Off-Spaces: Atelier Zwischen den Häusern - Marburg

Der Off-Space Zwischen den Häusern in Marburg

Jede Woche präsentiert art die angesagtesten alternativen Kunstorte Deutschlands. Diesmal: Zwischen den Häusern in Marburg
Trainingslager der Subkultur:Der Off-Space Zwischen den Häusern in Marburg

Ein ausgeklügerter, perspektivischer Schattenwurf, Ursula Eske: Installation, 2009, Stahlblech, 17 Stahlbögen, Kunststoffschienen, LED, 400 x 70 x 80 cm

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Das Atelier "Zwischen den Häusern" ist für Rauminstallationen im historischen Gewölbekeller, Performances und Straßenaktionen bekannt. Die Menschen kommen, weil sie bei mir anregende Kunst erleben. Mein Anspruch ist, die Kunst mit vielen Sinnen zu spüren, und sich nicht nur theoretisch damit auseinander zu setzen.

In und mit der Kunst zu kommunizieren heißt: Der Besucher kommt in meine Räume und beginnt eine Kommunikation mit dem Werk. Dies spricht viele Menschen an, auch diejenigen, die bisher noch keinen persönlichen Zugang zur Kunst gefunden hatten.

Und der größte Misserfolg?

Wie bemisst man einen Erfolg beziehungsweise Misserfolg? Wenn etwas anders gelaufen ist als geplant, dann war es eben anders.
Ich teile die Aussage von Josef Beuys: "Wenn ich weiß, was bei einer Sache herauskommt, brauche ich sie gar nicht erst zu machen."

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Ich möchte gerne eine große kinetische Installation mit Künstlerkolleginnen und Kollegen entwickeln. Dieses Projekt sollte vom Gewölbekeller nach oben verlaufen und den Raum außerhalb des Ateliers weiträumig einbeziehen. Dies erfordert Durchbruch- und Umbauarbeiten.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Meine konzeptionelle Arbeit beruht auf dem Dialog mit dem Ort des Geschehens mit all seinen architektonischen, optischen, gesellschaftlichen und situationsbedingten Besonderheiten. Mir geht es um eine spezifische Auseinandersetzung mit dem Raum, in dem ich arbeite. Es geht mir um Stadtentwicklung und um die Aktivierung von Prozessen durch das Einbeziehen der Bewohner.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Ich habe einen Kunstraum in Marburg geschaffen, der für viele Menschen interessant geworden ist. Die Bereitschaft, in einen "Kunstraum" zu gehen, möchte ich fördern.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich zusammen arbeite. Wir müssen zusammen harmonieren, und die Konzepte müssen stimmen. Ich möchte eine gemeinsame Ausstellung nicht nur in Marburg präsentieren, sondern auch in der Region des eingeladenen Künstlers, der Künstlerin. Gerne lade ich Kunststudentinnen und -studenten ein, weil ich deren junge, zeitgenössische Kunst schätze und ihnen eine Möglichkeit für Präsentationen geben möchte.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Die "Magical Mystery Shuttle Tour":
Eine abenteuerliche Reise mit einem originellen Shuttle-Bus. Die Performance entstand im Rahmen der "Nacht der Kunst" am 18. Juni 2010 in Marburg. Sie war ein Beitrag zur Kunst und Kultur im Nordviertel der Stadt Marburg. Die Begehung der Straße Zwischenhausen startete im meinem "Atelier Zwischen den Häusern" und endete mit einer Musikperformance in dem Marburger Stadtgebiet Ketzerbach.

Es gab Leute, die wollten Karten für einen Sitzplatz vorbestellen. Aber der Bus hatte keine Räder, und schon gar keine Sitze. Die Fahrgäste hatten ihren Bus selbst zu tragen. Die neugierigen Besucher wurden mit Geschichten "wahr oder unwahr" aus dem Stadtteil überrascht. Ich habe Orte in Zwischenhausen und Ketzerbach ausgesucht, an denen Menschen jeden Tag vorbeigehen und doch werden diese bei der Fahrt anders wahrgenommen. Realität oder Fiktion, der Blick aufs Alltägliche verändert sich. So erzählte der "Busfahrer": Ein, heute abgedeckter, Brunnen habe den Ketzerbächern den Zugang zur Nordsee gesichert, den sie früher für ihre "Dippchen"-Schmugglereien ("Dippchen" sind kleine Töpfe, Anm.d.Red.) brauchten. Doch weil sie nur bis zum Marburger Stadtteil Gisselberg kamen, wandten sie sich leichter zu transportierenden Waren zu: Reliquen. Das habe dazu geführt, das heute drei Schädel, 25 Oberschenkelknochen und 271 Zähne der Heiligen Elisabeth in aller Welt verwahrt würden. Nun plage die Ketzerbächer das schlechte Gewissen. Prompt stieg ein Taucher aus dem Brunnen mit einem Knöchelchen in der Hand, das er zurückbringen sollte. Danach schritt ein Saxophonist im Wasserbad die Ketzerbach hinunter.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Wenn ich aus finanziellen Gründen nicht mehr frei arbeiten und ausstellen könnte.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Wenn ich meinen Raum nicht mehr hätte, würde ich mir einen anderen Off-Space schaffen.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Ich wünsche mir meinen Off-Space größer, er sollte zentral liegen, und ich möchte davon leben können.

Die Fragen beantwortete Ursula Eske.

Atelier "Zwischen den Häusern"

Adresse: Zwischenhausen 7-9, 35037 Marburg

Öffnungszeiten:

Do 16 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 14 Uhr u. nach Vereinbarung

Nächste Vernissage:

25.November 2011, "Turbulenzen"


Fakten, Fakten, Fakten:
Gründungsjahr: 2002
Leitung: Ursula Eske,
Wie viele Helfer/Mitarbeiter: verschieden,
Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: unzählbare Stunden,
Ausstellungsfläche: 20 Quadratmeter,
Altersdurchschnitt der Besucher: 30-40 Jahre

esque@t-online.de