Editorial Die smarten Spielverderber von Margate

Die smarten Spielverderber von Margate

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

als der große Coup gelungen war, offenbarten sich die vier Verschwörer Helen Cammock, Oscar Murillo, Tai Shani und Lawrence Abu Hamdan dem »Guardian«: Es sei ein »considered hijack« gewesen, sagte Cammock der Reporterin, eine »wohlüberlegte Geiselnahme« also.

Die Nominierten zum Turner-Preis 2019, der am 3. Dezember verliehen wurde, hatten der Jury vorgeschlagen, sie nicht als Konkurrenten, sondern als Kollektiv zu betrachten. Keiner will sich erinnern können, wer die Idee zum Streik der Gladiatoren bei diesen glanzvollsten Kunstkampfspielen der Neuzeit zuerst äußerte. Aber sie mag gleich in der Luft gelegen haben, als sich die vier dezidiert politischen Künstler in diesem krisengeschüttelten Sommer im Museum des englischen Bades Margate zum ersten Mal trafen: Abu Hamdan, der die Hölle eines syrischen Foltergefängnisses aus den Erinnerungen Inhaftierter rekonstruiert. Shani, die sich eine Welt jenseits des Patriarchats erträumt. Murillo (siehe art 11/2019), der den Sklaven der Globalisierung ein Denkmal setzt. Cammock, die einen Film über die Rolle der Frauen im Nordirland-Konflikt macht.

Man muss sich vorstellen, wie sich diese Künstler hier am Ort ihres Ruhms in einem Konferenzraum mit Seeblick zum ersten Mal treffen, sich taxieren, ihre Chancen abwägen, dann zum Reden über die Welt und ihre Arbeit kommen – und dabei merken, dass hier etwas grundsätzlich schief liegt: Sie alle beschwören in ihrer Kunst das Mitgefühl und sollen in ihrem Leben gegeneinander antreten? Wäre das nicht Verrat an der eigenen Arbeit, den eigenen Ideen, wie Murillo fragt

Die smarten Spielverderber von Margate

Arm in Arm zum Turner-Preis: Oscar Murillo, Helen Cammock, Tai Shani und Lawrence Abu Hamdan verweigern den Wettbewerb

Sie formulieren einen Brief, der durch die Instanzen der veranstaltenden Tate Gallery läuft. Sie bitten darin, den Preis als Statement der »Gemeinsamkeit, Vielfalt und Solidarität in einer Zeit der politischen Krise« unter ihnen allen zu teilen. Was blieb der Jury letztlich für eine Wahl, als sich der wohlerwogenen Künstlerverschwisterung gegen »die Erneuerung des Faschismus« anzuschließen? Brausender Jubel im Saal! »Wir sind Teil der Gesellschaft«, sagt Helen Cammock. Und das heißt wohl: Sie sind den gleichen Gesetzen unterworfen – und ihre Aufgabe als Künstler ist es, diese schlau zu unterwandern, um Gegenbilder zu schaffen. Im neuen Jahr wird guter Rat teuer sein, die gute alte kapitalistische Konkurrenz beim Turner-Preis wieder einzuführen. Doch es wird auf jeden Fall gelingen.

Ihr Tim Sommer

chefredaktion@art-magazin.de

PS: Wie Künstler auch an anderer Stelle gegen alte Hierarchien anrennen, erzählt Till Brieglebs Essay über neue Monumente in Stadtraum und Museum in unserer Februar-Ausgabe ab Seite 60