Editorial Hello World! 
Goodbye, Kanon?

Hello World! 
Goodbye, Kanon?

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

da schlendert man schon die fünfte Stunde durch die Hallen des Hamburger Bahnhofs, um sich die »Revision einer Sammlung« anzusehen. Die Berliner Nationalgalerie erforscht hier im Rahmen des Bundeskulturstiftungsprogramms »Museum Global«, wie man den Blick, der sich über das 20. Jahrhundert hinweg vom Nationalen zum Europäischen und dann zum Atlantischen geweitet hat, nun gänzlich offen macht für die gesamte Welt, tauglich für das 21. Jahrhundert eben. 13 Ausstellungskapitel von verschiedenen Kuratorinnen und Kuratoren sind daraus geworden, die ohne roten Faden nebeneinander stehen. Man hat sich über Vitrinen gebeugt, in Videokabinen gelümmelt, Saaltexte dechiffriert. War in Mexiko, Japan, auf dem Balkan und auf Bali. War in der Vorzeit, in der Neuzeit, war im Gestern und im Heute. Hat Grandioses, Interessantes und Banales gesehen, gut, mittelmäßig und schlecht präsentiert, alles beieinander, miteinander, durcheinander.

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Goodbye, Kanon?

Die Nationalgalerie in Berlin erfindet sich neu – als Documenta in 13 Kapiteln! Die zentrale Halle des Hamburger Bahnhofs als »Agora«

Ich mag den Moment, wenn man sich mit schwirrendem Kopf und müden Augen einen ersten Reim auf das Erlebte macht: Das ist die Nationalgalerie als Documenta! Was wir hier in Berlin sehen, ist der Blick in eine von Hierarchien befreite Kunstwelt, in der nicht nur alles mit allem zusammenhängt (was man schon wusste), sondern auch alles gleichwertig ist (was dem Prinzip des Museums als Sortieranstalt mit Qualitätskontrolle radikal widerspricht). Ich weiß noch nicht, ob mir diese radikaldemokratische Vision gefällt: Ordnung schaffen soll das Museum, Traditionen begründen. Aber auch Neues entdecken und Altes hinterfragen. Es muss Bollwerk sein und Avantgarde.

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Barnett Newman: "Who's Afraid of Red, Yellow and Blue IV", 1969-70, in der Ausstellung »Hello World!«

Der Mut, mit dem Direktor Udo Kittelmann jetzt auf die Ankertaue seines großen Dampfers eindrischt und an Deck bei Mannschaft und Passagieren Verwirrung stiftet, ist ehrlich zu bewundern. Ob der Motor anspringt, wohin die Reise geht, kann eigentlich keiner wissen. Aber es ist ja nur ein Aufbruch: 2020 soll die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe wiedereröffnet werden, der Tempel der Avantgarde schlechthin. Bis man dann dort den Altar frisch zu bestücken hat, ist noch etwas Zeit, die Götter und Heldenwelt global neu zu sortieren. Oder aber den Himmel leer zu fegen, das wäre schade.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de