Entwickelt sich in China gerade eine neue Form der Kreativität?

Mit Sicherheit. Die Wertesysteme sind anders. Wir stehen aber generell vor einer großen Verschiebung der Wertesysteme. Vorrangig hat das mit dem Schritt von der analogen Welt in die digitale Welt zu tun. Das ist eine ganz umfassende Veränderung, die sich vollzieht. Die Generationen, die mit der digitalen Kultur integrativ aufgewachsen sind, besitzen ganz andere Wertvorstellungen in ihrem Denken, ihrer Arbeit und ihren sozialen Verhältnissen. Man kann das ansatzweise sehen in Bereichen wie der Distribution von Musik über das Internet, die ganzen Fragen, die sich damit verbinden: die Frage nach dem Original, dem Schutz einer Idee oder wie man das als Ganzes verwalten will. In China ist der Umgang mit Originalität, Vervielfältigung oder der Frage, ob die Kopie genauso gut oder sogar besser als das Original sein kann, bis hin zum Verschwinden des Originals recht virulent.

Welche Unterschiede gibt es zur Arbeit in Deutschland?

Wenn man in China arbeitet, ist etwa Maßstäblichkeit etwas völlig anderes. Alle damit verbundenen Fragen beginnen und enden mit der Größe der Bevölkerung, derzeit rund 1,3 Milliarden Menschen. Diese Maßstäblichkeit ist ungeheuerlich: im Wirtschaftswachstum, auch die Größe der existierenden Städte. Allein wenn ich aus dem Fenster meines Büros schaue, dann sehe ich drei Lagen von acht- bis zwölfspurigen Straßen, die einfach eine innerstädtische Stadtkreuzung darstellen. In Deutschland klingt das wie eine Horrorvision und wird moralisch betrachtet. In Peking hingegen ist das eine ganz unprätentiöse Realität.

Wie ordnen sich Projekte wie CCTV in das allgemeine Baugeschehen ein? Welche Rolle spielen Privatinvestoren in der hiesigen Architektur?

Sicherlich waren CCTV und die Olympia-Bauten Sonderprojekte, die so nicht von der Privatwirtschaft, und mittlerweile vielleicht auch nicht mehr von staatlicher Seite realisierbar wären. Das hatte etwas mit einem historischen Moment zu tun. Davon abgesehen kann man nicht immer eine so klare Trennlinie zwischen staatlicher Seite und privater Seite in China ziehen. Es gibt sehr viele Privatinvestoren und Projektentwickler, die ambitioniert arbeiten. Die bauen natürlich auf bestimmten ökonomischen Prinzipien auf. Aber es gibt einige, die eine Vision haben, die weit über das rein Ökonomische hinausgeht, auch weiter, als das im Westen oft der Fall ist. Es gibt den Mut zur Neuerung. Natürlich bleibt die Masse aber auch die Masse. Es ist ja gut, dass eine Stadt als eine Mischung aus eher Generischem, Unauffälligem und einigen wenigen auffälligen Dingen existiert. In einer Stadt zu leben, in der jedes Gebäude etwas ganz Besonderes ist, das wäre unerträglich.

Haben sich die großen architektonischen Ambitionen in China im Moment erschöpft?

Interessanterweise hat sich die Ambition gar nicht erschöpft. Anfang 2008 gab es Spekulationen darüber, was denn nach den Olympischen Spielen passiert. Werden wir alle in einer Stadt voller leerer Gebäude aufwachen? Das ist nicht passiert. Auch das Bauen hat nicht aufgehört. Es gab einen kurzen politischen Baustopp kurz vor und während der Olympischen Spiele, um den Schmutz zu bändigen. Für die Gegend um das CCTV gab es gerade einen großen Wettbewerb mit über 30 Parzellen, um in diesem Stadtgebiet die Zahl der Wolkenkratzer noch einmal zu verdoppeln.

Und jenseits von Peking?

Es sind vor allem die „zweiten“ und „dritten“ Städte in China, die immer aktiver werden. Auch dort werden neue Zentren gebaut, von der Verwaltung neue Schaustücke hingestellt. Dort herrscht auch ein ungeheures Wachstum. Der Großteil der chinesischen Bevölkerung lebt eben nicht in den beiden Zentren Peking und Shanghai, sondern in den hundert Zentren, den vielen anderen und wenig bekannten Millionenstädten.

Zum CCTV gehört das eigenständige TVCC, ein Kulturzentrum und Hotelkomplex, der bei einem Brand vor zwei Jahren zerstört wurde. Warum ist es schwierig, den Rohbau zu renovieren und zu vollenden?

