Editorial Drei Zauberlehrlinge in der Sinnkrise

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie mehr nachgedacht als sonst in diesen gleichzeitig konzentrierten und gedehnten Tagen mit gebremster Kommunikation und gedrosselter Schlagzahl? Auch der Kunstbetrieb hängt gerade in einer merkwürdigen Schwebe zwischen Besorgnis und Besinnlichkeit, zwischen dem »Ich will mein altes Leben zurück« und »Jetzt muss alles anders werden«

Ich glaube, wir bringen in unserem Juniheft, ein wichtiges Dokument dieser Zeit des Grübelns im Angesicht der Katastrophe: Unsere USA-Korrespondentin Claudia Bodin hat für ART zwei sonst extrem hochtourige Gestalten der New Yorker Szene, Pace-Galerist Marc Glimcher und Elizabeth Dee, Gründerin der Independent Art Fair, mit dem Berliner Turbogaleristen Johann König zum transatlantischen Krisen-Videochat zusammengebracht. Drei, die von der Überholspur des Jetset-Kunsthandels direkt auf den Standstreifen gewechselt sind. Dee konnte ihre Messe im März gerade noch durchziehen und fragt sich jetzt, ob es je eine weitere geben wird. Glimcher hat seine Wochen im Covid-19-Krankenbett genutzt, um sein Geschäftsmodell als etablierter Großgalerist mit 93 Künstlern, 30 Händlern und Dutzenden Messeteilnahmen rund um den Globus zu hinterfragen. Johann König, der die Berliner Szene seit ein paar Jahren mit innovativen Modellen vor sich hertreibt, versucht, das Beste aus dem Lockdown zu machen, indem er aus seiner Kreuzberger Kunstkirche St. Agnes digital auf allen Kanälen funkt.

Drei Zauberlehrlinge in der Sinnkrise

Treffen im Splitscreen: Die Galeristen Marc Glimcher, Johann König und Elizabeth Dee unterhielten sich per Videokonferenz, ART-Korrespondentin Claudia Bodin (unten rechts) moderierte

Lesen Sie den Austausch von seltener Offenheit und Ehrlichkeit im aktuellen Heft, ich habe dabei viel gelernt. Vor allem fördert er zutage, dass die Skepsis dem hyperventilierenden Zustand des Kunstmarkts gegenüber schon vor der Krise an allen Beteiligten genagt haben muss – ebenso wie der Rollenkonflikt zwischen Galerist und Anlageberater in diesem »Geschäft der Magie« (Zauberlehrling Glimcher).
 
Und weil ich ahne, dass sich vieles anders liest, wenn erst die Macht des Faktischen wieder mit Wucht die Agenda der Krisenphilosophen vollschreibt, habe ich mir vorgenommen, dass wir die drei in ein paar Jahren wieder miteinander sprechen lassen. Dann wird sich zeigen, ob aus dem Shutdown auch eine Einkehr geworden ist.

Ihr Tim Sommer

PS: Außerdem im aktuellen Heft, das sie hier versandkostenfrei bestellen können: Ein Porträt der niederländischen Fotokünstlerin Elspeth Diederix, die im Tauchanzug unter der Meeresoberfläche nach Stillleben sucht. Ein Porträt des rebellischen Hallenser Malers Wasja Götze, der zu DDR-Zeiten die sozialistische Pop Art erfand. Die irre Geschichte der deutschen Galeristin Susanne Vielmetter, die sich mit einem feministischen Programm in L.A. an die Spitze kämpfte. Und aus aktuellem Anlass (siehe oben): Eine bunte, krachende Revue von Weltuntergangsbildern aus der Kunstgeschichte seit Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d.Ä..

Drei Zauberlehrlinge in der Sinnkrise

Cover der Juni-Ausgabe von ART