David Adjaye

Interview

"Ein Architekt muss Kunst verstehen"
David Adjaye ist Designer des Jahres 2011 (Foto: Ed Reeve)

"EIN ARCHITEKT MUSS KUNST VERSTEHEN"

Die Diskussion über Architektur als Machtdemonstration ist ihm zu einfach, die Art Basel Miami traumatisierend und reine Funktionalität zu langweilig. So mokiert sich David Adjaye über sein architektonisch-künstlerisches Umfeld. Trotzdem wurde er im Rahmen der "Design-Miami"-Messe zum Designer des Jahres gekürt – es gibt schließlich auch Dinge, die ihn interessieren, und die sind menschlich.
// CLAUDIA BODIN, MIAMI

Er startete seine Karriere als Lieblingsarchitekt der Londoner Kunstszene. David Adjaye designte Ateliers für Jürgen Teller und Chris Ofili oder baute Häuser für Jake Chapman und das Künstlerduo Tim Noble und Sue Webster um. Inzwischen arbeitet der 1966 in Tansania geborene Architekt an großen internationalen Projekten wie dem Denver Museum of Contemporary Art oder der Moskauer School of Management.

Mit seinem Entwurf für das 500-Millionen-Dollar-Projekt "National Museum of African-American History and Culture" in Washington schlug der junge Brite Kollegen wie Norman Foster oder das Büro von Diller Scofidio + Renfro aus dem Rennen. Im Rahmen der "Design-Miami"-Messe wurde er zum Designer des Jahres ernannt. Mit art-Korrespondentin Claudia Bodin unterhielt er sich über unmenschliche Architektur und traumatisierende Kunstmessen

Mit der Auszeichnung ist ein Auftrag für die Design-Messe verbunden. Sie entschieden sich für einen Holzpavillon, mit dem die Gäste in Empfang genommen werden.

Der Pavillon ist Teil eines Experiments, das ich mit Bauholz mache. Es geht mir darum, wie man anhand einer Struktur Raum kreiert und wie man die Struktur davon loslösen kann, vorrangig effizient zu sein. Ich möchte eine neue Definition für Effizienz finden und Räume schaffen, die nicht nur funktionell sind, sondern in denen wir uns gut fühlen. Von außen sieht die Holzstruktur aus wie eine Art Museum. Innen wirkt sie wie eine Grotte. Wie ein Kokon, in dem man sich von der Außenwelt erholen kann.

Der Pavillon ist als Gegenentwurf zu rein funktionellen Bauten angelegt?

Reine Funktionalität empfinde ich als langweilig, sie hat etwas Unmenschliches. Die zentrale Idee lautet, Intellekt und Gefühl zusammenzubringen.

Aber gerade in der Architektur geht es doch so häufig in erster Linie um große Statements.

Was lachhaft und altmodisch ist. Eine gewisse Generation ließ sich in Richtung Entwicklungsarchitektur schieben. Es ging darum, Objekte zu schaffen, die aussagen: Guck mal, was ich mir leisten und mit welchem Architekten ich arbeiten kann. Ich glaube, dass wir uns von diesen Ansätzen wegbewegen. Der simple Grund, dass es mich gibt, beweist das bereits.

Ein Grund für Ihre Auszeichnung sind die sozialen Ansätze bei Ihren Bauprojekten.

Mein soziales Anliegen wird häufig missverstanden. In meiner Arbeit geht es mir nicht vorrangig um Form, den Prozess oder meinen Kunden, sondern um den Verbraucher. Mich interessiert das öffentliche Leben. Die Art und Weise wie Menschen und Stadt zusammenspielen, wie sie miteinander umgehen.

Architektur in der Rolle als Vermittler?

Die Diskussion über Architektur als Ausdruck von Macht und Geld ist mir zu simpel und macht mich krank. Weil es um Politik anstelle von zwischenmenschlichen Beziehungen geht. Mich interessiert die Tatsache, dass Architekten darüber entscheiden, wie Gebäude designt werden. Architektur verrät viel darüber, wie wir über unsere Gesellschaft denken und ob sie nur an sich selbst interessiert ist oder an den Menschen.

