Editorial Fiktiver Rundgang durch das reale Berliner Labyrinth

Fiktiver Rundgang durch das reale Berliner Labyrinth

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

stellen Sie sich vor, Sie seien ein, sagen wir, japanischer Kunstliebhaber und planen eine Europareise. Sie scannen zu einem beliebigen Zeitpunkt das Ausstellungsprogramm in den großen Museen von London, Paris, Berlin. Jede Wette: Sie würden sich nie für Berlin entscheiden. Stellen Sie sich vor, Sie wären wegen der wunderbaren Sammlungen doch nach Berlin gefahren, zum allerersten Mal. Und dann stünden Sie im Lustgarten mit Blick auf lauter alte Museen. Eines heißt auch Altes Museum und eines Alte Nationalgalerie, eines aber Neues Museum. Und das ist erst der Beginn der Verwirrung.

Wo würden Sie wohl die Nofretete suchen? Im Pergamonmuseum, das so schön nach Altertum heißt, im Bode-Museum, das die Skulpturensammlung beherbergt, im Alten Museum bei der Antikensammlung oder im Neuen Museum (hier ist sie), wo aber weite Säle der Vor- und Frühgeschichte des Nordens gewidmet sind. Am besten schauen Sie sich alles an – und wundern sich nicht, dass Sie ausgerechnet auf der Museumsinsel kaum Gemälden begegnen. Die sind nämlich U-Bahn-Stationen entfernt am Kulturforum geblieben, wo das alte Westberlin mal seine Gemäldegalerie geplant hat, die dann wider besseres Wissen hier und nicht im wiedervereinigten Zentrum gebaut wurde. Vielleicht erkundigen Sie sich, ob die Bilder jetzt in dem nagelneuen Stadtschloss unterkommen. Aber nein, dort wird man die ethnografischen Sammlungen zeigen, während am Kulturforum ein Museum der Moderne entsteht, das mit dem Hamburger Bahnhof um den Anschluss an die Gegenwart konkurriert.

Fiktiver Rundgang durch das reale Berliner Labyrinth

Die Berliner Museen sind seit fast 30 Jahren eine Wanderbaustelle, oft heißt der Architekt David Chipperfield: Das Neue Museum (links) ist bereits fertig, die James-Simon-Galerie (rechts) wird demnächst auf der Museumsinsel eröffnet.

Das ist gemein angesichts der Berliner Schwierigkeiten. Aber es zeigt die Krux der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die trotz immenser Investitionen und Anstrengungen die historisch einmalige Chance versemmelt hat, sich in den bald 30 Jahren seit der Wiedervereinigung sinnvoll neu zu strukturieren und endlich auf Augenhöhe mit anderen europäischen Metropolen in die aktuellen Diskurse einzugreifen. Woran das liegt? In unserem großen Report ab Seite 36 finden Sie darauf gleich eine ganze Reihe von Antworten – eine einfache ist nicht dabei.

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de

PS: Ab Seite 146 finden Sie im PLUS die Höhepunkte der Auktionssaison – und einen Report über das umstrittene Geschäft mit Tribal Art, wo gesicherte Provenienz heute alles ist.