Editorial Künstlerstatistiken und ein Genie, das alle sprengt

Künstlerstatistiken und ein Genie, das alle sprengt

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal lese auch ich dieses Magazin mit verwundertem Erstaunen. Unsere New Yorker Korrespondentin Claudia Bodin berichtet auf Seite 124 von einer statistischen Erhebung der Northwestern University in Illinois, die ergeben hat, dass sagenhafte 90 Prozent aller Künstler in ihrem Leben eine Phase des Erfolgs oder der Aufmerksamkeit erfahren. Dem kann, das sagt mir meine Lebenserfahrung, eigentlich nur ein extrem großzügig ausgelegter Erfolgsbegriff zugrunde liegen – oder eine extrem enge Künstlerdefinition, die nur diejenigen erfasst, die überhaupt jemals den Kreis des überregionalen Ausstellungswesens betreten. Viel plausibler scheint mir die zweite Erkenntnis der Studie: Für die meisten Künstler bleibt der Erfolg nur eine kurze Episode. Ein biografisches Strohfeuer, an dessen Asche sie sich den Rest des Lebens wärmen – oder in die sie den Rest des Lebens frierend starren, das wohl je nach persönlichem Talent zum Glücklichsein.

Das künstlerische Talent jedenfalls, so eine zweite Studie, diesmal von der Northeastern University in Boston, soll nur eine untergeordnete Rolle für den Erfolg spielen, viel wichtiger sei das Netzwerken, der frühe Zugang zu den Mächtigen des Kunstbetriebs. Eine rasend unromantische Erkenntnis, der ich ebenfalls misstraue. Ich halte es lieber mit der Formel, dass Talent und Netzwerk zwar notwendige, aber doch keine hinreichenden Bedingungen für den Erfolg sind.

Künstlerstatistiken und ein Genie, das alle sprengt

Als alle Welt ihn für ein Genie hielt: Picasso im Alter von 76 Jahren in seiner Villa La Californie in Cannes

Unsere Titelgeschichte erzählt, wie Pablo Ruiz Picasso, das Wunderkind aus der entlegenen Kunstprovinz Andalusien, die Kunsthauptstadt Paris erobert. Er braucht mehrere Anläufe, zwischen denen krisenhafte Rückzüge stehen, sehr schmerzhafte Umschichtungen des Eingemachten. Es ist ein Weg immer auf der Kippe ins Nichts, ein Lernprozess, bei dem der junge Mensch, stolz, neugierig, fleißig und ehrgeizig, sich einerseits öffnet, die entscheidenden Leute kennenlernt und stückweise herausbekommt, was die große Welt zurzeit interessiert. Und andererseits und gleichzeitig seinen Wesenskern so formt und befestigt, dass er wirklich einzigartig ist. Ute Thons Geschichte über Picassos entscheidende Jahre ist eine Erzählung über die Jugend an sich. Das Verrückte ist: Dieser Pablo hatte auch noch das Talent, ein langes Leben lang genau so jung zu bleiben – und das ist wirklich eine ganz seltene Gabe, die jede Statistik sprengt.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de