Norman Foster über Bucky

Herford



FREUND, MENTOR UND PARTNER

Zwölf Jahre lang arbeitete Norman Foster mit Design-Legende R. Buckminster Fuller, genannt Bucky, zusammen. Nun erklärt er, warum er das Auto von Fuller nachbaute und warum das Multitalent heute relevanter denn je ist.
// DANIEL BOESE

Lord Norman Foster ist einer der bekanntesten Architekten der Welt, dessen Gebäude immer wieder Maßstäbe setzen. Das Marta Herford zeigt die von ihm kuratierte Ausstellung über Design-Legende R. Buckminster Fuller, mit dem Foster zwölf Jahre zusammengearbeitet hatte. art befragte Foster über Fuller und die Ausstellung.

Wie begann Ihre Zusammenarbeit mit Richard Buckminster Fuller?

Mein erstes Treffen mit Bucky fand 1971 statt. Er sollte ein Theater unter dem Platz des St Peter’s College in Oxford entwerfen und suchte dafür einen Architekten. James Meller, ein gemeinsamer Freund, stellte uns vor. Wir trafen uns in den eleganten Räumen des Londoner ICA zu einem Lunch. Es gab dort damals ein holzgetäfeltes Esszimmer, von dem man “The Mall” sah, die Straße, die zum Buckingham Palace führt.

Ich hatte Beispiele unserer Arbeiten mitgebracht, und das Studio stand bereit in der Hoffnung, dass Bucky uns besuchen würden. Aber das war nicht nötig, er entschied an Ort und Stelle, dass wir zusammenarbeiten sollten. Dann verschwand er zur nächsten Verabredung in seinem erbarmungslosen Terminkalender.

Warum haben Sie das Dymaxion-Auto Nummer 4 gebaut?

Es ist eine Hommage an Bucky und ein Ausdruck meiner Dankbarkeit für seine Weisheit und für viele wertvolle Einsichten, die meine Karriere geprägt haben. Gleichzeitig ist dieses Auto so ein schönes Objekt, dass ich es unbedingt besitzen wollte, um es berühren zu können und seine Realität so wahrnehmen und genießen zu können wie eine Skulptur. Das Dymaxion-Auto und das verwandte Dymaxion-Haus stammen aus der Ära der Stromlinie – eine Zeit, mit der mich eine Liebesaffäre verbindet. Ein weiterer Grund ist, dass es möglich war, ein echtes Dymaxion Auto Nummer 4 zu bauen und keine Replik! Wir folgten genau der Route, die Bucky genutzt hatte: Wir bezogen das Chassis, den Motor und den Antrieb von einem Ford Sedan aus den dreißiger Jahren. Alles im Auto Nummer 4 wurde entweder 1934 hergestellt oder nachgebaut mit Technik und Material, zu dem Bucky damals Zugang gehabt hatte.

Warum steht das Auto im Mittelpunkt der von Ihnen kuratierten Ausstellung? Und nicht eines der Häuser?

Das Auto als Objekt hat einen Reiz wie eine Sirene, ganz losgelöst von seinem Zweck. Es ist visuell verführend und macht sich großartig als zentrales Ausstellungsstück. Aber ich habe auch eine moderne Variante des „Wichita-Hauses“ bauen lassen, die damals von Fluzeugherstellern produziert wurde. Sie ist genauso futuristisch und wichtig. Wir zeigen auch Filme als Teil der Ausstellung – einer davon ist sehr amüsant. Das Dymaxion kommt aus einer Garage in New York um 1930 und fährt an all diesen alten Autos vorbei. Es fährt am Hearst-Gebäude vorbei, das damals recht neu war, überquert den Hudson und fährt in einen Tunnel. Auf der anderen Seite kommt es im New York von heute an. Aber es sieht immer noch aus wie aus einem Science Fiction Film.

Können Sie uns die die Gemeinsamkeiten zwischen drei Ihrer Bauten und Buckminster Fullers Entwürfen erläutern? Wo sehen Sie die Parallelen zum Beispiel zwischen Ihrem bekanntesten Gebäude in Deutschland, der Kuppel auf dem Reichstag, und Buckys geodätischen Kuppeln?

Die Ähnlichkeit besteht zwischen der Reichstagskuppel und dem geodätischen „Autonomous House“, das wir kurz vor Buckys Tod entwickelten. Es versorgt sich selbst mit Energie und hat eine selbstdrehende äußere Haut, die die Sonne abschirmt. Die Kuppel des Reichstags zeigt nach außen die ökologischen Strategien des Gebäudes. Sie bietet eine öffentliche Aussichtsplattform, signalisiert den Prozess politischen Wandels und bricht die Grenzen zwischen Politikern und der Gesellschaft, der sie dienen, auf. Für mich hängt sie viel mehr mit Buckys humanistischer Vision der Zukunft zusammen als mit der Symbolik der Reichstags-Kuppel in der Vergangenheit, weil sie eine ökologische und demokratische Agenda verfolgt. Und, wie Bucky sicherlich wissen wollen würde, die Stahlkonstruktion wiegt nur 800 Tonnen. Der Schirm, der für Schatten sorgt, wird von Solarenergie angetrieben.

Bucky Fuller Spaceship Earth from Ivorypress Art + Books on Vimeo.

Worin bestehen die Ähnlichkeiten zwischen Bucky Fullers Entwurf für das zehnstöckige Dymaxion Haus aus dem Jahr 1928 und Ihrem gurkenförmigen Hochhaus für die Swiss Re in London?

