Michael Frielinghaus

Interview

"Zulassungskriterien sind nicht notwendig"
Michael Frielinghaus, Präsident des Bundes Deutscher Architekten, tritt für gesetzlich festgeschriebene offene Wettbewerbe ein (Foto: Klaus Knuffmann )

"ZULASSUNGSKRITERIEN SIND NICHT NOTWENDIG"

Was sind die Folgen vom Debakel beim Berliner Schlosswettbewerb? Der Präsident des Bundes Deutscher Architekten antwortet: Er fordert offene Wettbewerbe – gesetzlich festgeschrieben
// DANIEL BOESE

In der August-Ausgabe von art veröffentlichten wir eine Recherche mit neuen Dokumenten, die belegen, dass Schloss-Architekt Franco Stella nur einen festangestellten Architekten hatte und damit nicht berechtigt war, am Wettbewerb teilzunehmen. art befragte nun Michael Frielinghaus, Präsident des renommierten Bundes Deutscher Architekten, BDA, zu dieser Problematik.

Herr Frielinghaus, ist so ein Schwindel bei Wettbewerbsunterlagen ein Kavaliersdelikt?

Nein. Dem möchte ich entschieden entgegentreten. Der Berufsstand toleriert das nicht. Der Bund Deutscher Architekten versucht, die Rolle der Architekten und ihre Bedeutung für die Gesellschaft einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Denn es existieren verheerende Bilder. Der Architekt als eitler, in schwarz gekleideter Gockel, der nur seine eigenen Interessen vertritt, ist eine üble Klischeevorstellung. Dagegen treten wir ein. Aufrichtigkeit ist ein wesentliches Element im Handeln von BDA-Architekten, die mit Leidenschaft und Überzeugung ihr ganzes Know-How in Wettbewerbe einbringen. Deshalb wird es nicht als Kavaliersdelikt gesehen, wenn Kollegen mit falschen Angaben operieren.

Passiert es öfter, dass bei Wettbewerbsbeschränkungen falsche Angaben gemacht werden?

Die Forderungen sind so genau gestellt, dass eigentlich nicht getrickst werden kann. Ob Franco Stella unwahre Angaben gemacht hat, kann ich nicht beurteilen. Wenn da tatsächlich etwas nicht stimmt, ist das natürlich sehr ärgerlich für alle, die ehrlich gearbeitet haben.

Es waren süddeutsche Großarchitekten, die beim Schlosswettbewerb auf die Beschränkung gedrängt haben – mit der Drohung, sonst nicht mitzumachen. Warum sind denn die Zulassungsbeschränkungen für Architekten überhaupt notwendig?

Die Antwort hierauf ist denkbar kurz. Zulassungskriterien sind nicht notwendig. Der BDA fordert daher, dass der öffentliche Bauherr grundsätzlich offene Wettbewerbe auslobt. Das ist ein klassisches Ziel des BDA und von hoher Aktualität.

Warum haben Sie als BDA die Zulassungsbeschränkungen beim Schlosswettbewerb kritisiert?

Als der Wettbewerb 2007 ausgeschrieben wurde, haben wir einen offenen Architektenwettbewerb gefordert. Wir haben dargestellt, dass Teilnahmekriterien wie Umsatz und Mitarbeiterzahl wenig über gestalterische Fähigkeiten und die Kreativität der Architekten aussagen. Für wichtige, stadtbildprägende Bauaufgaben sollte man auf jeden Fall einen offenen Wettbewerb ausloben, um von ganz unterschiedlichen – auch jungen – Büros Vorschläge zu erhalten. Das wäre damals möglich gewesen.

Fühlen Sie sich im Nachhinein bestätigt – schließlich verweist das Bauministerium heute offen darauf, dass Franco Stella als Architekt ordentliche Arbeit leiste – unabhängig davon, wie viele Architekten sein Büro beschäftigt?

Damit sollte man sich nicht zufrieden geben. Es geht ja nicht ums Rechthaben. Völlig losgelöst vom Stadtschloss spüren wir, dass von den Bauherren immer restriktivere Verfahren mit immer höheren Teilnahmehürden gewählt werden. Kriterien zur Auswahl von Teilnehmern sieht das Vergaberecht prinzipiell vor, es bleibt aber dem Auslober überlassen, welche Kriterien er ansetzt. Wir kritisieren die quantitativen Zulassungsbedingungen, die keine Aussagen über die Qualifizierung von Architekten treffen. Ein oft gewähltes Auswahlkriterium ist beispielsweise, dass die zu lösende Wettbewerbsaufgabe in ähnlicher Form zwei- bis dreimal in den letzten fünf Jahren realisiert wurde. Als Architekt habe ich vier Rathäuser entworfen, das letzte vor etwas mehr als fünf Jahren – nach diesem Verständnis fehlt mir heute die Qualifizierung für einen entsprechenden Wettbewerb.

Wozu führt das?

Junge Architekturbüros ohne umfangreiche Referenzlisten und Architekten, die eine Zeit lang in anderen Baubereichen tätig waren, werden einfach von Wettbewerben ausgeschlossen.

Was hat der BDA dazu beschlossen?

Der Bundesvorstand des BDA fordert eine gesetzliche Verpflichtung für den öffentlichen Auslober, grundsätzlich offene Wettbewerbe durchzuführen. Nur in Ausnahmefällen sollten beschränkte Verfahren möglich sein, die zudem transparente und faire Auswahlkriterien verwenden.

