Off-Spaces: Grimmuseum - Berlin

Der Off-Space Grimmuseum in Berlin

Regelmäßig präsentiert art die angesagtesten alternativen Kunstorte Deutschlands. Diesmal: Das Grimmusem
Trainingslager der Subkultur:Der Off-Space Grimmuseum in Berlin

Das Grim-Team (von oben links nach rechts): Andrea Nicolo, Enrico Centonze, Despina Stokou, zweite Reihe: Francesco Cavaliere, Marcel Türkowsky und Laura Gianetti

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Bei den meisten Ausstellungen ist auch der Gehweg vor dem Grimmuseum voll, zum Glück mögen uns unsere Nachbarn auch. Beim Projekt "Curators Battle" begann das Ganze einem Straßen-Aufruhr zu gleichen, also kam die Polizei.

Sie waren sehr überrascht zu hören, dass es nur um eine Galerie ging und es bald vorbei sein würde. Wir mussten dann sogar das Werk von Timur Si Quin (Anm. d. Red.: Zwei Sicherheitsmänner waren Teil einer Performance des Künstlers) benutzen, zwei engagierte Sicherheitsmänner, um die Leute bis 23 Uhr in die Galerie zu bekommen. Warum diese Ausstellung so erfolgreich war, ist ziemlich offensichtlich, das Konzept spielt ja mit genau dieser Idee vom Pop-Spektakel – zwei Gegner, in diesem Fall zwei Kuratoren, "treten gegeneinander an", das Publikum entscheidet, wer der "Gewinner" ist. Das wirklich Spannende daran war, dass es auch nie so viele Besucher gab, die sich die Ausstellungen wirklich angesehen haben und die Ausstellungstexte wirklich gelesen haben. Sie wurden ja um ihre Stimme gebeten, da bekommt man auf ein Mal ein ganz neues Gefühl von Verantwortung, das passiert leider eher selten in der Kunst.

Und der größte Misserfolg?

Es waren zwei ziemlich erfolgreiche Jahre bis jetzt! Und was würde Misserfolg überhaupt heißen...?

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielte?

Geld spielt nicht wirklich eine Rolle, meiner Meinung nach. Das Grimmuseum ist einen langen Weg gegangen, von den ersten Ausstellungen – nur Gruppenausstellungen in fast wöchentlichem Rhythmus, wo die Künstler ihre Werke selber transportiert haben und die Kataloge vorfinanziert werden mussten – bis heute. Im November hatten wir die sechswöchige, auf musealen Niveau organisierte Ausstellung "Never Odd or Even", kuratiert von Solvej Ovesen, die jetzt am 13. Januar auch im Museum für zeitgenössische Kunst im dänischen Roskilde eröffnet. Ein sehr spannender Weg, auf dem ich nie das Gefühl hatte, "hätten wir jetzt mehr oder weniger Geld, würden wir das und das anders machen". Im Grimmuseum, und vielleicht generell in Projekträumen geht es nicht um Geld, es geht um Ideen. Zumindest in den ersten Jahren. Wenn man kein Geld hat, keine Kontakte, muss man einfach bessere Ideen haben.

Ihre Philosophie beziehungsweise ihr Konzept in einem Satz?

Die Macht (zurück) an den Künstler! (Um es ganz kriegerisch auszudrücken).

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Vor Beginn haben wir ziemlich viel mit Enrico Centonze, dem Gründer und Leiter des Grimmuseums, darüber gesprochen – was wir mit diesem Projekt erreichen wollen und wie. Das Team hat sehr unterschiedliche Hintergründe, aber das gemeinsame Ziel war genau das: die existierenden Verhältnisse und Normen zu hinterfragen und die Künstlerposition wieder in den Vordergrund zu bringen. Das Grimmuseum ist kein normaler Projektraum, das war von Anfang an klar, allein wegen den Räumlichkeiten, der Infrastruktur und der Gruppe von Leuten, die darin involviert sind. Ziel war es, nachhaltige Strukturen zu entwickeln, den Künstlern und von Künstlern geführten Räumen die Möglichkeit geben, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, weitere Netzwerke zu bilden. So gründete ich beispielsweise Pigs , ein PR-Netzwerk für Off-Spaces in Berlin.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Das Grimmuseum veranstaltet vier verschiedene Programme, die von einem Team aus fünf Künstlern und vielen Gästen kuratiert werden. Dementsprechend variieren die Themen, die Ausstellungen und die Kriterien. Die Gemeinsamkeit ist wieder, dass das ganze Team des Grimmuseums aus Künstlern besteht, die das parallel zu ihrer Arbeit machen, und die meisten Gastkuratoren sind ebenfalls Künstler. Die "Extension Series", Performance-Kunst wird von Andrés Galeano kuratiert. "Whistle Minotaure!", Klang-Kunst, wird von Marcel Türkowsky und Francesco Cavaliere kuratiert. Und die "Grim Projects" und Grim Solo- und Gruppenausstellungen werden von Stokou, Centonze, Margani und Gästen veranstaltet.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Enrico Centonze ist eigentlich nur zufällig auf die Räumlichkeiten in der der Fichte Straße Nr. 2 gestoßen, als er sich eine Wohnung im zweiten Stock des Gebäudes anguckte. Er hat den leeren Museumsraum (das war zwischen den Jahren 2000 und 2007 das Luise Grimm Museum) im vorderen Teil gesehen und fragte nach. Vielleicht hatte er die Idee schon im Kopf, bevor der Makler antwortete: "ein Museum ..."

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Ich glaube die einzige Grenze ist eine zeitliche. Nach vier bis fünf Jahren findet eine Institutionalisierung oder Kommerzialisierung statt. Man zieht weiter.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Wir wären wahrscheinlich keine gute Rock-Band, also ist es besser, dass wir keine sind.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Persönlich würde ich gerne eine documenta kuratieren, über die anderen weiß ich es nicht.

Die Fragen beantwortete Despina Stokou vom Grimmuseum

Grimmuseum

Adresse: Fichte Str. 2, 10967 Berlin

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 14-19 Uhr

Aktuelle Ausstellung:

bis 12. Januar 2012, Javier Perés One of ours

Performance:

Freitag, 20. Januar, 20 und 21 Uhr, A Cold War Romance & A Space Dog Odyssey: The Prequel von Honey Biba Beckerlee und Mathias Kryger

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 2010

Leitung: Enrico Centonze

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Andrés Galeano, Marcel Türkowsky, Francesco Cavaliere, Despina Stokou (Kuratoren); Andrea Nicolo/ Design, Laura Gianetti/ Fotos, Weronika Trojańska/ blog, Mario Margani, Felisa Funes, Barbara Cueto

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: Ich glaube, der einzige der am Ende nicht bezahlt wird, ist Enrico selber.

Ausstellungsfläche: zwei Räume, einer 150 qm und der andere 80 qm

Altersdurchschnitt der Besucher: 25-35 Jahre

Jahresbudget: ?
http://grimmuseum.com/
info@grimmuseum.com