Die Reparaturarbeiten am TVCC sind jetzt seit einigen Monaten in vollem Gange. Das hat allerdings seine Zeit gedauert. Diese Tragödie hat große Teile des Projektteams auf der Bauherrenseite durcheinander gebracht. Einige Leute sind dafür ins Gefängnis gegangen. Der Brand wurde ja von einem Feuerwrk ausgelöst, das der Bauherr selbst organisiert hatte.

Wie geht es weiter?

Im Moment werden die abgebrannten Teile der Fassade abgetragen, die Baustruktur, die Substanz des Gebäudes selbst ist vom Feuer nicht beschädigt worden. Also wird eine neue Fassade aufgesetzt und der Innenausbau wieder hergestellt. Da entschieden wurde, das Projekt getreu dem ursprünglichen Entwurf von Rem Koolhaas und mir wiederaufzubauen, steht die originale Planung zur Verfügung. Insgesamt hat sich das Gesamtprojekt um anderthalb Jahre verzögert. Das Hauptgebäude steht gerade vor der Fertigstellung der letzten Teile des Innenausbaus. Dann folgt die Installation der Fernsehtechnik.

Wann denken Sie, wird das Gebäude tatsächlich in Betrieb genommen?

Es wird in den meisten Bereichen noch dieses Jahr geschehen. Anfang 2012 sollte das Gebäude voll in Funktion sein und eröffnet werden. Man wird in Lage sein, von dieser Einrichtung 250 Kanäle gleichzeitig auszustrahlen. Aber an dem Zeitpunkt, an dem „alles fertig“ ist, ist sicherlich schon wieder der erste Umbau im Gange. Ein Gebäude einer solchen Größenordnung wird nie als eine völlig abgeschlossene, stabile Einheit funktionieren und eine so große Organisation wie CCTV entwickelt sich dynamisch weiter. Das war auch Teil der Entwurfsarbeit, einen Großteil des Gebäudes so zu gestalten, dass er flexibel und veränderbar ist.

Sind sie noch in das Projekt involviert?

Nein. Die Entwurfsarbeiten sind abgeschlossen. Sie waren schon zu dem Zeitpunkt beendet, an dem ich OMA verlassen habe.

Wie kam es zum Ausscheiden bei OMA und zur Gründung Ihres eigenen Büros – Büro Ole Scheeren – gemeinsam mit ihrem Partner Eric Chang im Herbst 2010?

Bei OMA hatte ich eine hervorragende Zeit, es gab keine Zerwürfnisse. Für mich hat sich aber irgendwann die Frage gestellt, wie ich mir die nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahre vorstelle. Als ich 1995 zu OMA kam, war das ein kleines Büro mit 30 Leuten – jetzt arbeiten da 200 bis 300 Architekten. Ich wollte einfach in einem persönlicherem und fokussierten Zusammenhang arbeiten, wie jetzt in unserem neuen Büro. Wir sind jetzt rund um die 25 Leute und unser Büro sollte eigentlich nicht grösser weden als 50 Architekten.

Bei Ihrer Arbeit mit OMA ging es ja immer um die Funktion eines Gebäudes, die Inhalte, aus denen dann ein Form entwickelt wurde. Welche Idee hätten Sie für das kürzlich wiedereröffnete Nationalmuseum am Tian'anmen-Platz gehabt, das nun Ihr Hamburger Kollege Meinhard von Gerkan umgebaut hat?

Das Umbau-Projekt für das chinesische Nationalmuseum hatte zwei inhaltlich wichtige Komponenten. Die eine Frage war die der Bedeutung des Ortes: Wie kann man eine architektonische Intervention in einem solchen Kontext gestalten? Dieser Kontext ist ja eine hochinteressante Mischung zwischen ungeheurer Stärke, der vorherrschenden Monumentalität und Symbolik des Ortes und der Problematik, die eben gleichzeitig aus genau dieser Konstellation hervorgeht.

Und die zweite Frage?

Wie kann man die Vielschichtigkeit und Gegensätzlichkeit dieser von Brüchen durchzogenen chinesischen Geschichte in einem Gebäude aufnehmen, das bereits Teil dieser Geschichte ist? Die Sammlung des Museums ist inhaltlich in zwei Teile aufgeteilt: Die “Historie” und die Revolution und die Zeit des Kommunismus. Und ist in solch einem Gebäude denkbar, auch das zu integrieren was in Zukunft noch passieren wird? Ich bin mir nicht sicher, ob diese Fragen als wirkliche Themen in dem jetzt realisierten Projekt zum Ausdruck kommen.

Ole Scheeren, 40, studierte in Lausanne und Karlsruhe Architektur.

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