Off-Spaces: Westwerk - Hamburg

Off-Spaces: Westwerk

In der Serie "Off-Spaces" präsentiert art alternative Kunstorte. Diesmal: Das Westwerk in Hamburg
Trainingslager der Subkultur:Off-Spaces: Westwerk

Katrin Connan und Renata Palekcic Pasel: "Du und Ich im Dickicht", Ausstellung und Installation im Westwerk, Mai 2010

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Rein zahlenmäßig war das eine gigantisch besuchte Gruppenausstellung, die wir im Oktober 2008 gemeinsam mit "Feinkunst Krüger" veranstaltet haben. Eine Art Jubiläums-Kunst-Event für die uns sehr nahe stehende kleine Galerie von Ralf Krüger. Da kamen weit über 500 Gäste zur Vernissage. Eine Vernissage ist eine Vernissage ist eine Vernissage: Nach der Eröffnung kommt eher das länger hinschauende, nachdenklichere und vielleicht neugierigere Publikum.

Es gibt weniger spektakuläre Erfolge wie die Ausstellung im Juni 2011 mit einer großen und sehr beeindruckenden Rauminstallation von Janine Eggert und Philipp Ricklefs, die mit der Gemeinschaftseröffnung der benachbarten Galerien einherging. Hier heißt "bestbesucht" dann extrem kommunikativ und austauschfreudig mit vielen verschiedenen Gesichtern eng im Raum stehend und bis spät in der Nacht bleibend, "bestbesucht" im Sinne von Qualität.

Und der größte Misserfolg?

Misserfolg im Sinne von Nicht-Gelingen gehört natürlich zu unserer Arbeit dazu, von "Misserfolg" zu sprechen ist trotzdem schwer. Unsere Idee im Westwerk ist auch, zu experimentieren und Offenheit gegenüber künstlerischen Ideen zu zeigen, die unangepasst und wagemutig sind. Bei der Realisierung können manche Künstler eben ihr Versprechen nicht halten, zeigen sich doch als angepasst oder nicht sonderlich risikofreudig. Und natürlich gibt es unter den Kollegen im Haus sehr unterschiedliche Auffassungen, was eine gute Ausstellung ausmacht. Da gibt es Sachen, die im Westwerk präsentiert werden, für die ich mich persönlich nicht eingesetzt hätte. Es gehört zu unserem Prinzip der Programmkonzeption, dass diese Unterschiede auch nebeneinander sichtbar sind. Da gibt es außer den Räumlichkeiten selbst keine homogene "Westwerk-Signatur", und deswegen findet man eine lebendige Topographie des Geschmacks in unserem Programm! Daher sind wir Betreiber seltenst einer Meinung darüber, ob etwas gelungen ist oder nicht. Auf lange Sicht ist das egal. Mal zu scheitern ist ein wichtiges Element der Arbeit, wenn man was daraus lernen will, oder?

Trauriger auf mich wirken eher miserabel besuchte Konzerte. Wenn Musiker von weit her reisen, auch noch hochkarätig spielen und keiner kommt. Egal wie gut die Werbung war: Wenn ein Konzert in den Medien nicht gepriesen oder "angehypt" wird, wenn sogar die eigenen Freunde meinen, sie seien an dem Abend zu müde gewesen oder nur "nach Entspannung" aus, da werde ich sehr sauer.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Solche Phantasien blühen immer wieder auf, gerade wenn die Situation finanziell sehr knapp ist, wenn wir etwas ratlos werden, wie wir unsere Arbeit finanzieren sollen, dass uns Geld plötzlich in unfassbaren Mengen zur Verfügung stehen würde! Im Grunde, so unwitzig wie es klingt, das Einzige, was mit mehr Geld anders wäre: Man würde vielleicht einen kleinen Schritt weiter weg von der Prekarität machen können. Es nervt manchmal wirklich, kein Geld zu haben, aber deswegen ist unser Programm eben, wie es ist. Und wenn ich ein anderes, finanziell bequem ausgepolstertes Programm machen wollte, dann wäre das Westwerk dafür nicht der richtige Ort.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Spiel und Ernst, Lust und Neugier, Kritik und Humor zu verbinden in einer abwechslungsreichen Serie von Ausstellungen und Events, die ihre Motivation in den Forschungen der Künstler und in der unbequemen Auseinandersetzung mit dieser aufreibenden und schönen Stadt sucht – mehr "und" statt "aber".

