Editorial Kunst als Readymade 
im politischen Diskurs

Kunst als Readymade 
im politischen Diskurs

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Readymade war wohl die folgenreichste Idee der Kunst im 20. Jahrhundert: Man nehme ein Stück Realität und verpflanze es in den Kunstkontext, wo man Zumutungen gewohnt ist – und schon entzündet sich das Deutungsfeuer, so, als wäre da ein ganz herkömmliches Werk aus Meisterhand zu sehen. Mit Marcel Duchamps "Flaschentrockner" (1914) und seinem Pissoir namens "Fountain" (1917) wurde dieses Verfahren zur Verkunstung von Alltagsgegenständen eingeführt, heute ist es gang und gäbe, wie jede Biennale beweist.

Kunst als Readymade 
im politischen Diskurs

Missglücktes Polit-Readymade: Erdoğan-Statue auf dem Platz der Deutschen Einheit im Rahmen der Wiesbadener Biennale

 

Eine neue Erfindung kehrt nun diesen Prozess gewissermaßen um, und ich bin mir nicht sicher, ob mir das ebenso gefällt. Das geht so: Man entnehme oder kopiere ein Werk aus dem Kunstkontext und transferiere es an einen besonders neuralgischen Punkt in die Realität, wo es plötzlich eine ungeahnte Schärfe gewinnt, piekst, schneidet, eben wehtut und so Abwehrreaktionen provoziert, die wiederum die Medien aufstacheln. Das ist auch der Sinn der Übung: unter Einsatz eines Kunstwerks provozieren und Öffentlichkeit generieren. Vor einem Jahr baute die Gruppe »Zentrum für Politische Schönheit« einen Teil des Berliner Holocaust-Mahnmals vor dem Haus des AfD-Politikers und »Denkmal der Schande«-Hetzredners Björn Höcke im thüringischen Bornhagen nach, Demonstrationen, Gerichtsverfahren, Parlamentsbeschlüsse waren die Folge, begleitet von einem gewaltigen Medienecho. Konnte man diese Aktion noch für einen Geniestreich der Politkunst halten, war die Idee der Wiesbadener Biennale, eine güldene Erdoğan-Kolossalstatue kommentarlos auf dem Platz der Deutschen Einheit der hessischen Landeshauptstadt zu platzieren, schlicht dämlich.

Das Kunst-Readymade, dem Vernehmen nach ein Werk des türkischen Gebrauchs-Bildhauers Nuh Açin, tat seine Zündwirkung so gut, dass man Hundertschaften Polizei hätte aufbieten müssen, um Schlachten zwischen Erdoğanbefürwortern und seinen Gegnern zu verhindern. Stattdessen räumte man die Fake-Statue rasch wieder ab. Die Biennale verbuchte die Aktion gleichwohl als Erfolg, weil sie Diskussionen in Gang gesetzt habe. Sehr durchsichtig: Der Gold-Erdoğan von Wiesbaden hatte bei größtmöglichem Medienecho und beträchtlicher Gewaltmobilisierung einen Erkenntniswert von null Komma null. Und das ist für ein Readymade, gleich welcher Richtung, zu wenig.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de