Editorial Gruppendynamik in Kassel

Gruppendynamik in Kassel

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ende Februar präsentierte in Kassel ein rundum glückliches und zufriedenes Podium der Weltöffentlichkeit das indonesische Künstlerkollektiv ruangrupa als neue documenta-Leitung. Man könnte sich vielleicht über die Auswahl wundern, nicht aber über die naheliegende Entscheidung, es nun einmal mit dem konsequent gemeinschaftlichen Prinzip zu versuchen. Der Trend weg vom solistisch-genialen Ausstellungsautor hin zum Team hatte sich auf der documenta schon länger abgezeichnet, freilich in an- und abschwellenden Wellen: Okwui Enwezor trat 2002 mit sechs Co-Kuratoren an; Roger M. Buergel 2007 nur zusammen mit seiner Frau Ruth Noack; 2012 holte sich Carolyn Christov-Bakargiev Chus Martínez als Leiterin von gleich 18 weiteren »kuratorischen Agenten« an die Seite, hielt aber stets die Fäden bis hin zum kleinsten Detail fest in der Hand; 2017 arbeitete Adam Szymczyk mit mutmaßlich neun Kuratoren im engeren Sinn in einem größeren Leitungsteam – aber mit diffusen Hierarchien, ungeklärten Kompetenzen und diversen Profilierungsbestrebungen um ihn als düster orakelnden Oberpriester herum.

Gruppendynamik in Kassel

Mit ruangrupa gibt es erstmals eine kollektive Leitung in Kassel

Ich meine, hier laufen zwei unterschiedliche Tendenzen gegeneinander, die sich im Welterklär-/Weltverbesserungsanspruch der documenta fast per definitionem kreuzen, weil hier Kunst und Politik zusammen verhandelt werden. Das Kunstsystem ist seit Jahrhunderten konsequent auf Selektion und Hierarche ausgelegt. Der romantische Kult um das Genie hat schon aus Vermarktungsgründen und Verehrungssehnsüchten hier nie seine Verführungskraft verloren. Deshalb braucht das Ich, ob Künstler oder Kurator, viel Raum, um sich zu zeigen. Im Diskurs um die postkolonial zerrissene Welt da draußen aber hat sich der Wind längst gedreht: Es geht um gleichberechtigte Teilhabe, Diversität, Inklusion – letztlich um das Einlösen des riesengroßen Versprechens der Moderne: Gerechtigkeit für alle. Und darin war die Kunst nie besonders stark. Jede documenta wird diesen Widerspruch in sich tragen und neu verhandeln müssen.  D13-Chefin CCB ist es geglückt, D14-Chef Szymczyk ist daran gescheitert – an der schieren Größe ihrer Teams lag es ganz gewiss nicht. Ich bin erwartungsfroh, wie und ob das D15-Leitungskollektiv ruangrupa es 2022 wuppt!

Ihr Tim Sommer

chefredaktion@art-magazin.de

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