Off-Spaces - Praline

Off-Spaces: die Praline in Leipzig

Jede Woche präsentiert art alternative Kunstorte in Deutschland. Diesmal: die Praline in Leipzig.
Trainingslager der Subkultur:Off-Spaces: die Praline in Leipzig

Sabine Fischer: "leuchtrekl#3", 2009, Installation

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Marike Schreiber: Die Praline liegt an einer stark frequentierten Straße, das heißt, meistens sind die Ausstellungen so gut besucht wie die Lützner Straße.

Katharina Merten: Eine kritische Auseinandersetzung mit den gezeigten Arbeiten findet eher selten statt. Wir machen ja auch fast nie eine Vernissage, zu der sich ein Publikum versammeln könnte. Viele Arbeiten funktionieren als Installation im oder am Raum, der also am ehesten so etwas wie ein großer Leuchtkasten ist. Zum Kunstraumtag, den wir
zusammen mit neun weiteren Räumen aus dem Stadtteil veranstalten, ist dann aber plötzlich ein viel größeres, interessiertes Publikum da. Als Netzwerk bekommt man viel mehr Aufmerksamkeit.

Und der größte Misserfolg?

Katharina Merten: Am unzufriedensten war ich meist mit den Ausstellungen meiner eigenen
Arbeiten.

Marike Schreiber: Da stimme ich zu.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Katharina Merten: Geld bekommt man eigentlich immer irgendwo her, wenn man sich anstrengt.

Marike Schreiber: Vergolden, Sauna, Dinosaurier, Oktoberfest.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Katharina Merten: Wir sind ein getrennt lebendes Paar und kümmern uns meist abwechselnd um unser Kind.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Katharina Merten: Ich führe gern so ein Interview. Solang sich die administratorischen Aufgaben in Grenzen halten, sind sie eine nette Abwechslung vom beziehungsweise Ergänzung zum Kunststudium und bringen nützliche und interessante Kontakte. Außerdem gehört die Präsentation genauso zu einer künsterlischen Arbeit wie die Produktion. Wir nutzen den Raum auch immer wieder, um unsere eigenen Arbeiten dort auszuprobieren.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Katharina Merten: Meistens sind die Künstler Bekannte und Freunde von der Hochschule, die auf uns zukommen oder umgekehrt. Die Arbeit muss nicht meinem Geschmack entsprechen oder meine Meinung wiedergeben. Am meisten Spaß macht es, radikale Positionen zu zeigen. Wer den ungewöhnlichen Raum nicht mitdenkt, kann keine gute Ausstellung bei uns machen.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Katharina Merten: Eine Nacht stand mal ein Polizeiwagen vor der Hütte, als ich kam um eine Videoprojektion, die auf dem Schaufenster lief, auszuschalten. Der Polizist wollte wissen, wie ich den großen Fernseher da hineinbekommen hatte.

Marike Schreiber: Beim Aufräumen wurde ich von einem Herrn gefragt, ob er das kleine Häuschen nicht mieten könne, um darin Jeans-Moden zu verkaufen.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Katharina Merten: Dort wo sie beginnt. An keinen Geldgeber gebunden zu sein heißt, dass eben niemand Geld gibt. Der Raum lebt von Fördereinnahmen, uns wohlgesonnen Vermietern und Leuten, die für einen symbolischen Preis oder Gefallen für uns arbeiten. Den Künstlern können wir kein Budget zahlen, nicht einmal auslegen. Wir befinden uns in einem Stadtteil von Leipzig, der nicht gerade von kunstinteressierten Menschen übervölkert ist. Der Grund für die Wahl dieses Standortes ist aber nicht, dass ich so scharf auf die Rolle des Stadtteilbelebers bin, sondern der, dass eben nur für solche Bereiche großzügige Fördergelder bereit gestellt und Räume nahezug mietfrei vergeben werden. "Nichtkommerziell" zu sein ist für mich kein moralischer Grundsatz, sondern eine Tatsache. Wir verkaufen nichts. Aber ich glaube, Marike sieht das anders.

Marike Schreiber: Für mich war die Praline von Anfang an ein nichtkommerzielles Projekt. Von daher ist das Finanzproblem für mich keine Gefahr für unser alternatives Programm sondern Potential. Leerstehende Ladenflächen, die konventionelle Ausstellungsflächen bieten, gibt es in Leipzig wie Sand am Meer. Es wäre kein Problem gewesen, ein finanziell aussichtsreicheres Projekt zu starten und Galeriebetrieb zu spielen. Die Praline entspricht bewusst nicht diesem klassischen weißen Galerieraum, wodurch sich aber andere Ausstellungsformate ergeben.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Katharina Merten: Vor uns hatte glaube ich eine Dachdeckerfirma ihr Büro in dem Raum. Die saßen dann wohl hinter dem großen Schaufenster und haben auf die triste Hauptstraße geschaut.

Marike Schreiber: Ein Späti, Döner oder Jeansmodengeschäft.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Katharina Merten: Noch ein Kunstraum in zentraler Lage und einer in einer anderen Stadt.

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 2008

Leitung: Marike Schreiber und Katharina Merten

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Immer wieder neue, die besorgen sich die Künstler selbst aus dem Freundes - und Bekanntenkreis. Unsere Freunde werden auch immer wieder genötigt, irgendwas von A nach B zu rücken.

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: Katharina: Naja, diese Formulierung gibt ja schon eine Leserichtung vor. Wir haben uns die Arbeit selbst ausgesucht und machen auch nur so viel wie wir wollen. Das Projekt öffnet uns außerdem wieder andere Wege auf denen manchmal auch Geld oder eine andere Aufwandsentschädigung liegt. Unbezahlt ist der Job also nicht.

Ausstellungsfläche: 10qm Bodenfläche und ein 2,3qm großes Schaufenster.

Jahresbudget: Keines, wir zehren allerdings dank der fleißigen Antragsteller mit aus dem Topf des Netzwerkes mit den andern Kunsträumen.

"Praline"

Lützner Straße 39, Leipzig
http://www.praline-leipzig.de/
praline-leipzig@web.de