Was antworten sie Kritikern? – Beim Schlosswettbewerb fürchtete man zu viele eingereichte Arbeiten und nicht ausreichend qualifizierte Architekten.

Bauherren befürchten zwei Dinge, zum einen, dass zu viele Wettbewerbsbeiträge abgegeben werden. Bei prominenten Bauaufgaben wie dem Humboldt-Forum sollte der Bauherr eigentlich mit mehreren hundert Beiträgen fertig werden. Es gibt außerdem die Methode, einen zweistufigen Wettbewerb durchzuführen. Für die weitere Bearbeitung werden dann nur noch die besten Arbeiten ausgewählt. Die zweite Befürchtung – der Wettbewerb ist ja eine Art Blinddate zwischen Bauherrn und Architekt – ist, dass der Wettbewerbssieger der Aufgabe nicht gewachsen ist. Das kann aber geregelt werden, indem der Preisträger eine Arbeitsgemeinschaft mit einem weiteren Architekturbüro eingeht.

Warum ist Ihnen der Wettbewerb an sich so wichtig?

Der Wettbewerb wird ja oft vollkommen falsch dargestellt, als sei dies eine Gnade gegenüber Architekten, eine Art Wohltätigkeitsveranstaltung. Dabei leistet unser Berufsstand etwas, was sonst in der Wirtschaft niemand tut. Im freien Wettbewerb um die beste architektonische Lösung konkurrieren Architekten und gehen dabei mit einem großen Engagement in Vorleistung, die nur im Falle einer Wettbewerbsprämierung vergütet wird. Ein Wettbewerb kostet ein Büro zwischen 30 000 und 50 000 Euro. Das ist ein richtiger Aderlass. Dennoch setzen sich Architekten und der BDA für Wettbewerbe ein, weil wir überzeugt sind, dass nur diese Verfahren die beste Architektur für die jeweils gestellte Aufgabe erbringen können. Vor diesem Hintergrund würde man sich wünschen, dass mit diesem Instrument anders umgegangen wird.

Warum sind Wettbewerbe für junge Büros so wichtig?

Wir verfügen über eine sehr gute Architekturausbildung in Deutschland. Viele der Nachwuchsarchitekten haben im Ausland gearbeitet, weil man dort ihre Qualität schätzt. Nach der Baukrise in Irland, Spanien oder England sind sie zurückgekommen – und es wäre ein riesiger Fehler, das kreative Potenzial dieser kleinen, jungen, aber leistungsfähigen Büros auszuschließen. Genau ihre Ideen brauchen wir, um unsere Städte für die Anforderungen von morgen weiterzubauen. Für junge Büros sind Wettbewerbe häufig die einzige Möglichkeit, um Aufträge zu bekommen und ihr Büro zu etablieren. Das berühmteste Beispiel ist der Wettbewerb für den Flughafen Berlin-Tegel, den Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg kurz nach ihrem Studium Mitte sechziger Jahre gewonnen haben. Heute zählt ihr Büro gmp zu den renommiertesten weltweit.

Lustig – im Bundesbauministerium schreibt man art gegenüber schon das Beispiel gmp auf, um zu rechtfertigen, dass auch der junge und unerfahrene Franco Stella mit seinem kleinen Büro qualifiziert genug sei, das Schloss zu bauen. Und unterschlägt dabei, dass man über 25 000 deutsche Büros aus dem Wettbewerb ausgeschlossen hat.

Damit zeigt diese Argumentation sehr schön den Widerspruch zu den Auslobungsbedingungen für das Humboldt-Forum auf, in denen sich der Auslober genau vor den Beiträgen der jungen und vermeintlich unerfahrenen Büros schützen wollte.

Es steht die Frage im Raum, ob man eine Betrugsanzeige gegen Franco Stella stellt. Tausende Architekten wurden ausgeschlossen, ihnen ist ein Schaden entstanden – sie hätten ja gewinnen können. Denkt der BDA nach, eine Anzeige zu stellen?

Eine schwierige Frage, die ich als Privatperson beantworten möchte, da wir dazu noch keine Verbandsposition haben. Ich persönlich finde, wir sollten nach vorn sehen. Der öffentliche Bauherr sollte die Erfahrung aus diesem Verfahren mitnehmen, dass betriebswirtschaftliche Kriterien eben keinen Ausblick auf die Qualität von Wettbewerbsbeiträgen zulassen. Ein überzeugenderes Argument für offene Wettbewerbe kann man nicht erbringen. Ohnehin müssten wir für ein juristisches Verfahren viel mehr Details kennen.

Aber es wäre doch ein einfaches Mittel, um endgültig zu klären, ob Stella unwahre Angaben gemacht hat. Denn geht es um Dinge, die schnell zu klären sind. Wie lange würden Sie brauchen, um die Sozialbelege ihrer Mitarbeiter für 2004/2005 rauszusuchen?

Eine halbe Stunde.

Michael Frielinghaus:

Er ist freischaffender Architekt in Freiberg und seit 2007 Präsident des BDA. Er hat als Präsident des BDA das Projekt Schlossneubau hart kritisiert: Man solle die Geschichte eines Ortes weiterschreiben, nicht eine Kulisse bauen, die so tut, als sei das 18. Jahrhundert nicht vorbei.

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