Das Swiss-Re-Gebäude beruht nicht auf dem Dymaxion-Haus, sondern dem Konzept des Climatroffice von 1971. Dieses Denken haben Bucky und ich damals zum ersten Mal ausprobiert. Es schlägt eine neue Beziehung zwischen der Umwelt und dem Arbeitsplatz vor, indem eine Gartenumgebung ein Mikroklima schafft, das von einer energiesparenden Hülle geschützt wird. Das Swiss-Re-Gebäude ist ähnlicherweise aus einem kreisförmigen Grundriss entstanden. Die verschiedenen Stockwerke sind rotierend versetzt, so dass Leerstellen, Voids, in jedem Stockwerk sich zu einer Spirale von Luftgärten kombinieren. Sie regeln das interne Klima.

Welche Parallelen bestehen zwischen dem Dymaxion Auto und den Transport-Pods für Masdar, die Öko-Stadt in der Wüste von Abu Dhabi?

Die Idee für komplett autonome persönliche Mobilität und davon, mehr mit weniger zu machen, waren fundamentale Prinzipien von Buckys Arbeit. In diesem Sinne entspringen die Pods und das Dymaxion-Auto dem gleichen Geist. In einem merkwürdigen Zufall oder besser einer Synergie des Denkens treffen sie sich mit dem gerade laufenden Forschungsprogramm von Google, das erforscht, wie herkömmliche Autos von Robotern gelenkt werden können.

Vor Ihrer Ausstellung war die letzte große Präsentation von Fullers Werken 2008 im New Yorker Whitney Museum zu sehen. Welche Aspekte von Fuller fehlten Ihnen dort?

Die Ausstellung war interessant, aber jede Ausstellung von Bucky ist eine Herausforderung: Wie kann man seinen konstanten Ideenfluss, seinen forschenden Geist und seine weitreichenden Leistungen festhalten? Er war ein Visionär und ein großartiger Werber. Während der Weltausstellung von 1934 lieh er sein Dymaxion-Auto an die Stars des Tages, darunter auch H.G. Wells.

Nach seinem Tod geriet Buckminster Fuller etwas in Vergessenheit. Sehen Sie heute einen Wandel, dass er die Anerkennung erhält, die er verdient?

Er wird vielleicht in dem Maße anerkannt, wie er sollte. Denn er ist außerordentlich relevant für die Fragen von Nachhaltigkeit und der Umwelt, die er Jahrzehnte vor den meisten antizipierte. Bucky gab einer Generation Werkzeuge zur Selbstermächtigung. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass er die Umweltbewegung ausgelöst hat. In der Wissenschaft hat er durch das “Buckminsterfullerene” Anerkennung erhalten, ein Molekül, das einem geodätischen Ball ähnelt und viele mögliche Anwendungen besitzt, die erst heute möglich werden.

Ist sein Ruf heute unter Architekten größer als in der allgemeinen Öffentlichkeit?

Architekten und Ingenieure müssen heute mehr mit weniger schaffen, egal ob sie bewusst von Bucky beeinflusst wurden oder nicht. Er war seiner Zeit auf viele Arten weit voraus – und der Technik ebenfalls. Wichtiger ist sein internationaler Einfluss. Ich glaube, dass er in Europa von mehr Menschen verstanden wird. Ich denke, dass man ihn in Amerika nie wirklich verstanden hat. Obwohl sein Einfluss auf die Gegenkultur weiterreicht, oft ganz unerwartet: Beim Burning Man Festival in Arizona bauen sie jedes Jahr geodätische Kuppeln.

Es gibt eine kleine Diskussion, ob Fuller ein Architekt war oder nicht. Wie beantworten Sie diese Frage?

Er war weder ein qualifizierter Architekt noch ein qualifizierter Designer, aber seine Arbeit hat einen riesigen Einfluss auf beide Berufe. Bucky war ein wahrer Meister der Technik, in der Tradition von Gustave Eiffel oder Joseph Paxton, des Architekten des Londoner Kristallpalasts. Seine vielen Innovationen – vom Dymaxion-Haus bis zur geodätischen Kuppel – überraschen einen immer noch mit dem Wagnis ihres Denkens.

Würden Sie sagen, dass er in der Architektur am stärksten war?

Ich trenne nicht gerne zwischen den verschiedenen Welten, in denen wir arbeiten. Auf ähnliche Art hat Bucky Design verstanden: ein Versprechen, die richtige Lösung zu finden. Es kommt nicht darauf an, ob das ein Boot, ein Flugzeug, eine Kuppel oder ein ganzes System von Strukturen ist.

Keines der Projekte, die Sie gemeinsam mit Fuller erarbeitet haben, wurde realisiert. Haben Sie das Gefühl, dass Sie dennoch in seinem Geiste arbeiten?

Ja, und ich glaube, er würde zustimmen. Wir haben in den letzten zwölf Jahren seines Lebens zusammengearbeitet – Bucky ist nie weit weg von meinen Gedanken.

Wie war Ihr persönliches Verhältnis – war Bucky Freund, Mentor oder Partner?

Alles. Er war eines dieser seltenen Individuen, die fundamental verändern, wie man die Welt sieht. Er war die Essenz eines moralischen Bewusstseins, jemand, der immer vor der Zerbrechlichkeit des Planeten warnte und an unsere Verantwortung erinnerte, ihn zu schützen.

Bucky Fuller & Spaceship Earth

bis 18. September 2011

Ein vollständiger biografischer Überblick über die Arbeit von Richard Buckminster Fuller (1895-1983), vom bahnbrechenden “Dymaxion House” bis zu seinen berühmten geodätischen Kuppeln.

Zeitgleich mit: Wir sind alle Astronauten Universum Richard Buckminster Fuller im Spiegel zeitgenössischer Kunst

http://marta-herford.info

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