Neben großen Aufträgen nehmen Sie weiterhin kleine, städtische oder gemeinnützige Projekte an wie öffentliche Büchereien in Washington oder ein Haus mit Wohnungen für sozialschwache Familien in Harlem.

Die Mischung gefällt mir. An dem Gebäude in Harlem verdiene ich kein Geld

Waren Projekte wie diese der Grund, dass Sie mit Ihrem Büro 2009 in finanziellen Schwierigkeiten steckten?

Es lag daran, dass die ganze Welt zusammenbrach. Mein Büro war gerade im Entstehen, ich arbeitete an der ersten Runde von Gebäuden. Ein Jahr später kam alles zum Erliegen, so dass mein Geschäft abstürzte. Zum Glück musste ich nicht bankrott anmelden. Aus der Erfahrung habe ich gelernt.

In Denver bauten Sie Ihr erstes Museum. Was war die große Herausforderung bei einem Auftrag wie diesem?

Es handelt sich um eine Kunsthalle, eine flexible, offene Box. Wir wollten einen Raum schaffen, der sich wie ein Atelier anfühlt und den Künstlern mehr Einfluss gibt. In den achtziger und neunziger Jahren gewannen Kuratoren an Einfluss, und es ging darum, wie sie die Arbeiten interpretieren. Kunst in weißen Räumen, den White Cubes, zu präsentieren bedeutet sie zu verkaufen. Viele Künstler stellen dieses Modell in Frage.

Wie gefallen Ihnen Verkaufs-Events wie die Art Basel Miami Beach?

Sie sind traumatisierend.

Wie kam es dazu, dass Sie zu Beginn vor allem Künstler unter Ihren Auftraggebern hatten?

Mit der Hälfte von ihnen habe ich am Royal College of Art in London studiert. Es handelte sich um Studienfreunde, die mich anderen Künstlern vorstellten.

Kunst und Architektur sind eng miteinander verbunden?

Es ist unmöglich, als Architekt zu arbeiten, ohne Kunst zu verstehen.

Sie haben vor kurzem ein zehn Jahre andauerndes Projekt abgeschlossen, für das Sie 53 Städte in Afrika bereisten und tausende von Gebäuden und Plätzen fotografierten. Was war der wichtigste Eindruck, den Sie mit nach Hause brachten?

Die Geschichte von dem eigenartigen Land Afrika mit seinen eigenartigen Tieren ist reine Fiktion. Es handelt sich um einen Kontinent mit mehr als einer Milliarde Menschen, den unterschiedlichsten Gesetzen und einer außergewöhnlichen Vielfalt, die ihren Ursprung in den verschiedenen Kulturen und Einflüssen hat. Sei es aus Spanien, Portugal oder Asien.

Sie wuchsen als Sohn eines Diplomaten aus Ghana in Tansania, Ägypten und Jemen auf. Was empfinden Sie, wenn Sie an zu Hause denken?

Ich sehne mich nicht nach einem Ort. Meine Großeltern stammen aus den Wäldern von Dakar. Dies ist eine Gegend, die mich emotional berührt. Ansonsten empfinde ich die Welt als mein Zuhause. Meine Definition des öffentlichen Gebäudes wurde dadurch geprägt, wie ich aufgewachsen bin. Zuhause bedeutet Ruhe, öffentlicher Raum muss so belebt wie möglich sein.

Welche Ideen hätten Sie denn für den Freedom Tower am Ground Zero in New York gehabt?

Wir hätten die beiden Türme wieder aufbauen sollen. Genauso wie sie waren. Sie sind so bedeutend wie die Pyramiden. Machtvolle Ikonen mit all den guten und moralisch verwerflichen Seiten. Den Moment, als ich die Twin Towers zum ersten Mal gesehen habe, erinnere ich noch genau. Die Twin Towers sind kopiert worden, aber sie hatten niemals die gleiche Kraft. Ich hätte gern die Originale zurück gehabt.

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