Editorial Was uns mit dem Tier verbindet (und mit dem Neandertaler)

Was uns mit dem Tier verbindet (und mit dem Neandertaler)

Liebe Leserin, lieber Leser,

wann haben Sie zuletzt ohne Ironie vom Menschen als der »Krone der Schöpfung« reden hören? Das muss tief im 20. Jahrhundert gewesen sein. Die stolze Selbstgewissheit des Homo sapiens als höchste Veredlungsstufe auf Erden ist zusehends zerbröselt. Moralisch sowieso (siehe Kriege, Umweltzerstörung, Massentierhaltung …), aber auch die harten Fakten sprechen gegen uns. Im Grunde sind wir doch auch nur Trockennasenprimaten, gerade 1,37 Prozent unseres Erbguts unterscheiden uns vom Gemeinen Schimpansen als nächsten Verwandten. Und der, so sagen die Forscher, ist genetisch vom gemeinsamen Vorfahren sogar weiter fortentwickelt als wir. Und je tiefer die Wissenschaft in das Geistes- und Seelenleben unserer tierischen Mitbewohner aller Art eindringt, desto ähnlicher werden sie uns im Fühlen, Planen, Kommunizieren. Blieben immerhin Kunst und Kultur als Alleinstellungsmerkmal.

Was uns mit dem Tier verbindet (und mit dem Neandertaler)

In der Höhle von Maltravieso, Spanien, wurden Zeichnungen wie diese Hand entdeckt. Sie stammen von Neandertalern.

Und dann das: Der Neandertaler, eben noch als gänzlich ungehobelter Cousin in der phylogenetischen Ahnenreihe geschmäht, kommt jetzt auch auf Augenhöhe. Der unter ungeklärten Umständen ausgeschiedene Kollege im aufrechten Gang hat in spanischen Höhlen seine Bildwerke hinterlassen: abstrakte Kratzzeichen, angestrichene Tropfsteine – und Hintern und Kopf von zwei Tieren, Schwein und Rind dem Anschein nach. Die Datierung der Neandertalerkunst vor Eintreffen des Homo sapiens im Lande Picassos ist wohlgesichert, nur deren Deutung steht noch aus. War sie Beschwörung, Kult, bloßer ästhetischer Zeitvertreib oder schon die Suche nach dem Wahren und Schönen? Aber da ist man bei unseren eigenen Vorfahren schließlich auch nicht viel weiter.

Sicher ist: Das Tier ist von Beginn an unser wichtigstes Gegenüber in dieser Welt und blieb immer ein Teil von uns. Es stand deshalb am Anfang der Kunst, kam zwischenzeitlich nie aus der Mode und ist jetzt wieder ins Zentrum gerückt. Als Mitspieler, als Bildmotiv, sogar als Produzent von Skulpturen tauchen Tiere heute in Ausstellungen auf. Vielleicht liegt es ja daran, dass wir uns unserer Rolle in der Welt so unsicher geworden sind, dass wir die Rückkoppelung zu den Wurzeln wieder intensiv suchen. Lesen Sie die Titelgeschichte von Ute Thon in unserer aktuellen Ausgabe, dort finden Sie die Antwort – und viele neue Fragen.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de

P.S. Zum sechsten Mal seit 2013 begleiten wir die Kölner Kunstmesse ART COLOGNE mit einer Beilage. Besuchen Sie uns in Köln an unseren Ständen im Foyer und in Halle 11.3!