Was ist Ihre Motivation einen solchen Off-Space zu betreiben?

Man macht durch diese Arbeit allerhand interessante Begegnungen, wird direkter Zeuge von künstlerischen Prozessen, was ich als ganz großes Privileg betrachte, ob selbst als Künstler oder in meiner Begegnung mit Kunst als Mensch. Bei aller Arbeit, die dies mitbringt, hier lernt man, was eine wirkliche Kollaboration ist, wie Networking im besten Sinne funktionieren kann, und was für seltsame Blüten das Leben in der Kultur treiben kann! Außerdem empfinde ich es beinahe als eine Art "Bürgerpflicht", den über die Jahre mühsam erkämpften Freiraum für künstlerische Experimente und den nicht wirtschaftlich gesteuerten kulturellen Dialog in dieser Stadt zu verteidigen und auszubauen. Dazu hat Westwerk das große Glück, über solch geniale Räume in dieser absolut zentralen Lage zu verfügen, wo Off-Kunst und Off-Kultur im Grunde komplett undenkbar sind, und die wahrscheinlich sofort in einen schmucken Juweliers-Display-Room oder eine sehr exklusive Verkaufslocation für sonst was Unbrauchbares morphen würden, wenn wir irgendwann von hier weggehen müssten. Solche Räume DARF man nicht aufgeben: Allein die schiere Unmöglichkeit der Vorstellung, dass Westwerk hier logiert, ist Grund genug, den Verein weiter zu betreiben.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Die Auswahl der Künstler spiegelt die verschiedenen Interessenslagen der Mitglieder in unserem Verein, die an der Entwicklung des Kunstprogramms mitarbeiten. Alle bringen Vorschläge ein, da gibt es keinen Katalog der formalen Kriterien, die sich nach Alter, Medium, bisheriger Erfahrung, Verkaufsträchtigkeit oder Profil richten. Inspirierte Willkür mit einer kleinen Portion Strukturdenken. Es sollen vor allem Künstler und Künstlerinnen hier eine Chance bekommen, deren Arbeit woanders eher schwer unterzubringen ist. Das ist der Vorteil einer größeren Ausstellungshalle wie dem Westwerk, in der auch Installationen, Gruppenarbeiten und Sound- und Projektionsarbeiten präsentiert werden können. Dafür müssen die Arbeiten auch dem Raum gerecht werden – vielleicht also doch ein Kriterium!

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Als die experimentelle Musikgruppe "Faust" bei uns eine Klangperformance gemacht hat, sollten als dramaturgischer Effekt große Mengen von weißem Pulver über und ins Publikum geblasen werden. Leider hat jemand statt der gewünschten Styroporkügelchen einen Sack puren Kalks in die Windmaschine gekippt. Ein Desaster für die gesamte Technik, und ein Beinahdesaster für die Klamotten, Augen und Haare aller Besucher. Es war ein schrecklicher Fehler, aber scheinbar weil dies ein Off-Ort ist, wurde das Ganze von den Leuten mit erstaunlich viel Humor genommen. Im Theater hätte es Schadensersatzklagen gehagelt. Oder häufiger: Bei einer ganz stillen Performance, in einem Moment höchster Spannung läuft zum Beispiel eine Frau in High Heels scharf klackernd, Stahl auf Beton, direkt am Tor zur Westwerkhalle vorbei und redet laut quietschend was ganz Abstruses in ihr Handy, ein kurzer unwillkommener, manchmal aber sehr amüsanter Kommentar zum Geschehen in der Halle. Wir stehen der Straße eben sehr nahe …

