Editorial Raubkunst ist peinlich: Es ist an der Zeit loszulassen ...

Raubkunst ist peinlich: Es ist an der Zeit loszulassen ...

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

"Ich kann nicht hinnehmen", sagte Präsident Emmanuel Macron letzten November in Ouagadougou, "dass sich ein großer Teil des Kulturerbes mehrerer afrikanischer Länder in Frankreich befindet." Ein einfacher und erlösender Satz, der französische Museumsmenschen endlich aus der Schizophrenie von neuem postkolonialen Denken und altem kolonialen Handeln befreit. Denn längst ist allen bekannt, wie viele Stücke in den westlichen Museen lagern, die mit Gewalt geraubt und als bewusste Demütigung afrikanischen Kulturen gestohlen wurden. Längst ist allen klar, dass es keine moralische Rechtfertigung gibt, sie hierzubehalten. Aber der Museumsmensch ist nun mal ein Sammler und Bewahrer, so ist er erzogen, und dafür ist er angestellt. Und selbst wenn er wollte, dürfte er nichts hergeben, denn er ist nur Verwalter der geraubten Schätze. Und an wen eigentlich sollte er etwas zurückgeben, wenn er denn dürfte? Frankreich ist dabei, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, weil jetzt der politische Wille unmissverständlich formuliert ist, Gerechtigkeit herzustellen. Und wie man hört, sind die Museumsleute eigentlich ganz erleichtert – auch wenn es bedeutet, die Säle zu leeren.

Raubkunst ist peinlich: Es ist an der Zeit loszulassen ...

In einer aktuellen Ausstellung präsentiert das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Forschung zu seinen Benin-Bronzen

Und hierzulande? Dreht sich die Mühle aus Bedenken und Ausflüchten, multilateraler Kommissionsarbeit und vertiefter Provenienzrecherche immer weiter. Lesen Sie auf Seite 118 unsere Museumsumfrage zu den Bronzeskulpturen aus Benin (wo ohne jede weitere Forschung das Verbrechen offenliegt), dann wissen Sie, wie dringend nötig vielleicht kein präsidiales Machtwort, aber doch ein Leitsatz à la Macron wäre, um das Direktorenmikado zu beenden: Der Erste, der sich bewegt, hat verloren. Uns hat gewundert, dass keiner und keine der von uns Befragten schlicht antwortet: "Ich will zurückgeben, was uns nicht gehört – erlaubt es mir endlich!" Wäre doch ein passendes Thema für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der blockierenden deutschen Länderkulturvielfalt mal den moralischen Marsch zu blasen.

Raubkunst ist peinlich: Es ist an der Zeit loszulassen ...

Haben Fotografie studiert und sind heute ART-Redakteure: Tim Holthöfer und Hannah Schuh konzipierten das aktuelle Fotoheft

Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky, Wolfgang Tillmans: Als in den neunziger Jahren die Fotografie die Museen eroberte, gab es regelmäßige Fotografie-Specials von ART. Diese Kämpfe sind eigentlich längst gewonnen. Warum nun wieder ein Fotoheft? Vielleicht, weil wir zwei Fotografen in der Redaktion haben, die ohnehin unermüdlich um jede einzelne Seite für ihre Kollegen ringen. Und auf jeden Fall aber, weil jetzt der große Festivalsommer der Fotografie beginnt!

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de