Editorial Ein Kurator, der die Welt größer machte

Ein Kurator, der die Welt größer machte

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

am 15. März ist Okwui Enwezor gestorben. Er ist nur 55 Jahre alt geworden, und doch hat er die Weltkarte der Kunst so sehr verändert wie kein Kurator vor ihm. Jeder Ausstellungsmacher, der im oder am selbstgenügsamen Kunstbetrieb manchmal verzweifelt, kann an seinem Beispiel lernen, dass sich gesellschaftliche Relevanz und Bedeutung tatsächlich erzeugen lässt: Er, der Biafra-Flüchtling vom Volk der Igbo, hat dem Westen beigebracht, Afrika ernst zu nehmen. Er tat es mit Strenge und Intellektualität, mit Witz und Eleganz. Als er 1998 zum Leiter der documenta 11 berufen wurde, war er gerade 35 Jahre alt. Und er schaffte es, parallel zur Mammutausstellung in Kassel noch »The Short Century« für die Münchner Villa Stuck zu kuratieren, eine Ausstellung über Befreiungsbewegungen in Afrika. Nach seiner documenta war die Kunstwelt größer und reicher, aber auch anstrengender und komplizierter geworden, nicht, weil auch Künstler aus anderen Erdteilen dabei waren (das war auch vorher so gewesen) – sondern, weil er den Focus unwiderruflich verschoben hat: Es zählt seitdem nicht nur der Blick vom Westen in die Welt, sondern es treffen viele Sichtweisen aufeinander. Und zwar auf Augenhöhe.

Ein Kurator, der die Welt größer machte

Mit Intellektualität, Strenge, Witz und Eleganz: Okwui Enwezor 2015 vor dem Zentralen Pavillon seiner Biennale in Venedig

Seine grandiose Biennale-Ausstellung vor vier Jahren hieß »All the World’s Futures« – und dieser unmögliche Plural der »Zukünfte« sagt viel über die enwezorsche Multiperspektivität. Sie mixte noch einmal souverän die Kunst der Kontinente und Altersklassen miteinander, fiel aber düster aus. Lag es an dem Wissen um seine Krankheit oder seinem Wissen um die Welt? Wer eine leichte, schwebende Enwezor-Schau sehen will, dem sei die El-Anatsui-Retrospektive (siehe Bericht auf Seite 82) empfohlen, die nun zu seinem Abschied wird. Vielleicht zeigt sie der Münchner Kulturpolitik, was sie mit dem großen Kurator Okwui Enwezor als Direktor im Haus der Kunst hätte erreichen können, wenn sie ihm ausreichend Unterstützung und Rückhalt gegeben hätte.

Wie Ralph Rugoff seine Weltinterpretation für Venedig angeht, erfahren Sie im Interview mit dem aktuellen Biennale-Chef ab Seite 64, unsere Vorschau füllt fast das gesamte Heft. Wie gelungen wir das Ganze finden? Das aktuelle Sonderheft mit Bildern und Berichten vom Kunstereignis des Jahres geht schon am 29. Mai direkt von der Druckerei an unsere Abonnenten – und ist wenige Tage später auch am Kiosk erhältlich.

Ihr Tim Sommer

chefredaktion@art-magazin.de

PS: So anziehend war Kunst ganz selten: Unsere artShirt-Edition zum Jubiläum ist ab sofort in unserem Shop erhältlich. Großen Dank an die beteiligten Künstler!