Off-Spaces - Reinraum Düsseldorf

Off Spaces: Reinraum Düsseldorf

Jede Woche präsentiert art die angesagtesten alternativen Kunstorte Deutschlands. Diesmal: der Reinraum in Düsseldorf.
Trainingslager der Subkultur:Diesmal: der Reinraum in Düsseldorf

Arbeit von Jan Jankovic und Sascha Kruse aus der Ausstellung "Mäander im reinraum", 2009

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Bernard Bückmann: Unsere mit Abstand bestbesuchte Ausstellung war zur Nacht der Museen 2005 eine Performance von Lisa Erb (H.O.M.E.) mit einer Schaumkanone, die als dramaturgisches Mittel gedacht war; aber die Nacht endete in einer wilden Schaumparty. An diesem Abend wurden weit mehr als 1 000 Besucher durch den Reinraum geschleust.

Und der größte Misserfolg?

Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass klassische Ölmalerei auf Leinwand keine harmonische Beziehung zum Raum eingeht; bei einer Ausstellung in den Anfangsjahren verfehlte dementsprechend die gezeigte Kunst ihre Wirkung. Seither achten wir noch stärker auf ein stimmiges Gesamtkonzept des Künstlers.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

2005 realisierten wir die Gruppenausstellung "Badeanstalt" mit Beteiligung von zwölf Künstlern, was ein Riesenerfolg war. Als nächstes würden wir gerne einen Schritt weiter gehen und die ganze Räumlichkeit als Tauchbecken fluten, um eine Unterwasserperformance samt Koi-Karpfen zu zeigen.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Ein außergewöhnlicher Ort mit außergewöhnlicher Kunst für außergewöhnliche Gäste.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Obwohl wir alle hauptberuflich nicht im Kulturbetrieb tätig sind, hatten wir das Bedürfnis, mehr Kunst in unserem privaten Umfeld zu erleben. Nachdem wir dann eine seit über zehn Jahren nicht genutzte, unterirdische Toilettenanlage im Zentrum Düsseldorfs entdeckt hatten, konnten wir dieses ehemals stille Örtchen als Plattform für kulturelle und künstlerische Aktivitäten ins Leben rufen. Den Namen Reinraum haben wir dem Bereich der Mikroelektronik entliehen. Dort haben Reinräume den Zweck, einen definierten Raum zu schaffen, in dem unter "reinen" Bedingungen gearbeitet werden kann. Während Betreiber von Reinräumen einen Eignungsnachweis für die Verwendung von Betriebsmitteln gemäß VDI-Richtlinienentwurf 2083 Blatt 8 fordern, ist die Reinraum-Reintauglichkeit in unserem Sinne entsprechend der hygienischen Anforderungen bereits gegeben: geruchsarm, fettfrei und steril desinfiziert. Der Reinraum lebt mit und von der Initiative seiner Mitglieder.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Das Konzept muss stimmen, Kunst und Künstlerin muss zum Raum und zu uns passen.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Aufgrund unserer Wurzeln, die wir nicht leugnen wollen, befinden sich noch ein halbes Dutzend historische Pissoir-Becken im größten Ausstellungsraum. Um diese gut zur Geltung kommen zu lassen, befinden sich Halogenspots in den ehemaligen Abflüssen. Daher war unser Entsetzen groß, als bei einer der ersten Ausstellungen ein feiner Herr zielstrebig an allen Besuchern vorbei von seinem Bedürfnis getrieben zu den Becken schritt. Ohne sich über Musik, Menschen, Kunst und Gespräche weiter zu wundern, setzte er dazu an sein kleines Geschäft zu verrichten. Eines unserer Mitglieder konnte durch mutiges Einschreiten das erste Stromopfer der jüngeren Kunstgeschichte verhindern.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Dort, wo Rechte anderer anfangen.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Dann würde das Wohnzimmer in unserem Freundeskreis fehlen.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Dass es nicht mehr durch unsere Oberlichter reinregnet und wir damit der Kunst endlich wieder eine würdevolle und professionelle Umgebung bieten können.

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 2002

Leitung: Lutz Pakendorf und Bernard Bückmann

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Mitglieder: 47, davon ca. 25 aktive Mitglieder: Anke Plöger, Anne Szartowicz, Evelin Tscheslog, Gönül Erdogan, Indre Runk, Ilse Neuenhofen, Isgard Kracht, Katrin Grönegras, Mel Möthrath, Stef Wallace, Tine Pakendorf, Bernard Bückmann, Frank Gerhards, Haik Dawidjan, Heinz Oberheim, Kay Heite , Lutz Pakendorf, Peter Erhard, Tim Grönegras, Tobias Schlattmann, Waldemar Bednorz, Wolfgang Grund

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: 2-3 Stunden pro aktives Mitglied

Ausstellungsfläche: 60 qm

Altersdurchschnitt der Besucher: 40 Jahre

Jahresbudget: 10.000 Euro

"Reinraum e.V."

Adersstr. 30a, 40215 Düsseldorf. Aktuelle Ausstellung: ab 9.4. Anabel Jujol "Intravision 2010: Offenes Labor". Geöffnet: Mittwochs von 19.30 bis 22 Uhr
http://www.reinraum-ev.de/
info@reinraum-ev.de