Off-Spaces: Schau Fenster - Berlin

Off-Spaces: Schau Fenster

Trainingslager der Subkultur: In der Serie "Off-Spaces" präsentiert art alternative Kunstorte. Diesmal: Schau Fenster in Berlin

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Das waren wohl die von den Künstlern Amelie und Philip Grözinger, sowie Sebastiaan Schlicher und mir kuratierte Auftaktausstellung „Frische Früchte für verrottendes Gemüse“ und die von Lukas Feireiss organisierte Schau „3 The Hard Way“.

Bei den Frischen Früchten haben wir die Arbeiten von 13 sehr eigenständigen Berliner KünstlerInnen wie Awst & Walther, Laura Bruce und Christoph Krönke gezeigt, die allesamt für den sehr produktiven Teil der Berliner Szene stehen. Feireiss, der sich stark mit Interventionen im öffentlichen Raum und Archtiektur auseinandersetzt, gelang es vier herausragende niederländische Urban Artists (Delta, Haas&Hahn, Jeroem Kramer) nach Kreuzberg zu bringen.



Und der größte Misserfolg?

Schwer zu sagen, weil bisher alle Ausstellungen inhaltlich stark waren und auch gut besucht wurden. Das nimmt sich nicht viel. Seit Januar wird die gute alte Off-Reihe GLUE im Schau Fenster fortgesetzt. Da diese zuvor zwei, drei Jahre pausiert hat, war der Auftakt nicht soo gut besucht, aber das hat sich mittlerweile auch eingependelt.



Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

„Sonic Youth's Cover Art“ mit Gerhard Richter und Raymond Pettibon.



Ihre Philosophie bzw. Ihr Konzept in einem Satz?

Bring sie alle zusammen!



Was ist Ihre Motivation einen solchen Off-Space zu betreiben?

Die Freude am Kunstzeigen. Das geht vom Kontakt zum Künstler und der Auseinandersetzung mit seiner Arbeit, über die Auswahl, das Hängen, Kommunizieren bis zum Vernissage feiern, das bei uns immer lang und fröhlich ausfällt, weil wir in den hinteren Raum noch eine Bar und einen DJ stellen. Das alles ist extrem vielseitig und erfüllend. Ich komme ja eigentlich aus der Musik und habe vor über acht Jahren mit der Party Arty Reihe begonnen, die die Welten Musik und Kunst zusammen und durcheinander bringt. Stell den ausstellenden Künstler und den DJ nachts an den Tresen, gib ihnen Vodka und freu dich darüber, wieviel sie sich zu sagen haben. All meine festen Off Space Projekte sind aus diesem Geist.



Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Ganz eklektisch, nach Geschmack. Ich arbeite außerdem mit verschiedenen Kuratoren wie Uwe-Karsten Günther vom Laden für Nicht in Leipzig oder Stéphane Bauer vom Kunstraum Kreuzberg zusammen. Da ich von Außen komme, leiste ich mir die Arroganz und zeige, was mir gefällt. Das sind Künstler aus dem Urban Art Bereich und welche von den Kunsthochschulen. Wichtig ist, dass die Arbeit berührt, vielleicht sogar verstört, etwas vermittelt, dass über die ästhetische Oberfläche hinausweist. Der Künstler soll mir was sagen wollen. Und mich rocken.



Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:


Wir haben das Schau Fensters mit einem Happening eingeweiht: Jim Avignon, Jon Burgerman, Gogoplata und Chérie von Warren Suicide malten live zu einer Soundperformance des Musikers Thomas Mahmoud. Das Publikum musste von der Straße aus zu sehen, es sei denn man kaufte einen der Maleroveralls, die wir auch alle trugen und wurde dann ebenfalls bemalt. Ich stand in der Tür und kassierte für die Anzüge, als drei Jungs fragten, ob sie rein dürften. Nur wenn ihr nen Anzug kauft. Dürfen wir dann mitmalen? Nee, nur die Künstler auf dem Flyer! Wir machen nämlich Grafitti. Ich gab ihnen mit dem Esprit von zwei Gläsern Sekt High Five. Sie nannten ihre Crew. Ich gab ihnen wieder einen Handschlag, obwohl ich auch durchaus gefährliche Geschichten von dieser Gruppe gehört hatte. Man will sich ja nicht gleich am Anfang Feinde machen. Sie akzeptierten das und zogen weiter. Zwei Stunden später stand die Polizei vorm Fenster, immerhin hatten wir Boxen auf die Straße gestellt. Ob die Veranstaltung angemeldet sei. Ach, muss ich das? Nachdem die Beamten meine Daten aufgenommen hatten, lud ich sie ein, trotz fehlenden Maleroveralls einzutreten und eine Cola zu trinken. Ach, damit wir ooch anjemalt werden?! Genau, dann sind sie und ihre Uniform auch Teil der Kunst! Sie lachten, fuhren ab und kamen nie wieder.




Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Wie sollte sie aufhören? Vielleicht wenn Raum unbezahlbar wird. Aber dann wird man andere Wege und Möglichkeiten finden. Es braucht doch nur das Engagement, die Leidenschaft und den Enthusiasmus von ein paar Idealisten.


Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Ich bin ja kein Raum, sondern eine Person, die Raum bespielt. Das Schau Fenster ist zentrales Off und das ist gut so.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Mehr Mittel für Projekte. Geld und Zeit, um Projekte ordentlich umzusetzen und das sich alles angemessen fortbewegt. Ansonsten kann es bleiben, wie es ist.

Die Fragen beantwortete Jan Kage.


Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: Schau Fenster: August 2010, Party Arty: 2003

Leitung: Jan Kage

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: 2 Helfer plus die Kuratoren und die Künstler an der Bar

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: 20 Stunden

Ausstellungsfläche: knappe 100 qm

Altersdurchschnitt der Besucher: 30 bis 40

Jahresbudget: 6000 €

Schau Fenster

Schauraum für Kunst
Lobeckstraße 30-35
10969 Berlin
http://www.schau-fenster.info
yaneq@motorfm.de