Editorial Angela Merkel und Helmut Schmidts letzte Rache

Angela Merkel und Helmut Schmidts letzte Rache

Tim Sommer, Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

Helmut Schmidt wird ja nachgesagt, dass er ziemlich viel von sich selber hielt, nicht viel jedoch von seinem Nachfolger Helmut Kohl. 1976 erfand er schlau die Galerie seiner Vorgänger im Bonner Bundeskanzleramt als Abfolge allesamt mittelmäßiger Porträts. Dann ließ er sich Zeit. Im Sommer 1986, vier Jahre nach seiner Ablösung, saß er in Leipzig dem Maler Bernhard Heisig Modell, was gleich ein doppelter Coup war: Es entstand das erste gute Bild im Ahnensaal der Bundeskanzler – und außerdem gelang ein viel beachteter deutsch-deutscher Brückenschlag. Man darf annehmen, dass Schmidt wusste, wie schwer das für den anderen Helmut zu toppen sei. Und siehe: Ex-Kanzler Kohl buchte den Heisig-Schüler Albrecht Gehse, der fürchterlich versagte. Gerhard Schröder beauftragte seinen Künstlerfreund Jörg Immendorff, der sich mit einer gemalten Gedenkmünze ironisch aus der Affäre zog.

Ob Angela Merkel sich im Klaren über den Ernst der Lage an der Kunstfront ist, wenn sie in den Dämmerstunden ihrer Kanzlerschaft so durch das Amtsgebäude streift? Eine letzte große Aufgabe gilt es zu lösen: Wer prägt mein Bild für die Ewigkeit? Kniffelig, denn: Das repräsentative Porträt hat zwar eine große, wundervolle Geschichte – aber schon mangels Nachfrage keine Gegenwart. Einen klassischen Meister wie Bernard Heisig, der überhaupt noch das Handwerk besäße, psychologische Ergründung, mit der nötigen Grandezza gepaart, mit Anstand auf die Leinwand zu bringen, findet man heute nicht mehr.

Angela Merkel und Helmut Schmidts letzte Rache

Angela Merkel und Gerhard Schröder vor der "Ahnengalerie" im Berliner Kanzleramt

Wir haben en passant bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters nachgefragt, wen sie der Chefin empfehlen würde, wenn es soweit kommt. Sie  brachte die Berlinerin Cornelia Schleime ins Spiel, vermutlich hatte sie über die Sache schon  vorsorglich nachgedacht. Ich finde ihren Vorschlag fast zu gut. Eine erste Künstlerin für die erste Kanzlerin der Geschichte: perfekt. Dazu beide aus dem Osten, fast vom gleichen Jahrgang – und malen kann sie zweifellos. Einen Alternativvorschlag hätte ich noch, falls Schleime absagt: Wie wäre es mit dem Hamburger Sperrmüll-Velázquez Thorsten Brinkmann? Der könnte aus Angela Merkel eine wirkliche Jeanne d’Arc der Mitte machen!

Ihr Tim Sommer
chefredaktion@art-magazin.de

PS: Klar, als ART-Leser kennen Sie sich in der  Kunst bestens aus. Im Heft ab Seite 85 können Sie es sich jetzt sogar beweisen – mit unserem neuen Weihnachtsrätsel. Viel Spaß dabei!