Editorial Das Comeback der »Bunten Götter«

Das Comeback der »Bunten Götter«

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich gestehe, dass ich ganz froh über die Umbaupause in der Schirn-Kunsthalle war, als ich Ende Januar auf Durchreise für ein paar Stunden in der deutschen Ausstellungshauptstadt Frankfurt/M. stoppte. Wie wäre das sonst alles zu schaffen gewesen? Susanne Pfeffers radikal-minimalistische Schau »MUSEUM« im MMK wollte ich sehen. Grandios und leer. Und »Making van Gogh« von Alexander Eiling und Felix Krämer im Städel. Auch grandios, aber rappelvoll. Und schließlich Vinzenz Brinkmanns »Bunte Götter«, die als sogenannte »Golden Edition« ins Liebieghaus zurückkehrten.

Vermutlich haben Sie, wie drei Millionen andere auch, die große Schau zur Farbigkeit der antiken Skulptur schon irgendwo gesehen, wenn nicht in München, Berlin oder Wien, dann vielleicht ja in Rom, Athen, Malibu oder Mexiko-Stadt. Seit mehr als 15 Jahren tourt die Ausstellung durch die Welt, verstört und fasziniert die Verehrer strahlend weißer Altertümer mit sonnenförmigen Brustwarzentattoos bei einem archaischen Kouros, Göttinnen mit bunten Walla-Walla-Kleidern oder hautengen Kampfanzügen im Missoni-Stil, getragen von barbarischen Bogenschützen.

Das Comeback der »Bunten Götter«

Perfekte Schau: Die Neuauflage der »Bunten Götter« im Frankfurter Liebieghaus verbindet Klassiker mit neuen Rekonstruktionen wie die elegante »Kleine Herkulanerin« in ihrem zarten, grünen Manteltuch

 

Die Schau hat mich bei ihrer Rückkehr tief beeindruckt, weil Vinzenz Brinkmann mustergültig zeigt, wie aufregend und nachhaltig kunsthistorische Forschung sein kann – und wie man ein scheinbar so abgelegenes Spezialistenthema mitreißend und breit verständlich vermitteln kann. Brinkmann (siehe Interview auf Seite 136) nimmt seine Besucher mit auf das Abenteuer seines Lebens, er scheut sich nicht, dabei auch mal ins Risiko zu gehen. Er entwickelt seine Thesen über die Jahrzehnte immer weiter, ohne sie je trocken auszuwalzen, nimmt historische Hintergründe auf, nutzt heute statt schnöder Abgüsse längst 3-D-Scanner und -Drucker für seine verblüffenden Rekonstruktionen. Und er inszeniert sie so gut und erklärt sie so einleuchtend, dass man die weitgehende Abwesenheit der kostbaren Originale kaum je vermisst.

Kurzum: Wenn Sie demnächst in Frankfurt sind, verpassen Sie keinesfalls diese Schau (läuft bis 30. August). Jeder kann hier staunend etwas lernen – und Ausstellungsmacher vielleicht sogar am meisten. Nämlich, wie man die eigene Begeisterung auf das Publikum überträgt.

Ihr Tim Sommer

chefredaktion@art-magazin.de

PS: Meine Lieblingsgeschichte in der aktuellen Ausgabe? Barbara Heins Erkundung über die erstaunliche Liebe zum Kaktus in den zwanziger Jahren. Wirklich, überhaupt kein trockener Stoff!

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