Editorial Chipperfields Spree-Athen 2.0

Chipperfields Spree-Athen 2.0

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gilt vom schönsten Gebäude zu schwärmen, das im wiedervereinten Berlin entstanden ist. David Chipperfields neue James-Simon-Galerie ist ein Geniestreich, große, beglückende Baukunst, wo man sie eigentlich zuletzt erwartet hätte.

Von der Funktion her war ja eher eine Art Bahnhofshalle für die Museumsinsel verlangt: Sammelpunkt für Reisegruppen, Ticketschalter, Infotresen, Schließfächer, Toiletten, Buchladen, Imbiss, Zugang zu den Bahnsteigen, die hier die einzelnen Sammlungen sind, die nacheinander über- oder unterirdisch an das Empfangsgebäude angebunden werden sollen. Zusätzlich sollten noch ein Vortragssaal und eine Sonderausstellungsfläche unterkommen. Eine lange »Einkaufsliste«, die der britische Hausarchitekt der Staatlichen Museen zu Berlin abarbeiten musste, zusätzlich zu den Denkmalschutzforderungen an der hochsensiblen Kupfergraben-Flanke der Kunstinsel und einem sehr berechtigten Disput um seinen blass-banalen Glas-und-Stahlkiste-Urentwurf.

Chipperfields Spree-Athen 2.0

Klassisch und rasend modern zugleich: David Chipperfields neue James-Simon-Galerie

Bauzeit und Kosten haben sich verdoppelt, aber ganz offenkundig wurde beides hier gut investiert. Chipperfield und seinem Chefentwerfer Alexander Schwarz ist es geglückt, ein erhebendes Haus zu bauen, das aus seiner schnöden Funktion festliche Freiheit gewinnt, das sich wunderbar einfügt in das historische Ensemble, ohne sich klein zu machen, das rasend modern ist und zugleich ganz klassisch und zeitlos erscheint. Protz und Glamour braucht ein Gebäude gar nicht, dass so meisterlich mit Proportionen spielt und so klug die guten Materialien sprechen lässt. Burg und Tempel war die Akropolis, und beide Motive klingen auch hier im neuen Spree-Athen pathetisch kraftvoll und feierlich leicht zusammen. Wer auf dem wehrhaften Vorsprung links über der Freitreppe steht (der ja eigentlich nur einen Fahrstuhl kaschiert) kann im Rundblick erfassen, was hier geglückt ist. Durch die schlanken, hohen Pfeilerkolonnaden aus rauem, mattglitzernden, weil mit Marmor versetzten Beton sieht man auch hinterm Lustgarten das Potemkin-Schloss liegen, als Mahnmal der Fantasielosigkeit. Und Schlossarchitekt Franco Stella mag vice versa sehen, wie Moderne geht, wenn sie nicht dumpfbackig und quadratschädelig daherkommt – sondern kultiviert und feinsinnig wie beim großen Kollegen Chipperfield.

Ihr Tim Sommer

chefredaktion@art-magazin.de

PS: Apropos Hauptstadt: Die Favoriten für den Titel unserer August-Ausgabe waren eigentlich die große Kolumbien-Reportage und die Analyse zur Performance-Kunst. Der Berliner Maler Peter Herrmann hat gewonnen – wir konnten nicht widerstehen!