Editorial Von wohligem Schauer zu großer Not – und praktischen Problemen

Liebe Leserin, lieber Leser,
ich musste in diesen seltsamen Corona-Tagen an das Musée Unterlinden in Colmar denken, wo der Isenheimer Altar in einer schönen gotischen Halle steht. Wann immer ich in der Nähe bin, schaue ich ihn mir an. Matthias Grünewald hat ihn 1512 bis 1516 für ein Klosterspital gemalt, in dem Menschen gepflegt wurden, die am "Antoniusfeuer" litten, einer tückischen, schmerzhaften, tödlichen Krankheit, von der man heute weiß, dass sie eine Mutterkornvergiftung war. Ich mochte immer diesen Gegensatz: einerseits die Vorstellung, dass diese Tafeln vor 500 Jahren denen Trost spendeten und Rettung versprachen, die sich in größter Not und Lebensangst gläubig vor ihnen versammelten. Und anderseits das selig andächtige Treiben der heutigen Museumsbesucher, die wie ich vor dem Altar vor allem wohligen Schauder und große Bewunderung empfinden.

Von wohligem Schauer zu großer Not – und praktischen Problemen

Einsamer Retter in der Not: Der Isenheimer Altar in Colmar sendet seine Botschaft vorerst ins Leere

Als Journalist hat man ja öfter das Privileg, Ausstellungen fast allein zu genießen. Ich mag es immer viel mehr, die Kunst und die Menschen zusammen zu betrachten. Jetzt steht der Altar einsam und nutzlos in seiner Halle, und Sie schlagen sich vermutlich zu Hause mit Ängsten herum. Vielleicht besuchen Sie ihn ja wenigstens auf der Website des Museums, womöglich hilft und tröstet es ein wenig. Weitere Tipps zur ersatzweisen Fernbetrachtung finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe auf Seite 122.

Auch wir als Redaktion mussten uns auf rein digitale Besuche und Diskussionen umstellen. Die Produktion des Hefts musste plötzlich ganz anders laufen, und wir haben bis zum letzten Tag geändert und aktualisiert, um Ihnen möglichst solide Informationen zu bieten.

Von wohligem Schauer zu großer Not – und praktischen Problemen

Die ART-Redaktion in der digitalen Corona-Diaspora: Ein Magazin zu machen ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Dank an alle, dass es auch von zu Hause klappt!

Das April-Heft, Sie werden es gemerkt haben, ist vor Corona in Druck gegangen. Aber auch diese Mai-Ausgabe, im März produziert, kann an vielen Stellen leider nur die Unsicherheit unserer Partner in den geschlossenen Museen, Galerien und Auktionshäusern spiegeln. Ich bitte um Ihr Verständnis. Vielleicht ist der ganze Spuk ja auch vorbei, wenn Sie diese Ausgabe in den Händen halten. Wir wünschen jedenfalls allen unseren Freunden und Mitstreitern im Kunstbetrieb und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie gesund und unbeschadet durch diese Zeit kommen!

Ganz herzlich, Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de

PS: Unsere aktuelle Ausgabe können Sie weiterhin versandkostenfrei hier im Shop bestellen.