Editorial Das Vermächtnis des Bauhauses:
 viel mehr als rechte Winkel

Das Vermächtnis des Bauhauses:
 viel mehr als rechte Winkel

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

man kann es auch so sehen: Das Bauhaus liegt wie ein Fluch auf diesem Land. Ein Fluch, unter dem sich alles zu Klötzchen und Klötzen formt, der jede Kurve mit dem Zirkel ziehen lässt, der jeden Schmuck verbannt und immer nur in Formeln spricht. Geradlinigkeit kann eine Tugend sein, bei den deutschen Architekten und Designern ist sie bis heute oft eine fixe Idee, die Rationalität zum Fetisch macht und jede Poesie an Bau und Produkt mit einem Tabu belegt.

Das Vermächtnis des Bauhauses:
 viel mehr als rechte Winkel

Ort der reinen Lehre: Bauhaus-Gebäude in Dessau, die 1925/26 nach Plänen von Gropius gebaut wurden

Mir erscheint das als ein verhängnisvolles Missverständnis. Nur 14 Jahre, von seiner Erfindung 1919 durch Walter Gropius bis zur Zerschlagung durch die Nazis 1933, gab es diese Schule der Moderne. In dieser Zeit war sie Avantgarde, ihr Ruf war weit größer als ihre Wirkung. Erst als nach Kriegsende ein paar ihrer Ideen als International Style zurückkamen, hatten sie eine Macht gewonnen, die ebenso produktiv wie zerstörerisch war. Jetzt, 100 Jahre nach der Gründung, wird es Zeit, das Bauhaus neu zu entdecken: als das, was es in erster Linie war, eine Denkfabrik, die nach Antworten auf die drängendsten Fragen ihrer Zeit suchte. Als eine Gemeinschaft der Gegensätze, die sich als generationenübergreifendes Projekt verstand, eben als Schule im besten Sinne. Als dynamische Organisation, die sich rasend wandelte und dabei an den Problemen wuchs, die sie aufgriff und von denen sie angegriffen wurde. Und die dabei Menschen formte, die ein Leben lang von diesen zündend inspirierenden Jahren in Weimar, Dessau und Berlin zehrten. Das Vermächtnis des Bauhauses sind eben gerade nicht die Dogmen der simpelsten und billigsten Lösung, sondern eine Atmosphäre der problembewussten Kreativität, die wir gerade heute wieder brauchen.

Wir beginnen in diesem Heft mit unserer großen Jubiläumsserie, die Ihnen in neun Folgen Geschichten über und rund um das Bauhaus erzählt, die sie garantiert noch nicht kennen. Zum Jahreswechsel folgt dann unser großes Sonderheft zum Thema, dass Sie an die Orte des Geschehens führt und die Wirkungslinien nachzeichnet, die von Deutschlands wichtigster Erfindung der Moderne ausgingen und uns bis heute prägen – mit der Knute des rechten Winkels und hoffentlich auch im Sinne der gemeinschaftlichen Neugier!

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de