Editorial Prinzip Hoffnung 
gegen Bunkermentalität

Prinzip Hoffnung 
gegen Bunkermentalität

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

was wohl Leoluca Orlando, dieser kunstsinnige Aristokrat der Weltoffenheit, davon hält? Eben will ich die geboten euphorische Einleitung für dieses Spezial über das schönste Land Europas schreiben, da kommt die Meldung, der neue italienische Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega Nord wolle künftig sogar den Schiffen internationaler Rettungsmissionen das Einlaufen in seine Mittelmeerhäfen verweigern. Da ist auf der einen Seite der scheinbar ewige Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, der für sein couragiertes Handeln jetzt mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf geehrt wird. Er hat es seit 1985 geschafft, seine Stadt Stück für Stück der Mafia zu entreißen, indem er auf Miteinander und Menschlichkeit setzt, auch in Zeiten der Flüchtlingskrise: »Es gibt ja gar keine Migranten in der Stadt. Nur Palermitaner«, hatte er im ART-Interview (Ausgabe 6/2018) gesagt. Und da ist die neue, unverstellte Grausamkeit der großen Politik, die nicht zögert, die einfachsten Regeln von Miteinander und Menschlichkeit außer Kraft zu setzen. .

Prinzip Hoffnung 
gegen Bunkermentalität

Göttliche Vermittler zur Pflanzenwelt: Jelili Atikus Performance in Palermo verbindet Yoruba-Kultur und katholische Prozession

Prinzip Hoffnung gegen Bunkermentalität: Keiner konnte diese Eskakation erahnen, als beschlossen wurde, die Manifesta in die sizilianische Hauptstadt Palermo zu holen. Aber dass diese Stadt – geografisch näher an Afrika als an Rom, kulturell schon seit Jahrhunderten zwischen Orient und Okzident schwingend – die perfekte Bühne für die europäische Wanderbiennale sein würde, konnte man sich vorstellen. Meine Kollegin Ute Thon kam ganz beseelt von der Eröffnung zurück: Anders als bei der oberlehrerhaften Documenta im vergangenen Sommer werden hier die Probleme der Zeit nicht nur vorgezeigt, sondern poetisch bearbeitet. Das Spektrum reicht von Installationen, die mit erschreckender Klarheit zeigen, wie stärkere militärische Abschottung zu mehr Todesopfern im Mittelmeer führt, über völkerverbindende Umzüge in hoffnungsvollem Grün bis zum rauschhaften Konfetti-Feuerwerk am Quattro-Canti-Platz. Die Schau ist eine Safari durch Gärten, Paläste, Industriehallen, Straßen, die einer der ohnehin faszinierendsten und vielfältigsten Städte Europas noch immer neue Sinnschichten hinzufügt.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de