheimliche Zahlencodes, deren Hässlichkeit nur grünstichigen Computer-Nerds ein Heimatgefühl gab. Erst mit dem iMac wurde der Heimcomputer ein leicht zugängliches Gesellschaftsspiel mit dem Flair einer schönen Vase.

Unverständlich ist rückblickend, warum Ive und Jobs die einzigen Entscheider in der Computerbranche wa­ren, die erkannten, dass Geschmack in unserer Zeit wichtiger ist als Wissen. Ist Apple-Design also wirklich so gut, wie alle tun, oder ist es einfach nur konkurrenzlos? Ist der Eindruck, den Ives Gestaltung erwecken will, dass die optimale Form für den Zweck erreicht ist, nicht einfach deswegen so überzeugend, weil Apples Konkurrenten heute alle das tun, was man Ive fälschlich vorwirft: Sie klauen fremde Ideen.

Gerade in Bezug auf das iPhone und das iPad stellt sich allerdings auch die Frage, ob das intelligente Design wirklich noch für einen intelligenten Inhalt steht? Ist die endlose Vervielfältigung von Zeitfressern namens Apps tatsächlich eine sinnvolle Funktion? Und steht der schöne Rahmen mit nur einem Knopf, den Ive entworfen hat, nicht symbolisch für eine virtuelle Gated Community mit nur einer Tür, hinter der allein Apples Regeln gelten? Dient schließlich vor dem ungeklärten Umweltverhalten Apples sowie den Vergiftungen und Selbstmorden in den asiatischen Produktionsstätten Ives Verführungsdesign nicht auch als Schleier? Sind die Apple-Macher wirklich noch die Guten?

Dieses lang gehegte Image leidet im Moment. Aber auch gegen die glänzende optische Vormachtstellung Apples regt sich ein Aufstand des Individualismus. Unter Handyzubehör findet man Hunderte Accessoires, die Ives Design zurück in den Dunstkreis des Überraschungseis führen. Verkleidet mit Holz, Schlange, Gold oder Hello Kitty, getarnt als alte Hörcassette, Deutschlandfahne oder hinter einem BVB-Logo versteckt, wirkt das iPhone-Design reduziert auf seinen Umriss. Und der unterscheidet sich kaum von einem alten Zugfenster oder einer Tupperwaredose.

Auf jeden Fall ist Apple Apples größte Gefahr. Als Kommunikationsausstatter für die ganze Welt wird irgendwann auch das beste Design so ordinär wie ein grauer Wählscheibenapparat zu der Zeit, als das Telefon noch aus der Wand kam. Und das ist dann einfach gar nicht mehr "geil".

Stylectrical – Von Elektrodesign, das Geschichte schreibt.

bis 15. Januar 2012 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe Katalog: Apple Design. Verlag Hatje Cantz, 39,80 Euro

http://www.stylectrical.de

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo