Editorial Liberal statt neoliberal lautet der neue Kurs

Liberal statt neoliberal lautet der neue Kurs

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

deutet sich da ein Paradigmenwechsel an? Seit Jahrzehnten beten die Kulturdezernenten das neoliberale Mantra von der »Kultur als Standortfaktor« herunter: Die Ausgaben für Theater, Konzerthäuser, Museen und die Szene werden damit begründet, dass sie a) den lokalen Unternehmen zum Wohlfühlklima verhelfen, das Talente lockt und bindet und b) gewaltige Touristenströme in die Stadt leiten, die dort für Umsatz sorgen. Hamburg hat sich unter den Vorzeichen dieser sogenannten »Umwegrentabilität« der Kulturausgaben von der Museums- zur Musical-Metropole umgeschminkt, und auch die Kostenexplosion der Elbphilharmonie lässt sich so im Nachhinein zum goldrichtigen Investment umrechnen.

Als wir den Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, seit zwei Jahren im Amt, zum Interview trafen (siehe Seite 124) fanden wir ein neues Bewusstsein vor: »Wir müssen Kunst um ihrer selbst willen fördern«, schreibt der eloquente SPD- Politiker seinen Amtskollegen ins Stammbuch. Denn tatsächlich hat sich herumgesprochen, dass die neoliberale Gleichung von Kultur als Infrastruktur-Investment selten aufgeht und dann der Erklärungsnotstand dem Kämmerer gegenüber noch größer ist als vorher. Und Kulturpolitik hat vor dem Hintergrund einer auseinanderdriftenden Gesellschaft auch längst drängendere Aufgaben als Elitenbindung und Tourismusförderung. Sie muss Zusammenhalt organisieren, sie muss Orte schaffen, an denen sich alle Schichten treffen, an denen die Gesellschaft sich selbst begreifen kann.

Liberal statt neoliberal lautet der neue Kurs

Vor allem Elbphilharmonie und Musicaltheater haben die touristische Außenwahrnehmung Hamburgs in den letzten Jahrzehnten geprägt

 

Carsten Brosda bewegt vor allem, dass eine Hälfte der Bevölkerung niemals öffentlich geförderte Kulturangebote wahrnimmt. Er setzt bei der Öffnung des Elfenbeinturms auf »Audience Development«, eine aus Großbritannien stammende Strategie, die einerseits darauf ausgerichtet ist, mit den Mitteln des Marketings Kulturinhalte in die Massen zu tragen, andererseits aber versucht, das Publikum auch besser zufriedenzustellen als früher. Klingt wieder nach Managementtechnik? Ist es auch. Schlecht angewendet, führt die »Publikumsentwicklung« Museen in seichte Gewässer, klug eingesetzt, öffnet sie die Schleusen zwischen den Parallelgesellschaften. Wir werden sehen, wohin die Hamburger Institutionen unter Käpt’n Brosda steuern.

Ihr Tim Sommer

chefredaktion@art-magazin.de

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