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Warum sollte sie aufhören? Wenn sich ein Off-Space in politisch oder gesellschaftlich riskante oder problematische Gewässer begibt, gehört es zur gleichzeitigen Verantwortung dieser Freiheit, sich mit den Auswirkungen seines Tuns auseinanderzusetzen. Nicht nur die Freiheit, sondern auch diese Verantwortung sollte uns nicht weggenommen werden: Die gehören eben zusammen. Unsere Arbeit im alternativen Kunstort ist nicht nur da, um zu gefallen oder zu unterhalten, sie kann und soll auch provozieren und grundsätzlich die Frage nach der Notwendigkeit künstlerischer Freiheit stellen. So viele Freiräume werden von unserer Gesellschaft nicht eingeräumt, wir sind nur kleine Irrtümer oder schwarze Flecken im Gewebe der urbanen Wirtschaftlichkeit. Diese Plätze soll es eigentlich gar nicht geben, deswegen müssen sie behauptet werden – dabei kann und soll manchmal Porzellan zerschlagen werden, dabei können Fehler passieren. Dann gilt es, daraus zu lernen, aber nicht, eine fette Grenzlinie um die Freiheit zu ziehen.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Kann ich mir nicht anders vorstellen. Vielleicht wäre es ein kleiner, halbetablierter Kunstverein oder ein Erlebnisrestaurant. Oder eine Zoohandlung... Wenn das Westwerk nicht mehr in diesen Räumen agieren würde, existierte das Westwerk nicht mehr. Die Räume und deren Nutzung sind für diesen Kreis Menschen intimst miteinander verbunden, unzertrennlich.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Für die Zukunft von Westwerk? Eine flüssige und durchlässige Struktur für diese kleine Kultureinheit zu schaffen, in der passionierte, einfallsreiche und geschickte Menschen es verstehen, das Programm immer wieder zu erneuern und ausreichend Finanzierung für die laufenden Kosten zu bekommen, ohne dass Geldbeschaffung zum zentralen Thema des Hauses wird. Wünschen würde ich auch eine Vertiefung unserer Kontakte zu anderen Akteuren der Off-Szene, auch außerhalb Hamburgs. Ob zu älteren Off-Orten wie Frise oder zu jüngeren Gruppen wie dem Gängeviertel und anderen neuen Erscheinungen im Hamburger Kunstteich. Diese Verbindungen sind lebensnotwendig, wenn sich unsere Kulturauffassung stärken soll.

Was diese Stadt selbst angeht, wünschte ich über unsere Arbeit hinaus, dass die politisch Verantwortlichen sowie die (meisten) Medien und Meinungsmacher endlich der Kultur und Kulturarbeit in dieser reichen Stadt einen deutlich höheren Stellenwert beimessen und dementsprechend unterstützen und fördern würden. Kultur braucht keine Almosen und verdient es, nicht nur als Touristik-Faktor betrachtet zu werden. Die zentrale Bedeutung von kultureller Auseinandersetzung und Experiment innerhalb der Gesellschaft wird hier verkannt. Kultur auf allen Ebenen der Produktion und Präsentation ist nicht ein Geschenk, das man sich in konjunkturellen Blütezeiten leistet, man braucht sie umso mehr, wenn sich Unsicherheiten, Ängste und Intoleranz vermehren. In diesem Bereich hinkt Hamburg anderen deutschen Städten immens hinterher und vergeudet großartige Talente, die hier auf untersubventioniertem Boden herumschwirren. Wake up, will you!

Die Fragen beantwortete: Matthew Partridge

Gründungsjahr: 1985

Leitung: Matthew Partridge (1. von drei Vorsitzenden)

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Keine bezahlten Mitarbeiter; ca. 22 freiwillige Helfer und Mit-Produzenten.

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: ca. 80 Stunden (alle Beteiligten zusammen)

Ausstellungsfläche: ca. 220 qm

Altersdurchschnitt der Besucher: 34? (18 bis 75)

Jahresbudget: Who’s counting? Erstaunlich wenig.

Westwerk.

Admiralitätstraße 74
20459 Hamburg
http://www.westwerk.org/Westwerk/Willkommen.html